Mann und Frau in Bewegung

Blechmusik Doktor Zärtlich korrigiert die Choreografie der Windhühner in den "Letzten Tänzen" des Günter Grass

Die Letzten Tänze des Günter Grass sind erotisch, politisch und philosophisch zugleich. Sie erzählen vom Tanz des Lebens und der Liebe: raumgreifend wie Skulpturen, zwischen hell nach dunkel wechselnd wie Grafiken. Die Lebenslinien beginnen in Augenblicken der Geschichte und führen über Glücksmomente der Gegenwart ins Nichts. Von Rissen, Brüchen und Stürzen ist die Rede, vom Krieg, der die Männer von den Frauen trennt und die Übriggebliebenen von den Toten, von tödlichen Einschlägen auf der Mattscheibe und von Waffenexporten Europas. Die Paare des Günter Grass tanzen aus purer Lebenslust und weil sie sich aus den Katastrophen retten konnten oder von ihnen verschont blieben. Ihr Tanz ist ein trotziges Dennoch. Der Autor betrachtet sie aus der Distanz und lässt in seinen Gedichten Hintergründe anklingen, die die Grafiken nicht zeigen.

Da sind zunächst die ganz konkreten Tänze, die der Autor einst selbst tanzte und erinnernd ins Bild holt: Schieber, Rag, Tango, Polka und Slowfox. Nur das Elegante, Melodiöse mag er gar nicht und bekennt sich folgerichtig als Gegner des Walzers: War mir zu beschwingt, zu rechtsrum, linksrum, zu selig / und ohne Ecken. // Die Donau zu blau und des Himmels Hängeboden / voller Geigen zuviel. Die "Melencolia, / rundum überzuckert" ist nicht nach dem Geschmack des Günter Grass. Er liebt es nüchtern, mit trockenem Witz, eindeutig und leidenschaftlich wie ein Tango, in dem das Paar den Faststurz und das Auffangen übt, immer "dem Tod auf den Versen" (Tango Mortale).

Die Gedichte beschreiben den Charakter der Tänze und lassen hinter den Körperhaltungen Geschlechterkonstellationen sichtbar werden und Zeitgeschichte. Mit ihr lösen sich die Figuren aus der Folie des Ewigwährenden. Adam und Eva erhalten ein soziales und geschichtliches Umfeld. Prompt unterwandert Grass seinen im Eröffnungsgedicht Gottähnlich zu Papier gebrachten Vorsatz, etwas "Heiteres" zu machen und mischt das süße Vergnügen mit bitterem Beigeschmack. Den ersten Schieber tanzt die Ich-Figur mit 14, während des Kriegs, als Ersatz für "die richtigen Männer" "draußen im Krieg". (Früh gelernt). Rag "auf qualmenden Sohlen" und Blues tanzen die Halbstarken der Nachkriegszeit, die sich "das Überleben und sonst noch ein paar Nummern / beweisen wollten" (Einst in der Löwenburg). Auch die Frauen-Figuren sind sozial konkret: Tippse Ilse und die Mädchen, die sich nach der Schicht im Fernsprechamt ablösen. Auch sie wollen "über den großen Regenbogen / nach Hause" wie 1965 die Figur der Jutta im Stück Hochwasser. Auch sie werden dabei sehr müde, denn nicht alles ist pure Leidenschaft und Vergnügen. Manche Tänzer verraten Anspannung, wirken marionettenhaft komisch, bleiben mit leerem Blick einander abgewandt im Rhythmus gefangen, als wären sie Allegorien der Einsamkeit. Das korrespondiert mit dem frühen Gedicht Blechmusik, den "Schubladen voller Wäsche und Liebe" und jenem: "Frauen, die sehr wenig Zeit haben, füllen wir kurzfristig aus". Anders als in den Paarbeziehungen der Butt-Gedichte mit ihren zerbrochenen Vasen, Scherbengerichten, Gezänk und der "Gräte im Hals" drehen sich die Paare der Letzten Tänze leicht und schwebend, fliegen durch den Raum.

Ikarus und Ikara sind die Hauptfiguren, die nur einmal kurz und prägnant genannt werden. Trotz ihrer beiläufigen Erwähnung zeigen sie sich letztlich in allen "jenseits des Schreckens tanzenden Paaren", die die Ich-Figur im programmatischen Auftaktgedicht aus Ton zu formen beginnt. Ihre Geschöpfe bleiben auch im Gedicht erdverbunden und dem irdischen Vergnügen, den Sinnenfreuden, verhaftet. Auf die "fleischliche Liebe" deuten die Gesten der Tanzenden in der ersten Hälfte des Buches; in der zweiten Hälfte wird sie direkt thematisiert und mit sparsamen und trockenen Worten, lustvoll und mit Witz in Szene gesetzt. Wie Bertolt Brecht in seinen erotischen Gedichten der Privatdrucke spricht Grass vom Alltag der Liebe mit körperlicher Eindeutigkeit. Aber anders als Brecht will Grass nicht verführen, nicht belehren und nicht mit Maßlosigkeit prahlen. Er skizziert beinahe staunend das "Wunder", das sich wie absichtslos ergibt. Dabei kommt er - anders als Brecht - ohne Worte aus der Stilebene des Vulgären aus. Aus dem Saloppen und Umgangssprachlichen schöpft er dafür umso mehr. Sowohl als Dichter als auch als Grafiker widmet er sich den Arten der Liebe und den körperlichen Bewegungen und Gesten. Das lebt von erotischer Fantasie, die Grass sprachlich neu fasst, wenn etwa von "zuinnerst die Stelle treten" oder vom "kahlköpfigen Hinweis" die Rede ist.

Wo Brecht kühl bleibt, zeigt Grass Gefühl. "Ich höre dein Herz" heißt es - fast programmatisch - in Tango Nocturno. Es ist als habe der "Doktor Zärtlich" des Butt den Liebenden geheilt. Folglich haben seine in den Versen agierenden Figuren auch eine andere Qualität als die Brechtschen. Bei Grass entspricht das im Gedicht dargestellte Verhältnis von Mann und Frau niemals dem Muster traditioneller Geschlechterrollen. Die Frau ist nicht Objekt, sondern Subjekt und als Partnerin ein aktiver Mensch.

Auf Grenzüberschreitungen ist Grass nicht aus. Zwar übersetzt er - gleich Brecht - Körpersprache konsequent in Körpertext, aber nur in dem zentralen Gedicht Des Wiederholungstäters halbherzige Beichte verwendet er obszöne Worte und pornografische bildhafte Fantasien wohlkalkuliert - als Satire. Das scheint direkt an den satirischen Gebrauch obszönen Sexvokabulars jenes Gedichtes März anzuschließen, das 1967 den Gedichtband Ausgefragt abschloss. Jetzt entlarvt er in der Rolle des Beichtenden die, die sich im Besitz der einzig gültigen Wahrheit wähnen: die der Sprache, der Weltanschauung und der Moral. Gegen die Lüsternheit des Klerikers löckt das Sprecher-Ich als Leichenfledderer und "Hirschkuhschänder", attackiert von da die Mechanismen der Gesellschaft und ihren gegenwärtigen Zustand als Ganzes. Bissig klingt die Strophe: Verlust belebte mein Geschäft, gern fledderte ich Leichen, / wie sie allzeit sich unter Leichentüchern gleichen. / Ich molk Vergangenheit, nahm Zukunft auf Kredit, / als ich mich billig an die Gegenwart verriet; / so schöpf ich Armut ab und zählte zu den Reichen. Mit flinken Reimen bedient er die Erwartungshaltung einer pervertierten Gesellschaft. Seinem Bekenntnis zur Körperlichkeit "Ich habe, bin, griff, stieß, lag zwischen, / war darauf aus, die Säfte neu zu mischen" folgt mit gesteigerter Ironie und Selbstironie die Lebensbilanz des Schriftstellers, den der Ruhm aufs "wacklige Podest" hob. Das Künstler-Ich versucht sich unter der Tarnkappe als Lügner, Täuscher, Witz- und Trunkenbold, vor allem aber als Sisyphus. Als Seiltänzer und Wortakrobat schwingt er sich durch Lithographien und Texte. Erst als "Kopfständler" sieht er die Welt, wie sie sein sollte: ohne Filz, sich "digital verflüchtigendes Kapital", Hunger und Krieg. Kopfständlers Lied ist - wie auch die Beichte des Wiederholungstäters - ganz in der lockeren, liedhaften Satiretradition Heinrich Heines verfasst. Auch bei Grass geht es um nichts anderes als Welterkenntnis.

Motive der Prosa werden in den Gedichten erzählend oder epigrammatisch kurz weitergeführt und umgekehrt. Plastiken erweisen sich als Auslöser für Grafiken. Zeichnungen gehen über in Gedichte, die manchmal aus nadelspitzen oder weich fallenden Strukturen zu bestehen scheinen wie Tanz der Kakteen und Tanz im Schnee. Das Auge des Lesers hetzt über das Chaos von durch Streubomben zerfetzter Körper (Nach alter Melodie) und findet Halt im wunderbar klaren Bild zweier Bäume: "Zwei Buchen einer Wurzel" - "Zum Paar gefügt". Alles greift ineinander und dreht sich um Liebe und Tod, Einsamkeit und Vergänglichkeit, vor allem aber um "Mann und Frau in Bewegung" und den Spuren, die von ihnen bleiben. Das durchsichtig Zarte und Schwebende der Windhühner, mit denen Grass 1956 als Dichter debütierte, geht hier eine glückliche Verbindung ein mit dem - 1993 in den Sonetten des Novemberland erprobten - realistisch rauen Zeitgemälde mit Ecken und Kanten. Aber noch immer lassen die Geschöpfe des Dichters die Tür offen.

Günter Grass: Letzte Tänze. Gedichte und Bilder. Steidl, Göttingen 2003. 96 S.,
35,- EUR

00:00 05.12.2003

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