Mangel an Leidenschaft

Medientagebuch Format-, Info- und Kulturwellen: Die Reform der Radio-Sender soll Hörer am Abschalten hindern

Was haben die ARD-Kulturprogramme und die Deutsche Bahn gemeinsam? Beide verärgern ihre Stammkunden. So könnte man die aktuell durch die ARD-Radiosender rollende Modernisierungswelle zusammenfassen. Zunächst wurden unter dem Eindruck der Quotenerfolge privater Veranstalter die populären Wellen "formatisiert". Unter diesem Begriff ist zu verstehen, dass jede Welle direkt nach dem Einschalten an der klanglichen "Anmutung" erkennbar sein soll. Dem dienen neben einem verengten Musikkanon, der nicht mehr "aufgelegt", sondern von vorprogrammierten Computerfestplatten automatisch abgespielt wird, regelmäßig eingespielte "Jingles", die gerne auch nervtötend über das laufende Programm geblendet werden. Oberste Regel: es darf keinen Aus- oder Umschaltimpuls geben, also keine extravaganten polarisierenden Stücke oder Stimmen.

Nach diesen Richtlinien sind mittlerweile in fast jedem ARD-Sender Wellen für die Älteren (Volksmusik und Schlager), die Jüngeren (aktueller Pop) und den Mainstream (aktuelle Infos, weichgespülter Pop, Verkehrsfunk) formatisiert worden. Interessant dabei ist, dass zum Beispiel ein Programm wie die WDR-Jugendwelle 1live, die bei ihrer Gründung radikal verjüngt und aus dem Senderapparat ausgegliedert wurde, sogar die Marktführerschaft in ihrem Sendegebiet eroberte.

Neuerdings haben alle diese Formatwellen jedoch Identitätsprobleme. Die Älteren von Heute sind mit den Rolling Stones aufgewachsen. Ob die noch Karel Gott hören wollen? Die Gründungsfans der Jugendwellen aus den neunziger Jahren altern ebenfalls, die ganz Jungen dagegen bleiben weg, weil sie andere Medien nutzen. Je belangloser die Radioprogramme werden, umso leichter sind sie austauschbar. In vielen anderen Ländern hat das Fernsehen längst das Radio als Hintergrundrauschen abgelöst.

Neben den Formatwellen gibt es noch Informationswellen (in der Regel billige Deutschlandfunk-Kopien) und Kulturwellen (Klassik und Information). Die sind in vielen Sendegebieten jüngst unters Messer gekommen. Dabei standen sich in den Sendern meistens folgende Parteien gegenüber: auf der einen Seite Intendanten, Hörfunkdirektoren und Wellenmanager, denen es um ein gut verkaufbares Corporate Design, höhere Einschaltquoten und eine Verjüngung des Publikums geht. Dagegen stehen oft altgediente Redakteure, die einstmals mit inhaltlichen Ansprüchen in ihren Beruf eingestiegen sind, aus den oben beschriebenen Formatwellen abgeschoben wurden (störendes Wortprogramm) und nun verzweifelt und defensiv ihre letzten Reservate zu verteidigen suchten.

Diese Reservate sind durchaus verteidigenswert. Nur in den Kulturwellen wird Musik noch moderiert und erklärt. Nur hier durften noch für den Inhalt verantwortliche Redakteure ans Mikrofon, mit vielleicht weniger "mikrofontauglichen" Stimmen, aber dafür mehr inhaltlicher Empathie. Nur hier gibt es noch Wortstrecken, die länger als 2:30 sein dürfen und Themen behandeln, die über das Spektrum von Zeitungstitelseiten hinausreichen.

Die Angreifer von oben haben andere Kriterien: Nachdem sie ihre Formatwellen von inhaltlichem Ballast befreit hatten, waren die Kulturreservate die Wellen mit den wenigsten und ältesten Zuhörern zu den höchsten Kosten. Natürlich wollten sie daran "im Prinzip" nichts ändern, aber ein bisschen eben doch. Dabei könnten sie keine Rücksicht auf Partikularinteressen nehmen, wenn sich zum Beispiel Jazzfans über das Verschwinden von Spezialsendungen beschwerten. Weltmusikfans müssen sich in Berlin, Bremen und NRW mit Funkhaus Europa (das in NRW nur in der Hälfte des Landes empfangbar ist) als abgefunden betrachten. Ganz beiläufig wurde durch scheinbar kosmetische Maßnahmen ein Kostensenkungsprogramm durchgeführt. Der WDR zum Beispiel kürzte mehrere Wortsendungen um kosmetische fünf Minuten, die in der Summe eines Tages aber 30 Minuten, im Monat also eine Honorarsumme von 15 Stunden ausmachen können.

Wenige Erfolgsprogramme haben die Wellenmanager zu Magazinen aufgebläht. Das kann an der WDR-3-Sendung Mosaik verdeutlicht werden. Sie lief bisher als Kulturmagazin von acht bis neun. Die Spätaufsteher der Kulturszene hatten die Sendung als Pflichtprogramm im Tagesablauf, ein kompaktes gebrauchsfreundliches Angebot. Nun wurde die Sendung, weil ihr Name als Erfolgsmarke gilt, auf ein 3-Stunden-Magazin von 6 bis 9 Uhr ausgedehnt. Damit fällt sie als Pflichtprogramm für Profis aus, denn die haben keine Zeit für drei Stunden Aufmerksamkeit. Das verärgert die Stammkunden. Sie finden keinen "Einschaltpunkt" mehr, weil der Sender "Ausschaltpunkte" (so der Fachjargon) vermeiden will.

Dennoch sind Plädoyers für das Alte keine Hilfe. Natürlich müssen sich die Programmmacher die Frage stellen, wie sie nicht nur ihre Gemeinde pflegen, sondern auch neue und jüngere Hörer erreichen können. Richtig ist auch, von ihnen ressortübergreifendes Denken und Kooperation über enge Redaktionsgrenzen hinaus zu verlangen. Relativ schnell hätte ein Konsens darüber herstellbar sein müssen, dass kulturelle Information im Wortprogramm nicht zwingend über den ganzen Tag mit einer klassischen Musikfarbe verbunden sein muss. Denn das dürfte der eigentliche Grund ein, warum die Kundschaft solcher Programme schneller alterte als jede Stadttheatergemeinde. Ein Problem ist sicher auch, dass die Inhaber fester Planstellen in den Senderredaktionen selbst mittlerweile ein reifes Alter erreicht haben, eine Verjüngung mangels freier Stellen aber nicht möglich ist.

Diese Mitarbeiter zu neuem Denken zu veranlassen, das wäre die Managementaufgabe für Intendanten und Hörfunkdirektoren gewesen. Dafür hätten sie ihnen jedoch zuerst die Angst nehmen müssen, ihnen gehe etwas verloren. Das scheint nicht nur nicht gelungen zu sein, das war leider auch nicht gemeint. So ist bei dieser Reform so manches Kind mit dem Bade ausgeschüttet worden. Während das in Berlin immerhin noch für ein leichtes Rauschen und den einen oder anderen "Wutanfall" im Blätterwald gut war, ist es im Westen beim großen WDR unter leisem Grummeln in der Kulturszene einstimmig durch den Rundfunkrat gegangen. Dieser Mangel an Leidenschaft ist vielleicht das ernsteste Alarmzeichen.


00:00 13.02.2004

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