Manifestationen der Macht

Baukunst In der russischen Stadt Nischni Nowgorod wird der sozialistische Klassizismus der Stalin-Ära wiederentdeckt. Es ist ein ambivalentes Erbe
Oliver Will, Jens Malling | Ausgabe 31/2015 1

Hochragende Säulen, strahlend weiße Balustraden, darüber hinaus eine Reihe von Statuen kerniger Arbeiterinnen und Sportler. Auf den ersten Blick scheinen sie direkt aus der Antike zu stammen. Aber im Gegensatz dazu tragen sie weder Schwerter noch Amphoren, sondern Werkzeuge und Bälle. Wer nach Nischni Nowgorod reist, eine Industriemetropole rund 400 Kilometer südlich von Moskau, dem fällt sofort ein architektonisches Erbe auf, das lange Zeit umstritten war, das aber jetzt immer mehr Anhänger in Russland findet.

Die einstige, etwas verschlafene Provinzstadt des Zaren am Zusammenfluss von Oka und Wolga stieg während der Industrialisierung der 1930er Jahre zu einer Sowjetmetropole auf. Unter dem neuen Namen Gorki wurde sie schnell zu einer der größten Städte der UdSSR. Der Chefplaner des gigantischen Stadtumbaus, Alexander Iwanizki, schuf eine so überdimensionale wie faszinierende Architektur. Sie wurde unter unterschiedlichen Namen berühmt: Stalin-Gotik, sozialistischer Klassizismus oder Stalins Neorenaissance, oder, etwas prosaischer, einfach nur: Zuckerbäckerarchitektur. Der Stil machte sich antike Schönheitsideale zu eigen, um der kommunistischen Ideologie und ihrem Herrschaftsanspruch ein Gesicht zu geben. Lange Zeit in Vergessenheit geraten, schenken Spezialisten, ausländische Wissenschaftler und Architekten diesem Stil in letzter Zeit eine immer größere Aufmerksamkeit.

Wir treffen die Architektin Marina Ignatuschko im Stadtteil Awtosawod im Süden der Stadt. Auch sie erzählt von der steigenden Aufmerksamkeit ihrer Kollegen. „Viele fangen an, den Stil zu erforschen und seinen architektonischen Wert zu verstehen“, sagt Ignatuschko. „Trotz der Tatsache, dass für lange Zeit keiner besonders Notiz von den Gebäuden nahm, haben sie historische Bedeutung. Sie stellen einen bestimmten Zeitraum in der Geschichte unseres Landes dar und beschreiben eine wichtige Entwicklung unserer Stadt.“

Versperrte Sichtachse

Awtosawod ist ein Bezirk rund um die Metrostation Park Pobedy und die GAZ-Autofabrik, die nach dem Prinzip der stalinistischen Stadtplanung gebaut wurden, um den vielen tausend Arbeitern der Fabrik Wohnungen zur Verfügung zu stellen. „Dass man einen ganzen Stadtteil nach einer bestimmten Idee baute, ist einzigartig. Das erste Auto rollte 1932 aus der Fabrik. Schon 1937 war der größte Teil der umliegenden Stadt fertig, also in nur fünf Jahren. Das Tempo der Arbeiten war wirklich sehr hoch“, sagt Ignatuschko.

Wir machen vor einem besonders auffälligen Gebäude halt. Es ähnelt einem riesigen Halbmond. Im Inneren des monumentalen Halbrunds mit seinen Säulen und Altanen ändert sich mit dem Stand der Sonne ständig das Spiel von Licht und Schatten. Ursprünglich lag ein Park auf der anderen Straßenseite, und das ergab eine fantastische Aussicht von den nach Süden gerichteten Balkonen. Heute ist die Sichtachse versperrt durch ein Einkaufszentrum und durch einen neuen Plattenbau. „Das Gebäude ist eines der besten Beispiele der stalinistischen Architektur in Nischni Nowgorod. Die Wohnungen waren nicht für Arbeiter, sondern für Funktionäre und andere Privilegierte vorgesehen“, sagt Marina Ignatuschko über das Bauwerk, das von den Architekten P. Poljudow und N. Krasilnikow im Jahr 1938 errichtet wurde.

„Lange Zeit wurde der sozialistische Klassizismus ausschließlich als ein Mittel zur Machtrepräsentation wahrgenommen. Die Gebäude wurden als Teil des stalinistischen Unterdrückungssystems verstanden. Und es stimmt ja auch, dass diese Architektur eine Gelegenheit für die Ideologie war, um sich selbst physisch darzustellen“, sagt Ignatuschko. „Die Planer hatten die perfekte Stadt zum Ziel, die so konzipiert ist, dass der Staat die Bewohner stets unter Kontrolle hat. Raum für Abweichungen sollte es nicht geben. Ein Teil war für die Arbeit vorgesehen, ein anderer für das Wohnen, ein dritter für die öffentliche Verwaltung, ein vierter für die Kinderbetreuung. Die Bewohner sollten sich ausschließlich innerhalb dieses Schemas bewegen. Man wollte auf diese Weise sicherstellen, dass die Menschen sich stets innerhalb des bestehenden Systems bewegen. Sie sollten sich dort glücklich fühlen.“

Doch wenn man genauer hinschaut, entdeckt man auch einige Widersprüche dieses Baustils. Wir gehen durch einen grandiosen Bogengang, der mehrere Gebäude miteinander verbindet. Jedes Tor ist circa 15 Meter hoch. „Es fühlt sich so an, als wäre man in einem römischen Palast unterwegs“, sagt Ignatuschko. „Und man sieht, dass die stalinistische Architektur nicht nur Ausdruck einer Ideologie ist, sondern dass die Gebäude auch andere, pluralistische Assoziationen zulassen. Darin liegt einerseits ihr Wert.“ Andererseits spiegeln sich in dem Gesamtplan für Awtosawod die krassen Gegensätze des damals noch jungen Sowjetstaats wider. In erster Linie symbolisiere die Architektur Starrheit, einen festen Zustand, sagt Ignatuschko. Stalin sei es wichtig gewesen, dass es nicht zu weiteren sozialen Unruhen kam, die seine Herrschaft gefährdet hätten. Alles sei darauf ausgerichtet gewesen, die Stabilität aufrechtzuerhalten.

Stalin hielt es für selbstverständlich, dass sich die Geschichte nach der Russischen Revolution linear fortsetzen würde, bis das eigentliche Ziel, der Kommunismus nach den Regeln der marxistischen Dialektik erreicht sei. Wie Götter sahen er und sein Politbüro den angeblichen Lauf der Geschichte voraus. Aus dieser Haltung folgte ein gewisser Größenwahn, der auch die Architektur in Awtosawod geprägt hat. Aber Größenwahn und Unsicherheit sind oft eng miteinander verbunden. Und im Gegensatz zu dem, was man möglicherweise denkt, wenn man sich die imposanten Gebäude und Plätze in Nischni Nowgorod anschaut, war die Sowjetmacht zu dieser Zeit extrem fragil.

Geografisch gesehen war die UdSSR in den 1930er Jahren von feindlichen Nationen umgeben. Einige von ihnen hatten bereits im russischen Bürgerkrieg interveniert, um den Sieg der Bolschewisten zu verhindern. Viele Politiker, aber auch Bürger der Sowjetunion fürchteten, dass der Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs 1936 nur das Vorspiel zu einer weit größeren Auseinandersetzung war, von der auch die Sowjetunion betroffen sein würde. Die innenpolitische Situation in der Sowjetunion war chaotisch. Es gab Aufruhr, Streiks, Bauernaufstände, lokale Bürgerkriege und Hungersnöte.

Schönheitsideal der Griechen

Folglich konnten die Schwärmerei für die Schönheitsideale der Griechen und Römer und das Gefühl der Beständigkeit, das sie vermittelten, trefflich dazu benutzt werden, die angespannte politische Lage etwas zu überspielen. Inspiriert von der Antike sollten die Säulen, Balustraden und Kapitelle für das Universale stehen, für die Ewigkeit. Die stalinistische Architektur wollte zum Ausdruck bringen, dass es sich bei dem System um eine Macht handelte, die gekommen war, um zu bleiben.

Doch die Zeit der monumentalen, antikisierenden Entwürfe war schon bald wieder vorbei. Josef Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow machte Schluss damit, indem er den Architekten planerische Exzesse und die Verschwendung von Baumaterialien vorwarf. Der neue Generalsekretär der KPdSU führte wieder modernistische Tendenzen in die sowjetische Staatsarchitektur ein und knüpfte damit an die 1920er Jahre an, in denen Avantgarde-Architekten, vom Konstruktivismus inspiriert, im Grunde freien Lauf hatten.

Im modernen Russland spielt der Stalin-Stil nur noch eine untergeordnete Rolle. „Die jungen Architekten versuchen jede Art von klassischer Dekoration und Komposition der Fassaden möglichst zu vermeiden“, sagt der 36-jährige Architekt Alexander Grebennikow, der als Dozent an der Universität von Nischni Nowgorod arbeitet. Und trotzdem orientieren sich einige Architekten wieder am Stalin-Stil. Der Grund: Viele Bauherren, aber auch Hauskäufer mögen diese klassische Ästhetik, vor allem, weil sie sie an die angeblich guten alten Zeiten erinnert. Es gibt bereits mehrere Beispiele für diesen Retro-Stil, nicht nur in Nischni Nowgorod, sondern auch in Moskau.

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06:00 12.08.2015

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