Mangel an Vielseitigkeit

Wechselwirkungen Eine Begegnung mit dem mongolischen Literaten Davahugijn Ganbold

Für wohl jeden interkulturell interessierten Menschen ist der Themen- und Personenkreis aus dem finno-ugrischen Bereich ein faszinierendes Reservoir. Der von Westen kommende Betrachter hat hier immer wieder die Gelegenheit, seine Sehnsucht nach exotischer Authentizität zu befriedigen. So ging es mir beispielsweise, als ich die finnische Universitätsstadt Jyväskulä besuchte, um am Weltkongress der Hungarologie teilzunehmen. Mir fiel ein junger Mann auf, der in ein langes hellbraunes Gewand aus sackleinenähnlichem Stoff gekleidet war. Ich hielt ihn für einen Mönch. Als wir ins Gespräch gekommen waren, stellte sich schnell heraus, dass er kein Mönch ist, sondern einfach seine heimatliche Nationaltracht trug. Er stammte aus der Mongolei.
Davahugijn Ganbold lebt seit 1989 in Budapest. Mit 27 Jahren kam er in die ungarische Hauptstadt. Zuvor hatte er bereits ein Studium der Philosophie an der Universität von Ulan-Bator absolviert und Ungarn 1988 im Rahmen einer kürzeren Reise zum ersten Mal besucht. Die Spur aus der Mongolei nach Europa war gelegt worden durch seine Studien über Bimba Rincen, einen bedeutenden mongolischen Sprachforscher, der 1956 in Budapest promovierte und später auch an den Universitäten in Bonn und Berlin wirkte. Ganbold studierte an der Eötvös Loránd-Universität Budapest zunächst weitere fünf Jahre lang Ungarische Sprache und Literatur, anschließend Orientalistik; beide Fächer schloss er mit einem Diplom ab und arbeitet nun an seiner Dissertation über den ungarischen Dichter Györgi Petri. Er ist Philosoph und Literaturhistoriker, kommt aus einer Sprache des altaischen Kulturkreises, und seine wissenschaftlichen Interessen gehen in Richtung komparativer Literaturforschung zwischen Ungarn und der Mongolei. Relevant ist dieser Ansatz, weil es sich in beiden Fällen um die Literatur eines kleinen Volkes handelt, wobei Ungarn allerdings nur im Vergleich zum Rest Europas, nicht aber zur Mongolei, als klein zu bezeichnen ist. Die ungarische Literatur, so Ganbold, habe alle geistigen Strömungen Europas aufgesogen und verwendet, während man dies von der mongolischen Literatur nicht sagen könne. Es gebe in der Geschichte der Mongolei nur eine einzige literarisch-künstlerische Stilrichtung, und das sei der Sozialistische Realismus gewesen, der aus politischen Gründen heute keine Gültigkeit mehr habe. "Es gibt keine kohärente Richtung, in die man sich derzeit bewegt", fügt Ganbold hinzu. Dennoch besitze die Mongolei eine sehr alte schriftliche Kultur, die sich in erster Linie im Zusammenhang mit der buddhistischen Tempelkultur entwickelt habe und voll barocker Schönheit sei.
"Die Menschen in der heutigen Mongolei sprechen kaum eine Weltsprache außer Russisch", so erklärt mein Gesprächspartner. Zwar habe es in der Zeit vom 16. bis zum 19. Jahrhundert Bestrebungen in der Mongolei gegeben, eine Weltliteratur entstehen zu lassen, doch letztlich seien diese Bemühungen am Mangel an Vielseitigkeit gescheitert - einer Vielseitigkeit, wie sie etwa die ungarische Literatur besitze.
Man muss sich vorstellen, dass die Mongolen mit 2,3 Millionen Menschen ein relativ kleines Volk sind, das aber eine Fläche von etwa der fünffachen Größe Deutschlands bewohnt. Die meisten Mongolen sind auch heute noch nomadisierende Hirten. Da die Mongolei geografisch in einem Raum liegt, der im Osten und Südosten von China und im Norden von Russland begrenzt wird, waren diese beiden Großkulturen auch die "natürlichen" Kolonisatoren. Die mongolische Literatur entstand in erster Linie um religiöse Zentren herum, also an den ersten stabilen Stätten, an denen eine Kultur entstehen konnte und gepflegt wurde. Es lässt sich auch, so Ganbold, sagen, dass in diesem Ambiente derjenige, der sich als Schriftsteller äußern wollte, einen schweren Stand hatte, da es ihm normalerweise an Bildung fehlte und er somit auch keine literarischen Methoden für sich entwickeln konnte. Nicht nur die russische Sprache, auch die russische Literatur ist im Land fast mehr bekannt als die eigene, die indigene Literatur. Sie hat aber die mongolische Literatur nicht gefördert, sondern in kolonisatorischer Weise unterdrückt. Doch selbst die Kenntnisse über die russische Literatur wurden nur in zensurierter Form den Mongolen weitergereicht.
Ganbold, inzwischen fast 40 Jahre alt, möchte später, wenn er nach Hause zurückgekehrt sein wird, für die mongolische Literatur wegweisend wirken. Er möchte die heute schreibenden mongolischen Autoren mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten auf Qualitäten der ungarischen Literatur hinweisen, die inspirieren sollen. Was beispielsweise die Poetologie betrifft, so kennt die mongolische Lyrik bisher nur das künstlerische Stilmittel der Alliteration. Sie könnte aus der ungarischen Ars poetica bereichernde Anstöße bekommen hinsichtlich von Metrik, Endreim und Symbolsprache. Auch der Umstand, dass die ungarische Literatur bürgerlich ist, könnte vielfältige Impulse an die mongolischen Autoren vermitteln. Diese müssten nur überhaupt einmal die Möglichkeit bekommen, mit der ungarischen kulturellen und sprachlichen Welt in Berührung zu treten. "Wertvolle Literatur ist ohne die Wechselwirkungen mit anderen Literaturen gar nicht vorstellbar", führt Ganbold seine Gedanken zu einem Schlusspunkt. Solche Wechselwirkungen hat es aber erstaunlicherweise bisher zwischen der ungarischen und der mongolischen Literatur praktisch noch nicht gegeben.
Das Ziel der wissenschaftlichen Arbeit dieses mongolischen Gelehrten liegt in einer Brückenfunktion zwischen den Sprachen und Literaturen Ungarns und der Mongolei. Hier hat er bereits Erfolge vorzuweisen. Zwei umfangreiche Buchpublikationen stehen unmittelbar vor der Veröffentlichung: eine ungarische Literaturanthologie in mongolischer Sprache und eine ungarische Literaturgeschichte, ebenfalls auf Mongolisch. Außerdem arbeitet Ganbold seit Jahren an einem ungarisch-mongolischen Lexikon, das inzwischen etwa 45.000 Stichwörter umfasst.
Nach dem Gespräch ist mir noch klarer, was für einen ungewöhnlichen Menschen ich hier getroffen habe. Dieser bescheidene, gelassen wirkende, nur durch seine Tracht auffallende Mann leistet mit unendlicher Zähigkeit literaturwissenschaftliche Pionierarbeit. Bemerkt habe ich ihn nur, weil er sich - von ihm aus gesehen nach Westen - in den ungarischen, also den finno-ugrischen Kulturraum begeben hat.

00:00 09.08.2002

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