Mann der Hoffnung, Herr der Zwänge

Frankreich Emmanuel Macron hat die Präsidentschaft fulminant gewonnen. Nun muss er das Land und die Menschen einen
Petra Sorge | Ausgabe 19/2017
Mann der Hoffnung, Herr der Zwänge
Macron im Augenblick des Triumphs

Foto: Philippe Lopez/AFP/Getty Images

Es ist Sonntagabend, kurz nach halb elf, kühle neun Grad. Rund zweieinhalb Stunden harren seine Anhänger auf dem Platz vor dem Louvre in Paris schon aus, jubelnd und Fahnen schwenkend, als Emmanuel Macron schließlich kommt. Als er dann vor der Glaspyramide steht, die Arme hebt und winkt, hat die Szene etwas von einer Krönung. Mit 39 Jahren wird Macron Frankreichs jüngster Staatschef seit Napoleon Bonaparte sein, doch kostet er seinen Triumph nur kurz aus. Er wisse um die Wut und die Zweifel vieler Wähler, womit offenbar vor allem jene gemeint sind, die für Marine Le Pen gestimmt haben. Um sie wolle er sich kümmern.

Rosen in Blau

Nur wie? Durch ein Reformprogramm, mit dem die hohe Arbeitslosigkeit – sie liegt unter Jugendlichen bei 24 Prozent – eingedämmt werden soll, indem Unternehmer entlastet und Arbeitszeiten flexibilisiert werden? „Ich werde Frankreich verteidigen“, verspricht Macron. „Ich werde Europa verteidigen.“ Zunächst einmal muss er sich selbst verteidigen. Am 11. und 18. Juni sind Parlamentswahlen. Ob er auf eine Mehrheit rechnen kann, um die Reformpläne durchzusetzen, ist offen. Viele Franzosen haben in der Stichwahl nur für ihn gestimmt, um Le Pen zu verhindern. Zum Beispiel Sidi Cidse (38). Der Klempner, geboren in der Elfenbeinküste, sitzt am Bahnhof von Saint-Denis, einem vorwiegend muslimischen Vorort von Paris, in dem es 2005 schwere Unruhen gab. Er lehne Macrons Programm ab, unterstütze den Linken Jean-Luc Mélenchon und werde das „auch bei den Parlamentswahlen“ so halten. Weil Mélenchon darauf verzichtete, Macron zu empfehlen, gingen vermutlich viele seiner Anhänger am Sonntag nicht wählen. Jedenfalls lag die Enthaltung bei gut 25 Prozent.Am Tag nach der Wahl rufen linke Gewerkschaften zum Protestmarsch in Paris auf. „Den Front National bekämpfen, das heißt zuallererst, die liberale Politik zu stoppen“, so die CGT in einem Statement. Auch die 22-jährige Politikstudentin Louise Villeneuve fürchtet, dass Macrons hartes Kürzungsprogramm „langfristig den extremen Rechten nützt“.

Marine Le Pen will besonders die Arbeiterschaft für sich gewinnen. Im Wahlkampf hat sie das Gesetz zur Lockerung des Kündigungsschutzes, das Macron 2015 als Wirtschaftsminister auf den Weg brachte, scharf kritisiert und die Rente mit 60 versprochen. Für die in Guinea geborene Hotelangestellte klang das überzeugend, Macron verlange Mehrarbeit, mit ihm „bekommt man gar nichts, anders als mit Marine Le Pen“. Deshalb habe sie ihr Kreuz beim Front National gemacht.

33,9 Prozent stimmten für Le Pen, darunter auch Franzosen mit Migrationshintergrund. Es waren zwar weniger als in den Umfragen, doch nennt die FN-Vorsitzende ihren Erfolg nicht zu Unrecht „historisch und massiv“. 10,6 Millionen Wähler für die Rechtsaußen-Partei, das gab es noch nie. Politikwissenschaftler sprechen von einer neuen Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung.

Die Abgehängten seien arm, weniger gebildet und wohnten häufig auf dem Land, meint Arnaud Rousseau (43). Er steht neben seiner Scheune, zwischen einer Pflanzmaschine und einem Sprühgerät. Rousseau, Chef des Bauernverbands FNSEA im Département Seine-et-Marne, steht dem Ort Trocy-en-Multien nördlich von Paris vor. Schon der Vater, Großvater und Urgroßvater waren hier Bürgermeister. In seinem Dorf hätten 54,8 Prozent die Rechtsnationalen gewählt, dabei gehe es den 290 Einwohnern von Trocy-en-Multien noch gut, es gebe eine Grundschule, der Pariser Airport und Disneyland seien wichtige Arbeitgeber. Trotzdem glaubten die Leute auf dem Land nicht an Europa, erst recht nicht die Bauern. „Komisch, weil doch die EU um die Landwirtschaft herum aufgebaut wurde.“ Doch reichen selbst in Frankreich mit den höchsten Lebensmittelpreisen in der Europäischen Union die Einnahmen der Landwirte kaum mehr aus, um die Kosten zu decken. Rousseau selbst hat im Vorjahr einen Verlust von 400 Euro pro Hektar verbucht. „Wenn das so weitergeht, bin ich bankrott.“ Er erhoffe sich von Präsident Macron mehr Dezentralisierung, eine „klare, nachhaltige Vision“ für die Landwirtschaft und eine Politik, die „näher an den Franzosen“ sei.

Zerfallende Sozialisten

Eine solche Politik verspricht auch Aymeric Durox, Parlamentskandidat des Front National im Département Seine-et -Marne. Der Geschichtslehrer hat in seinem Büro ein großes Plakat von Marine Le Pen hängen und auf dem Schreibtisch einen Strauß Rosen in Blau, der Farbe der Partei. Durox glaubt, mit Macron an der Macht würden die Leute erst recht in Wut geraten „und dann für uns sein“. Die jungen Franzosen habe seine Partei sowieso schon hinter sich. „Ich bin sehr zuversichtlich, was unsere Zukunft angeht.“ Die Ankündigung von Marine Le Pen, den Front National „grundlegend“ zu erneuern, findet Durox richtig: „Vielleicht werden wir uns einen neuen Namen geben und das bei unserem Parteikongress im Dezember besprechen.“

Für Margaux Pech von En Marche! will der FN nur die Angst der Menschen schüren. Die 27-jährige Unternehmensberaterin hat sich zum ersten Mal politisch engagiert. Im Wahlkampf habe sie für Macron an tausend Haustüren geklingelt. Jetzt sitzt sie in einem der Komitees, die En-Marche!-Kandidaten für die 577 Wahlkreise auswählen. In der zweiten Wochenhälfte wird bekannt gegeben, wer auf den Listen steht. Bis dahin sollten gut 14.000 Bewerbungen geprüft sein. Wenig überraschend, dass Macron plötzlich sehr anziehend wirkt. Man müsse darauf achten, sagt Pech, dass die Kandidaten wirklich ihren Wahlkreis abbilden und möglichst zur Hälfte aus Frauen bestehen. Die sich formierende Partei hat Diversität dringend nötig. Die fünf engsten Berater im Elysée – das Blatt Libération nennt sie die „Macron Boys“ – seien junge Männer aus der oberen Mittelklasse.

En Marche! hat eine weitere Vorgabe für die Kandidatenauswahl: 50 Prozent sollen Leute sein, die noch nie in Parteien engagiert waren. Dabei wird Macron Überläufer dringend brauchen, wenn er in der Nationalversammlung die absolute Mehrheit von 289 Sitzen verfehlt. Er wird zudem einen parteifremden oder unabhängigen Premier ernennen müssen.

Die beiden Blöcke, die seit jeher den Präsidenten stellten – die Sozialisten und die Konservativen –, werden spätestens nach der Parlamentswahl vor einer Richtungsentscheidung stehen: Wie sollen sie sich zu Macron verhalten? Koalitionen sind in Frankreich kaum üblich. Daher ist es gut möglich, dass einige Karrieristen zu En Marche! übertreten, um an Posten zu kommen. Andere werden ganz aufgeben: So verkündete Pierre Lequiller (68), der sechs Legislaturperioden und 29 Jahre Abgeordneter der Konservativen war, nicht mehr fürs Parlament zu kandidieren. „Da sitzen dann viele junge En-Marche!-Kandidaten, die alte Leute wie mich angreifen werden.“ Im Parti Socialiste (PS) des scheidenden Präsidenten Hollande ist bereits ein Flügelkampf um die Macron-Frage entbrannt. Ex-Präsidentschaftskandidat Benoît Hamon, ein erklärter Gegner der deutschen Europolitik, lehnt den neuen Staatschef ab und fordert seine Anhänger auf, eine linke Plattform mit dem Antikapitalisten Jean-Luc Mélenchon zu gründen. Ex-Premier Manuel Valls vom rechten Flügel des PS will hingegen Macron mit einer „großen und dauerhaften präsidentiellen Mehrheit“ unterstützen. Nicht auszuschließen, dass sich die Partei spaltet, wenn Hamon und Valls jeweils eigene Gruppen bilden. „Das wäre die schwärzeste Hypothese, dass alles zerplatzt“, sagt Jean-Louis Bianco, Ex-Berater von François Mitterrand und ein Wegbereiter der deutsch-französischen Freundschaft. „Andererseits kann eine Partei mit einer solchen Geschichte nicht einfach so verschwinden.“

Am Tag nach der Wahl steht der 88-jährige jüdische Holocaust-Überlebende Elie Buzyn mit Basecap und Gehstock am Trocadéro vor dem Eiffelturm. Er unterstützt eine Demonstration „gegen den Hass“. „Ich möchte die jungen Menschen vor dem politischen Extremismus warnen“, sagt er. Mit elf Jahren wurde Buzyn ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Seine Eltern starben in der Gaskammer. Buzyn wünscht sich, dass die französischen Parteien Emmanuel Macron beistehen. „Denn wenn er scheitert, bin ich sehr pessimistisch, was die Zukunft betrifft.“

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06:00 31.05.2017

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