Lukas Foerster
Ausgabe 1017 | 10.03.2017 | 06:00

Mann unterm Mond

Kino „Moonlight“ von Barry Jenkins geht es nicht um biografische, sondern um sinnliche Subjektivität

Mann unterm Mond

Mutterseelenallein und von allen Seiten umstellt: Chiron (Ashton Sanders)

Foto: A24/DCM

Das Haus, in das der junge Chiron zu Filmbeginn, von einer Gruppe gleichaltriger Kinder verfolgt, flüchtet, sieht von außen aus wie jedes andere, wenn man von den mit Brettern vernagelten Fenstern absieht. Innen ist es jedoch fast leer, keine Zeichen von gelebtem Leben, auf dem Boden liegen Scherben und Drogenutensilien. Chiron ist in einem Crack-Haus gelandet, in einem jener wilden, unsichtbaren Räume des Drogenverkaufs und -konsums, die sich in vielen innerstädtischen Bezirken amerikanischer Großstädte hinter unauffälligen Fassaden verbergen. Crack-Häuser sind das absolute Außen der bürgerlichen Gesellschaft – und ordnen sich ihr gleichzeitig insofern unter, als sie die Semantik von innen und außen und insbesondere die damit verbundene Trennung von öffentlichem und privatem Raum reproduzieren. Das Crack-Haus steht für eine Form von Außenseiterschaft, die wenig mit Freiheit und viel mit Selbsteinschluss zu tun hat.

Gleichzeitig mutterseelenallein und doch von allen Seiten umstellt zu sein: um diese Erfahrung geht es in Moonlight vor allem anderen. Zunächst wird Chiron von Juan (Mahershala Ali), einem entspannten, ständig lächelnden Mann mittleren Alters, aus dem Crack-Haus befreit. Bald darauf nimmt Juan den Jungen mit an den Strand, einen magischen Kinomoment lang baden die beiden in fluoreszierenden Wellen. Aber das erweist sich schnell als ein weiterer Ausweg, der keiner ist: Wenig später entdeckt Chiron, dass Juan der Dealer seiner Mutter ist.

Solche poetischen Verdichtungen zeigen an, dass Barry Jenkins’ zweite Regiearbeit höchstens bedingt etwas mit Realismus zu tun hat. Moonlight ist kein miserabilistisches Sozialdrama, sondern eine kunstvoll arrangierte Parabel in drei scharf voneinander abgegrenzten Kapiteln, betitelt Little, Chiron und Black. „Little“ und „Black“ sind Chirons Spitznamen, das heißt, alle drei Überschriften bezeichnen die in jedem Kapitel von einem anderen Darsteller verkörperte Hauptfigur.

Schockartige Farbekstasen

Tatsächlich geht es dem Film, obwohl er eine biografische Spur legt – Chiron wächst in Miami mit seiner drogensüchtigen Mutter auf, wird in der Schule wegen seiner Homosexualität terrorisiert und versucht schließlich, in Atlanta ein neues Leben zu beginnen –, weniger darum, eine Entwicklung nachzuzeichnen, als darum, ein Konzept von Subjektivität zu erkunden, aus unterschiedlichen Perspektiven.

Jede einzelne Szene des Films bleibt dabei einerseits strikt der Alltagswelt des schwarzen Miami und der sinnlichen Erfahrung Chirons verhaftet, sodass man bald selbst die Blicke zu spüren meint, die ihm der Oberbully durchs Klassenzimmer hindurch zuwirft.

Andererseits gibt es in jeder einzelnen Szene einen allegorischen Mehrwert, der die vielen kleinen Demütigungen, die Chiron erdulden muss – und auch die wenigen, noch kleineren Glücksmomente –, auf die Gesamtarchitektur des Films bezieht. Moonlight will keine Lebenswelt gestalten, sondern einen Gedankengang entfalten. Nicht zufällig sind gleich mehrere Figurennamen mythologisch aufgeladen: Chiron selbst ist in den griechischen Sagen ein Zentaur – ein Außenseiter im Reich der Götter und in dem der Menschen.

Dass das alles nicht forciert und aufgeblasen, sondern ganz im Gegenteil federleicht wirkt, spricht für Jenkins’ außergewöhnliches Talent. Der Schlag ins Universalistische dürfte jedenfalls mit dafür verantwortlich sein, dass dieser kleine, gerade einmal eineinhalb Millionen teure und nur in Nebenrollen einigermaßen prominent besetzte Indiefilm den Durchbruch in den Award-Mainstream geschafft hat.

Dass es nun mit dem Oscar für den Besten Film geklappt hat, ist dennoch überraschend: Moonlight ist nicht nur der gemessen am Budget kleinste Film, der jemals die wichtigste Auszeichnung der amerikanischen Filmbranche erhalten hat. Sondern vielleicht auch der exzentrischste. Das betrifft die Erzählung mit ihren wagemutigen Ellipsen und abrupten Rhythmusänderungen, etwa wenn der durchaus dynamische Film kurz vor Schluss in einer ausgedehnten Diner-Szene zum Stillstand kommt. Und das betrifft noch mehr die Bildlichkeit. Man muss nur die Oscar-Konkurrenz nehmen: In Manchester by the Sea schaut die neuenglische Küstenstadt so trist und farbentleert aus, wie neuenglische Küstenstädte im Kino nun einmal auszuschauen haben; und in Fences leuchtet die Nachkriegszeit genau so rostbraun und anschmiegsam, wie popkulturelle Erinnerungsbilder nun einmal zu leuchten haben.

In Moonlight dagegen sieht das Armenviertel von Miami, in dem der Film über weite Strecken spielt, ganz und gar nicht so aus, wie sich das Kino für gewöhnlich sozial prekäre Orte vorstellt. Der materiellen Armut stellt Jenkins einen manchmal fast halluzinatorisch anmutenden visuellen Reichtum entgegen, was sich vor allem in schockartig über den Film hereinbrechenden Farbekstasen äußert. Das gleißende Weiß des Schulflurs. Das rote Leuchten, das die schimpfende Mutter nicht nur rahmt, sondern direkt aus ihrem Innern zu entspringen scheint. Der weiße Zigarettenrauch, der aus dem Mund von Chirons Jugendfreund und -liebe Kevin quillt und das ganze Bild verschlingen will. Und in einer denkwürdigen Szene schließlich der geheimnisvolle bläuliche Schimmer des Nachthimmels. Mondlicht unterscheidet sich vom Sonnenlicht nicht nur in seiner Intensität, es erlaubt einen anderen Blick auf die Welt. Vielleicht bringt es sogar eine andere Welt hervor.

Info

Moonlight Barry Jenkins USA 2016, 111 Min.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 10/17.