Mangel an Leben

Im Gespräch Der HipHopper Henrik von Holtum über Schwierigkeiten mit der "Heimat", die befreiende Aneignung eines Treppengeländers und eine gute Kugel Eis im Sommer

Gehört wird HipHop in der Öffentlichkeit, wenn schockierende Texte wie die homophoben Lyrics von Bushido für Empörung sorgen. Oder wenn die Ansichten seiner Protagonisten in Frage stehen wie zuletzt bei dem Vorzeige-Integrationsrapper Muhabbet und dessen Äußerungen zum Mord an Theo van Gogh. Aber wird dann wirklich HipHop gehört? Zeit für ein grundsätzliches Gespräch mit Henrik von Holtum, dem MC der Band Kinderzimmer Productions, gegründet 1994. Zur Band gehört noch Sascha Klammt; in diesem Sommer erschien das Album Asphalt.

FREITAG: Im HipHop geht es um Wahrhaftigkeit, richtig?
HENRIK VON HOLTUM: Zwei Kernaussagen, die HipHop getroffen hat - HipHop gibt wenig Gebrauchsanweisungen - sind: "Imitiere nicht" und "Keep it real". Keep it real ist wahnsinnig missbraucht worden, im Prinzip heißt das, es wahrhaftig zu lassen. Das ist das Zentrale im HipHop. Wir haben unsere Musik auf diesen beiden Grundsätzen aufgebaut.

Inwiefern missbraucht worden?
Keep it real ist zu einer Phrase geworden, die die Leute nach dem Hallo einschieben, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was das bedeutet. Man steigt bei einer Freestyle Battle auf die Bühne und sagt erst mal: Yeah, keep it real. Wenn man dann in Leinfelden-Echterdingen in einem Jugendhaus steht und sich gebärdet, als wäre man die größte Drecksau auf den Straßen von New York, dann ist das mit dem "Keep it real" nicht so richtig ernst zu nehmen.

Sie kommen aus Ulm.
Wir kommen aus Ulm, aber für unsere Arbeit ist das egal. Was nicht egal ist: dass wir ein spezieller Jahrgang sind, also um 1974 herum geboren. Und dass wir aus einem mittelständischen Umfeld kommen, Abitur gemacht haben, also in eine Welt reingewachsen sind, die in dem Sinne keine finanziellen Probleme kennt.

Warum ist der Jahrgang wichtig?
Wir haben den Aufbruch der New School in vollem Bewusstsein erlebt. Diesen Break in der Geschichte des HipHop halte ich für genauso relevant wie den in der Jazzgeschichte zwischen dem Swing der zwanziger Jahre und Modern Jazz. Es hat sich eindeutig etwas geändert. Ich glaube, dass unsere Generation deswegen so unglaublich stark auf HipHop angesprungen ist. Der Mangel in den meisten von uns hat uns porös gemacht dafür, wie HipHop funktioniert. Man saugt ihn auf, inständig, weil man einfach Nachholbedarf hat, ohne vorher überhaupt gewusst zu haben, dass da was gefehlt hat.

Welchen Mangel meinen Sie?
Ich habe das Gefühl, dass ein Mangel durch alle Nachkriegsgenerationen geht. Nachdem der erste Hunger gestillt war und Deutschland wieder aufgebaut, stand man da mit Fassaden. Und spürte den Mangel an Leben. Mein Eindruck ist, dass in meiner Generation der Wunsch nach etwas Konstruktivem unglaublich stark gewesen ist; der Gedanke, unbedingt etwas machen zu wollen. Und dafür bietet HipHop eine Form. Absolute Entschlossenheit auf der einen Seite, dieses Es-ist-mir-egal-was-mir-da-in-den-Weg-kommt - was Punk auch hatte, aber vehementer und destruktiver -, und dieses Konstruktive auf der anderen Seite. Das fand ich kulturrevolutionär. Die Idee, mit zwei Plattenspielern Musik zu machen, sich auf nichts in der Kulturgeschichte zu berufen, nicht auf Instrumente, das war, als hätte jemand eine Bombe platzen lassen.

Gibt es etwas, woran Sie glauben?
Ich glaube, dass in jeder Handlung Wahrheit liegt, und dass man sie, wenn man die Dinge richtig macht, auch sehen kann. Es ist dann egal, ob man Musik macht oder irgend etwas anderes. Es ist das, was einen ganz macht. Ich habe "heile Welt" nie verstanden als das Fehlen von Konflikten, sondern als den richtigen Umgang mit allem, was da ist, also auch den Umgang mit Aggression. Man hat nicht die Möglichkeit, etwas auszulassen, man kann nichts vernichten. Der Krieg etwa: Jeder Versuch, etwas auszulöschen, schlägt gnadenlos zurück.

Es ist doch aber viel vernichtet worden.
Man kann viel vernichten, aber man wird damit nicht durchkommen. Man kriegt die Weltherrschaft nicht, man kriegt den Menschen nicht kontrolliert, man kriegt ihn nicht verändert in der Form.

Gibt es für Sie so etwas wie eine geistige Heimat, oder ist das ein zu großes Wort?
Es wird noch viele Jahre dauern, bevor man gewisse Worte wieder benutzen kann, ohne dass es einem den Nacken zusammenzieht. Heimat ist so eines. Es gibt die Generation, die sich stark in der Antifa organisiert hat, die alles, wo deutsch davor steht, automatisch wegschiebt, ein Reflex. Ich kann das nachvollziehen, aber das funktioniert nicht, weil es wieder nur um Ausgrenzung geht. Das Ausbalancieren, bis wohin ist "Heimat" gut und ab wann kippt es, wird chauvinistisch, arrogant, vielleicht auch zerstörerisch, das wird wahrscheinlich die Aufgabe der nächsten Generationen sein. Ich wollte mich dem entziehen und habe es nicht geschafft. Dann kam die Faszination HipHop, der Gedanke, wenn man das leben kann, dann hat man was. Uns war auch klar, dass wir das nicht ganz leben können, dass das Konzept HipHop nicht übertragbar ist, dass die Qualität, die drin steckt, verarbeitet werden muss. Das hat bis heute keine wirkliche Form gefunden.

Wieso nicht?
Ich dachte ja wirklich, HipHop wäre in all seinen Formen wie aus dem Nichts hereingeplatzt. Tatsächlich ist das, was HipHop aufgegriffen hat, Kultur. Die HipHopper in den amerikanischen Ghettos sind in eine Umgebung reingewachsen, haben Leute tanzen sehen und Musik machen hören, haben das aufgenommen und transformiert. Aber wir in Deutschland hatten keine Kultur, an die wir hätten andocken können. Es gibt nur einen Traditionszweig in der deutschen Musik, der stringent ist, das ist E-Musik. Darauf kann man sich beim HipHop kaum berufen, weil sie so vergeistigt ist, wenig körperliche Aspekte hat. Feste zu feiern und zu tanzen, da gibt´s bei uns - eine Ausnahme bildet zum Teil Bayern - keine gelebte Tradition. Die haben wir nur als Musikantenstadl erlebt, ein Heile-Welt-Poster. Das war so falsch wie nur irgendwas. Der Versuch bestand darin, diese Lücke mit Importen aufzufüllen. Eine gewisse Distanz ist geblieben, die ist auch richtig. Es gibt genug Leute, die in ihrer Arbeit auf diese Lücke hingewiesen haben. Leute wie Rio Reiser oder die Traditionslinie, die sich daran anschließt. Bei Ton, Steine, Scherben klingt der Mangel zum ersten Mal so kaputt, wie er ist.

Wird Mangel heute nicht eher wieder als größer empfunden? In den sechziger und siebziger Jahren gab es viele Versuche, etwas zu verändern, Hoffnung darauf und Freude daran, gemeinsam etwas zu bewegen.
Ja, aber das war dual. Viele Ziele definierten sich über ein Feindbild. Mein Eindruck ist, dass der Widerstand so laut wie die Struktur verkrustet war.

Heute ist er leiser geworden.
Je älter ich geworden bin, desto mehr habe ich gemerkt, wie viele Leute Vergleichbares gemacht haben, wo sie sich ihre Freiheit genommen haben. Was ich mag, ist nicht so viel Aufwand zu betreiben. Ich sage: Ich habe ein Brett und ich habe Rollen drunter, ich habe Asphalt und einen Bordstein oder ein Treppengeländer, und das deute ich mir um zu dem, was ich darin sehen will. Die Umdeutung ist das, was ich als unglaubliche Freiheit empfunden habe - man hat zwar nicht die Gewalt, eine ganze Stadt abzureißen und neu aufzubauen, aber wie ich das Treppengeländer sehe, das bleibt bei mir. Und in dem Moment, wo ich es geschafft habe, das Treppengeländer zu etwas zu machen, was tatsächlich meins ist, bin ich auch frei.

Sie haben einmal gesagt, HipHop bedeutet gelebte Männlichkeit.
Ich bin groß geworden in dem Gefühl, dass eigentlich alles, was schief gelaufen ist, ein männliches Problem ist, also ein männliches Verhalten und mitteleuropäisch-weiß, also genau: ich. Das heißt alles, was ich im Prinzip bin, muss einer strengen Kontrolle unterliegen, weil ich potenziell gefährlich bin. Im HipHop muss man seine Energie nicht festhalten, man kann sie laufen lassen. Man muss nicht immer verständnisvoll, zurückgenommen sein, auch wenn das Qualitäten sind. Im HipHop kann man sich selbst von der Leine nehmen und volle Möhre mit allem, was man drauf hat, alles geben, ohne dass was Schlimmes passiert, im Gegenteil. HipHop ist genau das: total überschwängliche, männliche Energie im allerpositivsten Sinn. Ohne Gewalttätigkeiten, ohne die ganze Schmierigkeit, ohne Machtmissbrauch, sondern einfach nur die Energie selbst.

Gewalttätigkeiten und Machtmissbrauch sind ja im HipHop durchaus Themen. Wenn ich mir heute Videoclips anschaue ...
Es ist schwer, den Punkt zu bestimmen, wann diese Form von Hoffnungslosigkeit die Oberhand gewonnen hat, weil die bis zu einem gewissen Grad schon immer da war. Es gibt einen frühen HipHop-Satz: Du hast keine Chance, nutze sie. Und es steckt ein gewisser Trotz im HipHop. HipHop ist ein Teenager mit allem, was ein Teenager sein kann. Das Erzählen der eigenen Situation vor dem Gedanken "Keep it real" hat Energie. Noch eins drauf zu setzen, die Verquickung mit dem Battle-Gedanken - mehr, schneller, höher -, das hat Dynamik. Irgendwann landet man da, wo es entweder sexistisch, Gewalt verherrlichend, geradeaus doof wird oder so kodiert, dass es missverständlich ist. HipHop hat aber nicht den Auftrag, alle glücklich zu machen. HipHop ist nicht das Vorzeigekind, das bei Kaffee und Kuchen seitengescheitelt erscheint und vor der Verwandtschaft die Teller rumreicht.

Ich vermute, dass viele Teenager die Rollenaufteilung, die sie beim HipHop erleben, eins zu eins übernehmen. Das ist die Aufteilung der Welt.
Ja, das glaube ich auch.

Dann geht die Sache aber nach hinten los.
Das, was mich mit HipHop verbindet und das, was heute als HipHop verstanden wird, deckt sich nur noch selten. HipHop hat viele Facetten und gerade dominiert der Entertainment-Aspekt. Dass da jetzt eine starke Nähe zwischen MC und Pimp, also Zuhälter, aufgetaucht ist, das hat Unterhaltungscharakter. Früher wurde HipHop durch Qualität zusammen gehalten. Das zählt nur noch bedingt.

Was wohl nicht gewollt ist.
Mit HipHop wurde nie ein Zweck verbunden. Es war einfach eine gute Kugel Eis im Sommer. Das Richtige im richtigen Moment. Also für mich ein sehr, sehr schöner Grund zu leben. Dass man diese Kugel jetzt so schwer bekommen kann, das ist schade. Aber ich habe nicht vor, auf der alten Form zu sitzen bis in alle Ewigkeit. Was vorbei ist, ist vorbei. Dann ist es vielleicht besser, sich nach anderen Formen umzuschauen, um das, was HipHop ursprünglich mal war, wieder herzustellen - weil das wahrhaftig ist.

Das Gespräch führte Jacqueline Dieckhoff

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