Mann, das waren noch Zeiten!

Fernsehen Am Freitag strahlt Arte die Verfilmung der Spiegel-Affäre aus. Ein sehr langatmiges Stück. Eine Filmkritik
Jürgen Busche | Ausgabe 18/2014 8
Mann, das waren noch Zeiten!
Rudolf Augstein (Sebastian Rudolph) und Maria Carlsson (Nora von Waldstätten)
Foto: BR/Stephan Rabold

Deutsche Männer brauchen Trost. Trost finden sie am ehesten im Doppelbett bei ihren Lebensgefährtinnen. Das waren noch Zeiten! Und das ist der menschliche Hintergrund, der gerade im Umfeld der Spiegelaffäre von 1962 nicht ausgeblendet sein darf. Umso weniger, als die Anfänge dieser Affäre, welche die ARD nun als Spielfilm zeigt, bis in die fünfziger Jahre zurückreichen. Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein mag den bayerischen Politiker Franz Josef Strauß nicht, hält ihn für gefährlich. Franz Josef Strauß mag Rudolf Augstein nicht, weil er ihn für einen Klugscheißer hält. Augstein mit seinem Blatt piesackt Strauß, wo er kann, lange ohne zählbaren Erfolg. Strauß schlägt zurück, als er eine Möglichkeit sieht, den Spiegel, also Augstein, wegen Landesverrats dranzukriegen. Es geht um die Kampffähigkeit der Bundeswehr, um die es schlecht stand. Der Verteidigungsminister macht die Verfolgung der Journalisten zu seiner Sache und handelt dabei rechtswidrig. Am Ende versucht er, alles abzustreiten. Er verliert sein Amt, Augstein kommt nach 103 Tagen frei, einen Prozess gibt es erst gar nicht, mangels Beweisen.

Das ist die Geschichte, die der Film erzählt. Warum er sie über 90 Minuten erzählt, ergibt sich aus dem, was kurz am Schluß berichtet wird. In Deutschland gab es massenweise Demonstrationen für die Pressefreiheit. Man ging für die Demokratie auf die Straße. Damit war das Ende der Ära Adenauer eingeleitet. Der alte Kanzler darf in wenigen Sätzen noch erläutern, was Strauß falsch gemacht hat. Dabei geht es ums Erwischtwerden, nicht darum, was rechtswidrig war.

Der Film versucht, eine politische Geschichte zu erzählen, wo es historisch tatsächlich nur um den Augenblick ging, in dem ein Strukturwandel offenkundig wurde. Das lässt die Zeit beim Zuschauen lang werden. Was Strauß all die Jahre tat, war üblich, wenn auch selten so heftig. Vielerorts ist es üblich bis heute. Was die Spiegel-Leute dagegen hatten, war weniger politisch motiviert, als vielmehr ein Jungs-Spiel. Augstein hatte seine politischen Freunde rechts von Adenauer und Strauß, aber das interessierte die Bevölkerung nicht mehr. Zu Recht nicht. Die Demonstranten protestierten gegen die Übergriffe des Staats. „Das ist ihr gutes Recht“, belehrt Adenauer seinen Staatssekretär Globke.

Der Film vermag nicht, eine Brücke zu schlagen zwischen dem Neuen, der Protestbereitschaft auf den Straßen, und dem Alten, dem Fingerhakeln zwischen Politikern und Journalisten, das hier einmal jedes Maß verloren hatte. Dass Augstein im Doppelbett, wo er vom Mauerbau in Berlin erfährt, zuerst einfällt, wie sehr das Strauß nützen mag, charakterisiert die politikferne Grundstruktur dieses Films am besten. Die Schauspieler können wenig tun, um nicht wie im Fliegenden Klassenzimmer zu wirken. Gymnasiasten gegen Oberrealschüler. Nur dass in diesem Fall Strauß der Gymnasiast ist und die Oberrealschüler die Guten sind.

Die Spiegel-Affäre ist eine Journalistengeschichte. Da ist es amüsant zu sehen, wie sich Fernsehleute eine Redaktion vorstellen. Die Sekretärin bringt Kaffee und der Journalist haut ihr dafür kräftig auf den Po. „Das andre verschweig ich.“ Als Augstein freigekommen ist, fährt er mit seiner Freundin – späteren Frau – zum Spiegel und geht dann mit den anderen einen trinken. Ohne die Frau.

Die Spiegel-Affäre läuft jeweils um 20.15 Uhr am 2. Mai auf Arte und am 7. Mai in der ARD

06:00 01.05.2014

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 8