Mangel macht manches auch leichter

Im Gespräch Der Theaterkurator Rainer Hofmann über die Renaissance des Politischen, die Kraft von ästhetischer Selbstreflexion und Lokalpolitik auf der Bühne

FREITAG: Das Festival "Politik im Freien Theater" steht unter dem Motto: "Echt!" Warum?
RAINER HOFMANN: "Echt!" hat mit einer Entwicklung der freien Theater in den letzten sieben Jahren zu tun. Ich nenne das die Rückkehr des Dokumentarischen ins Theater. Damit ist die Frage verknüpft, ob mit den Mitteln des klassischen Repräsentations- und Schauspielertheaters der Wirklichkeit heute noch beizukommen ist. Oder ob nicht dokumentarische Mittel und nicht ausgebildete Performer, so genannte Komplizen oder Experten des Alltags, näher ans "wahre Leben" heranführen. Es geht darum, Fragen ans Theater zu stellen. Was ist echt? Wie ist das Verhältnis von Fiktivem zu Dokumentarischem, von Vorgefundenem zu Inszeniertem?

Ist die Off-Szene besser geeignet, politisch zu sein als das Stadttheater?
Die freie Szene hat zum einen im Gegensatz zu den Stadttheatern nicht den Auftrag, Kultur- oder Literaturpflege zu betreiben. Das hängt auch mit einer Zuschauererwartung zusammen. Nach wie vor wird von einem durchschnittlichen Stadttheater durchaus zu Recht der Literaturkanon erwartet. Und die Ansicht, wie man damit umzugehen hat, heißt oft gerade nicht: Politisierung. Ohne die Stadttheater als konservativ hinstellen zu wollen, sind die Off-Theater erst einmal frei von solchen Erwartungen und nutzen diesen Spielraum zur Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftspolitischen Themen. Holländische und belgische Theater etwa haben deshalb ästhetisch so viel entwickelt in den letzten 30 Jahren, weil sie ohne literarischen Kanon auskommen. Zum zweiten gibt es gewisse ästhetische Formen, die im freien Theater leichter gedeihen, weil es keine festen Ensembles gibt. Mit dem, was man unter neuen dokumentarischen Formen oder Postdramatik versteht, tut sich das freie Theater leichter, auch weil es ärmer ist.

Im Stadttheater hat es aber durchaus eine Zeit starker Politisierung gegeben.
Aber die fand anhand von Texten statt, was auch toll war. In den großen Zeiten von Achternbusch, Kroetz oder Fleißer hat das Drama sehr gewonnen. Aber die Formen, die sich nicht an ein Drama, an klassisches Rollenspiel anschließen, finden sich im freien Theater leichter. Politisch relevant sind sie übrigens schon deshalb, weil sie die Frage ans Theater stellen, mit welchen Formen man überhaupt auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren kann. Da steckt zugleich eine skeptische Grundhaltung gegenüber Theater dahinter; deshalb ist so interessant, was dabei rauskommt.

Welche politischen Sachverhalte interessieren die freie Szene?
Wenn man unser Programm da einmal exemplarisch liest: Es gibt fast keine Beziehungsgeschichten, keine Ehedramen. Die Produktion "Heiße estnische Männer" fragt dagegen, wie postsowjetische Staaten, denen einmal ihre Identität geraubt wurde, als eigenständige Länder funktionieren. Da geht es anhand der Geburtenrate um die Frage, was eine Nation ausmacht. Hofmann Lindholm beschäftigen sich ebenfalls mit nationaler Identität anhand des kollektiven Bildgedächtnisses der Deutschen. "Nothing Company" von der Gruppe Far A Day Cage ist ein Stück zur Finanzkrise, das schon vor einem Jahr beschrieben hat, was die Banken gerade erst erfahren. "Der Report der Magd" vom Theaterhaus Jena fragt nach Fundamentalismus, nach dem Zusammenhang von Religion und Gewalt, die Eröffnungsinszenierung "Hell on Earth" untersucht Migrationsfragen anhand der Lebenssituation von Jugendlichen.

Wie gehen die Theatermacher an diese Themen heran?
Unter den Produktionen, die ich gesehen habe, waren einige, die Widerstand gegen Herrschaft formuliert haben. Aber das waren nicht die überzeugenden. Viele Theatermacher im Alter zwischen 30 und 50 haben ein entspanntes Verhältnis zur Politik. Also nicht den Anspruch, zum Protest aufzurufen und die Gesellschaft verändern zu können. Die Haltung ist: Ich beobachte und stelle zur Verfügung, ich zeige etwas, habe aber ein diskretes Verhältnis dazu, was das Publikum damit anfängt. Es gibt natürlich Ausnahmen wie Samuel Schwarz, der einen starken politischen Furor hat. Doch die meisten Theatermacher wollen nicht agitieren, sondern lassen mir als Zuschauer einen großen Spielraum und Möglichkeiten des Denkens. Einerseits ist jede Dokumentation immer eine ästhetische Konstruktion von Wirklichkeit. Andererseits droht die Gefahr, faktische zu subjektiven Wahrheiten herunterzudividieren. Wie geht man mit diesem Zwiespalt um? Die Gruppen haben ein hohes Bewusstsein über das Gemachtsein von Theater, und gleichzeitig wissen wir alle um das Inszenierte von Politik oder dem, was wir als Realität wahrnehmen. Die neueren Theaterformen sind auf eine intelligente Weise selbstreflexiv, stellen ihr Konstruiertsein immer wieder zur Debatte und bieten sich selbst als Gegenstand der Diskussion an. Viele Produktionen fragen danach, wie Wirklichkeit überhaupt repräsentiert werden kann. Das würden ältere Theatermacher möglicherweise als unpolitisch empfinden. Ich glaube, es wird unseren komplexen gesellschaftlichen Verhältnissen eher gerecht. Die Gefahr dabei ist, so selbstreflexiv zu werden, dass man die Referenz nach außen verliert.

Ist diese Selbstreflexion nicht auch eine Flucht?
Angesichts der Vielzahl von Formen ist das pauschal schwer zu beantworten. Das Wort "dokumentarisch" beinhaltet eine gewisse Sachlichkeit, eine Neutralität gegenüber einer Meinungsbildung oder Agitation. Theater nehmen sich die Freiheit, keine Antworten zu geben. Sie geben aber dem Zuschauer eine Freiheit im Umgang mit dem, was er auf der Bühne sieht. Das birgt eine Form von Entscheidungsfreiheit, die ich für ein politisches Moment halte, ohne dass der Zuschauer gleich mit einem konkreten Handlungsauftrag nach Hause geht. Die Grenze dieser Selbstreflexion liegt in einer Unverbindlichkeit oder im Abgleiten in pure Unterhaltung.

Wie sieht die Vielfalt der Formen denn aus?
Um die Frage am Beispiel unserer Festivalauswahl zu beantworten: Ein Extrempol ist die Arbeit mit "Experten des Alltags", also mit nicht ausgebildeten Performern, wie wir sie hier etwa bei der performativen Videoinstallation "Serie Deutschland" von Hofmann Lindholm haben. Das sind oft die am stärksten gestalteten Sachen, wenn selbst das Textvergessen, etwa bei Rimini Protokoll, inszeniert ist, also Authentizitätskonstruktion. Wenn Lukas Matthaei sehr stark über Recherche in einer Stadt arbeitet, ist das eine weitere Möglichkeit von politischem Theater. Mass Fieber haben mit "Die schwarze Kammer" ein Geistersingspiel zum Bürgerkrieg gemacht. Arjun Rainas "A Terrible Beauty is Born" ist Erzähltheater mit feinsten Mitteln, eine Stand-up Tragedy. "Rockplastik XXL" von One Hit Wonder könnte man als soziale Plastik bezeichnen, ein einmonatiges Experiment in der Öffentlichkeit. Außerhalb des Festivals lässt sich auch "Fordlandia" von Tom Kühnel am Kölner Schauspielhaus nennen, wo es um ein hiesiges Automobilwerk, vor allem aber die Gastarbeiter geht. Da ist das Politische in eine Revue übersetzt, womit man an Peter Zadeks Inszenierung "Kleiner Mann, was nun?" anknüpft. Oder "Der Kick" von Andreas Veiel und Gesine Schmidt: Das Dokumaterial eines Mordes unter Jugendlichen wird auf zwei Darsteller verteilt und entzieht sich dadurch dem Zwang zum Rollenspiel, was weniger Authentizität, dafür größere Glaubhaftigkeit erzeugt.

Gibt es Unterschiede in der Wahrnehmung politischer Phänomene zwischen den deutsch- und fremdsprachigen Produktionen?
Ich habe zwar viel gesehen, aber es bleibt natürlich immer ein Ausschnitt. Die bei uns eingeladenen fremdsprachigen Stücke sind überwiegend eng an härteren politischen Themen dran. An deutscher Geschichte wie "Kamp" von Hotel Modern, das einen Tag im Konzentrationslager von Auschwitz erzählt. Oder der koreanisch-deutsche Beitrag "Berliner Gaettong" zur Frage der Wiedervereinigung getrennter Länder. Deutschsprachige Produktionen fassen den Politikbegriff meist weiter.

Der Bezug zum Lokalen gehört ja selbst in Stadttheatern inzwischen zum Programm. Eine politische Frage oder Standortkalkül?
Ich finde es schwierig, wenn ein Festival, das nur für begrenzte Zeit in einer Stadt ist, hier einfliegt und einfach "nur" tolles Theater präsentiert. Die Stadt selbst ist ja ein aufregendes Thema. Wir haben uns deshalb entschlossen, das Programm durch ortsspezifische Eigenproduktionen der Kölner Gruppen Drama Köln, Hofmann Lindholm und des Stadtführers Boris Sieverts mit der Stadt zu vernetzen. Oder auch Lukas Matthaei, der zwar von hier stammt, aber bis jetzt in Köln nicht gearbeitet hat. Generell steckt im Bezug auf das Lokale vielleicht eine Angst, die Relevanz zu verlieren und sich zu weit von der Lebenswelt und den Theaterbesuchern zu entfernen. Im Versuch, sich mit der unmittelbaren Umgebung zu befassen, in der man durchaus eine große Welt entdecken kann, steckt auch eine Reaktion auf das Großtheater der Väter. Ich glaube, das sind Wellen, oder böse gesagt, Moden, die einander ablösen. Wenn eine neue Generation kommt, und das betrifft auch die Renaissance des Politischen im Theater, muss sie natürlich etwas machen, was die vorherige nicht getan hat. Die aktuelle macht es gut.

Das Gespräch führte Hans-Christoph Zimmermann

Das 7. Festival "Politik im freien Theater" findet vom 13. bis 23. November in Köln statt. www.bpb.de/politikimfreientheater



Rainer Hofmann ist Kurator des Festivals "Politik im Freien Theater". Er hat zuvor als Dramaturg und Produktionsleiter, Regisseur und Autor am Theaterhaus Gessnerallee und dem Theater Neumarkt in Zürich, am Schauspiel Köln und am Stadttheater Bern gearbeitet. Hofmann war für Festivals wie Hope Glory in Zürich, Auawirleben in Bern sowie die Salzburger Festspiele und die Nibelungenfestspiele Worms tätig.

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00:00 13.11.2008

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