Männer fischen

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Es gibt Dinge, die tun nur Männer. Vier verschiede Versionen eines Lohnsteuerberechnungsprogramms auf dem heimischen Computer installieren zum Beispiel, samstags die Radkappen am Auto polieren oder Angeln. Nun ist der Mann - an und für sich und mit Ausnahmen natürlich - ein ewig Drängender, er sucht die Herausforderung, fliegt ins Weltall, dreht das Rad der Geschichte, befehligt Truppen oder Trüppchen, liebt die Geschwindigkeit, den Krach, das Muskelspiel und die Gefahr, kurzum, er ist ein Wesen der Aktion. Was in Dreiteufelsnamen treibt ihn ausgerechnet zu jener Beschäftigung, bei der er still am Ufer sitzt, bewegungslos und stundenlang auf ein Gewässer glotzt und tut, was wir von Frauen kennen, nämlich warten, dass endlich einer anbeißt?

Das ist nun die Frage, und da wir weder eine Ahnung vom Angeln noch eine direkte Antwort haben, kaufen wir bei Karstadt am Hermannplatz mal zwei Anglermagazine, den Blinker ("Europas größte Anglerzeitschrift") und das Sonderheft Fisch und Fliege. Fisch-Namen haben ja ihre eigene Poesie, Rapfen, Renken, Quappen, Döbel, Ebro-Waller oder den Karauschen Giebel gibt es, und auch in der Anglersprache waltet, das muss man zugeben, eine ganz eigene Ästhetik des Ausdrucks. Die Rede ist von Mini- oder Maxi Wobblern, Proppen, Mistwurmbündeln, Knaller-Ködern oder Twistern. Auch die "Shimano", eine Firma, die wir bislang nur aus dem Bereich Fahrradzubehör kannten, ist in diesem Umfeld zu finden, im "Angel-Flohmarkt" bietet Hannes Vogel eine Shimano EX 240 MH, 2.44 m, Horst Luley möchte seine Shimano BTR Aero GTE 5000 verkaufen ... wobei es sich wahrscheinlich um Rollen- und Bremstechnik bei der Angel handelt.

Nun aber zur Statistik: auf 116 Seiten des Blinkers finden sich 54 Abbildungen von glücklichen Männern, die Fische hochhalten, einen oder zwei, und wenn die Beute riesengroß und gar zu schwer ist, wird sie stolz mit beiden Armen vor den Bauch gepresst. Es gibt auch - zwei - Fotos von Frauen in ähnlicher Positur, die finden sich auf Seite 33 unter der Rubrik "Frauen, die fangen. Anglerin des Monats". Angeldamen können dort ihr Bild mit Fisch einsenden und erhalten einen "Wobbler-Ohrring" als Geschenk. Die Chancen stehen gut, denn in der "Blinker-Hitparade", die die Rekordfische des Monats samt namentlich und mit Wohnsitz erwähnten Anglern in tabellarischer Form festhält, sind unter 276 Jägermeistern drei Frauen, das macht mal gerade ein Prozent! Womit bewiesen wäre, dass nur Männer angeln.

Ich kenne aber eine Frau, die gerade einen Angelschein gemacht hat. "Es ist der archaische Jagdtrieb", erklärt sie. Den Angelschein hat sie "im tiefsten Osten" erstanden, unter den 60 Teilnehmern des Kurses waren 10 Frauen - das hebt die Statistik ja gewaltig - die Hälfte der Angelscheinanwärter sei dem Alkohol verfallen gewesen und habe einen furchtbaren Hass auf die Grünen gehabt, weil die die Gewässer so sauber machen, dass der Zander mit seinen empfindlichen Augen in dem grellen Nass eingehe und nicht mehr zu fischen sei. Die Lust am Angeln, sagt jene Bekannte, sei eindeutig die orale Lust des Selbstversorgertums, es sei wie Beeren-Pflücken. Typisch Frau. Mit einem Fisch fotografieren lassen würde sie sich nie, und den einmal gefangenen Fisch wieder ins Wasser schmeißen würde sie natürlich auch nicht.

Männer lassen sich aber mit Fischen fotografieren und sie werfen sie nach dem Fang ziemlich oft wieder ins Wasser zurück, was uns wie eine sehr ausgefeilte Technik des von Sigmund Freud beschriebenen "Fort-Da"-Spielchens vorkommt, ein Spiel eben, mit dem das Kind sich so lange über den Fortgang der Mutter hinwegtröstet, bis es irgendwann egal ist, ob die Alte wieder auftaucht oder nicht. Hauptsache, sie macht weiterhin das Essen.

Wenn wir aber in aller Ruhe betrachten, wie da die Herren die gefangenen Fische als Beute präsentieren, wie sie stolz die glitschigen, länglichen Teile in die Luft halten, je fetter je netter, kommt uns noch eine ganz andere Archaik in den Sinn. Wie lautet gleich der Blinker-Tipp für den Fang der Mosel-Brasse? "Am besten angelt man im Stehen mit angehobener Rutenspitze", und wie schreibt Bert S. in seinem Erfahrungsbericht: "Beim nächsten Zupfer pfeift meine Rute nach oben", "Kennen Sie diesen krankhaften Zwang: sie müssen einfach anschlagen, solange die Pose zittert" - ein Schwein, wer Böses dabei denkt! Erst recht, wenn gleich vier Angeln nebeneinander in Stellung gebracht sind.

Es will uns aber scheinen, dass wir nun ein bisschen besser verstehen, warum die libidinöse Energie von Frauen sich eher in Blumengebinden oder Spanischkursen entlädt, und es will uns scheinen, dass Angeln nicht ein Hobby ist wie jedes andere. Nur eines wäre noch zu klären: Warum ist Angeln eigentlich ein Sport?

00:00 12.04.2002

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