Mangel an Verwirklichungschancen

Einbruch des Lebens in die Theorie In seinem Buch "Ökonomie für den Menschen" untersucht Nobelpreisträger Amartya Sen den Zusammenhang von Wirtschaft und Freiheit

Dass das, was sich mit der "wirtschaftlichen Entwicklung" entwickelt, zunehmend menschenfeindliche Züge trägt, dass der weltweite Produktionsprozess "zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter" (MEW 23, 530), ist seit ziemlich genau 200 Jahren Ausgangspunkt wissenschaftlicher Analysen und politischer Revolutionen, die in neue Sackgassen geführt haben und bestenfalls der "Entwicklung" hinterherhinken. Die Menschheit hat offensichtlich keine Lebensweise gefunden, die den Bedürfnissen der Masse der Menschen und denen der Erde angemessen ist. Wo Antworten immer schwieriger werden, verstummt auch das Fragen. Das lässt sich an der Involution der Sozialwissenschaften in den letzten Jahrzehnten ablesen. Um so bemerkenswerter ist das Buch des 1933 geborenen indischen Wirtschaftswissenschaftlers A. Sen, der 1998 den Nobelpreis für Wirtschaft erhielt. Er definiert "Entwicklung" umfassender als in den Wirtschaftswissenschaften üblich. Durchaus auf dem Boden der traditionellen Theorie will er zeigen, dass "wirtschaftliche Entwicklung im Kern wachsende Freiheit bedeutet". Wo liegt des Pudels Kern?
Nach Sen liegt der entscheidende Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Freiheit nicht so sehr darin, dass wachsende Einkommen und technischer Fortschritt Mittel zur Erweiterung der Freiheiten bereitstellen, sondern dass Freiheit gleichzeitig höchstes Ziel, definiert als die Möglichkeit, ein "als sinnvoll erkanntes Leben zu führen", und wirksamstes Mittel der Entwicklung ist. Dieser breite Ansatz erfordert, dass in die Analyse die für Freiheit vitalen Institutionen, wie Märkte, Verwaltung, Gesundheits- und Bildungswesen, Kommunikation einbezogen werden. Die traditionelle Theorie von den Utilitaristen bis zur Wohlstandsökonomie hat sehr vereinfachende Vorstellungen über den Freiheitsspielraum, den wirtschaftliche Mittel bieten oder eröffnen. Ähnlich vereinfachend arbeiten die Theorien über den Wert und die Art der Freiheit selbst, wie zum Beispiel John Rawls und der radikale Liberalismus. Sen weist auf die Notwendigkeit hin, die Informationsbasis dieser Theorien zu erweitern und zusätzliche, wertende Gewichtungen einzuführen und zu diskutieren ("es gibt keinen Königsweg zur Bewertung"), um zu einer "Perspektive der Verwirklichungschancen" zu kommen, die theoretisch und pragmatisch relevant ist. Grob gesagt, die Verteilung von Tauschwerten sagt letztlich recht wenig aus über Freiheit und Gerechtigkeit. Dementsprechend wird Armut als "Mangel an Verwirklichungschancen" definiert, was unter anderem den Blick schärft für die großen Brüche in den reichen Industrieländern selbst und für irritierende Vergleiche, zum Beispiel die geringere Lebenserwartung der männlichen Afro-Amerikaner gegenüber den ärmeren Indern und Chinesen.
An der Kritik fetischistischer Gleichheitsbegriffe wird deutlich, welche Rolle umgekehrt Ungleichheit spielt bei der Produktion und Aufrechterhaltung von endemischer Armut, Hungerkatastrophen und Wirtschaftskrisen und wie wichtig politische Freiheiten, insbesondere die Partizipationsmöglichkeiten für Frauen in diesem Zusammenhang sind.
Bemerkenswert ist, dass der Autor ein allgemeines Bewertungsraster vorschlägt, das ebenso universal wie flexibel ist. Freiheit als Selbstverwirklichung ist kein spezifisch westlicher Wert, muss aber unter unterschiedlichen materiellen und kulturellen Verhältnissen immer neu interpretiert und erkämpft werden. Zwischen dem Zusammenhang von Menschenrechten und Wirtschaftsentwicklung, wie ihn A. Sen sieht, und dem, wie ihn die amerikanische Regierung oder der Durchschnittswestler propagiert, klafft ein unüberbrückbarer Unterschied. Das ist allerdings keine Interpretationsfrage. Indem A. Sen das ökonomische Denken des Westens, seine Theorien und Begriffe benutzt und überdenkt, zeigt er nicht nur die impliziten Mängel, insbesondere die Verkümmerung der Informationsbasis, sondern er zeigt den herrschaftsbedingten Missbrauch dieses Denkens.
Ökonomie für den Menschen ist eine Art Ehrenrettung des traditionellen ökonomischen Denkens von Aristoteles bis zu den Klassikern des 18. Jahrhunderts. Die Verkehrung der Verhältnisse, die sich darin äußert, dass weniger notwendige Arbeit zur Not, dass Erfindungen zum Trauma, "daß der Lehrer und die Krankenschwester sich von Sparzwängen mehr bedroht fühlen, als der Armeegeneral", ist nicht diesen Theorien geschuldet, sofern man bereit ist, sie immer wieder auf ihre Prämissen und ihre Logik zu überprüfen. Ein Einbruch des Lebens in die Theorie. Das ist sehr viel. Dass Nobelpreisträger und international renommierte und honorierte Vordenker dies überhaupt noch tun und fördern, gibt dem gesunden Menschenverstand eine Chance. Auch wenn in diesem Werk der unerbittliche Stachel der Frage "Wie lange hält uns die Erde noch aus und was nennen wir Freiheit" (Volker Braun) durch vorbildliche intellektuelle Verpackung UNO-verträglich gemacht wird.

Amartya Sen: Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft, Carl Hanser Verlag, München-Wien, 2000, 424 S., EUR 23,50

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00:00 15.02.2002

Ausgabe 38/2020

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