Männer gehen leichtfertiger in die Insolvenz

Im Gespräch Die deutsche Filmproduzentin Anita Elsani über Kino in Amerika, "kommerzielles Arthouse" und darüber, als Frau immer nur mit Männern am Tisch zu sitzen und zu verhandeln

Ich war auf der Medienschule und konnte jeden Bereich ausprobieren. Dort habe ich Regie bei einem Kurzfilm gemacht. Ich hatte durchaus eine Affinität dazu. Aber Regie war mir zu kleinteilig: die ganze Zeit am Drehort in einem Stück, dann die lange Schnittzeit. Ich habe organisatorische Herausforderungen geliebt – viele Menschen zu koordinieren, und das von der ersten Idee bis zum fertigen Film. Als Regisseur kommt man später dazu. Als Produzentin ist man die Großmutter des Projektes.

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Warum sind Sie zum Studium erst nach Los Angeles gegangen?

Die Internationale Filmschule in Köln gab es noch nicht, als ich in die USA ging, es überhaupt nichts Vergleichbares in Deutschland. Also keinen kurzen Kurs, den man berufsbegleitend machen konnte. Dazu kam, dass ich noch nie in den USA gewesen war. Per Zufall lernte ich auf dem Sundance Filmfestival jemanden von der UCLA (University of California) kennen. Der hat mich motiviert, mich zu bewerben, weil gerade Frauen an der Universität im Bereich Produktion gerne gesehen sind. Da ist die Quote immer zu niedrig. Ich habe meinen Aufenthalt dann dazu genutzt, das Land und das Geschäft aus amerikanischer Perspektive zu sehen. Als ich zurückkam – ich war die ganze Zeit als Producerin bei Wüstefilm tätig –, bin ich ein Jahr später an die IFS gegangen und habe den neunmonatigen Wochenendkurs mit 15 Workshops belegt. Das war dann die europäische Sicht auf das Kinogeschäft. Wenn man mit Amerikanern spricht, weiß man, wie sie denken, weil man weiß, wie sie arbeiten. Und das unterscheidet sich von unserer Art des Produzierens.

Inwiefern machen Deutsche Filme anders?

In den USA steht die Vermarktung der Filme an erster Stelle. Bei vielen Kinofilmen treten Produzenten ihre Rechte komplett an die Studios ab. In Deutschland behält der Produzent die Rechte erst einmal, obwohl er sie für eine gewisse Zeit lizensiert. In Europa ist ein großer Teil der Filme als Kulturbeitrag zu verstehen. Der Regisseur genießt Respekt in Bezug auf die Geschichte, die er erzählen will. In den USA ist er eher Ausführender. Es kommt öfter vor, dass ein Regisseur ohne große Bedenken ausgetauscht wird. In Deutschland fällt es schwer, Kunst und Kommerz unter einen Hut zu kriegen. Auf der einen Seite orientiert man sich an amerikanischen Filmen, was Auswertung und Einspielergebnisse betrifft. Auf der anderen Seite ist man stolz, wenn man die Festivalpreise nach Hause trägt. Aber damit verdient man eben kein Geld.

Wie arbeiten Sie als Produzentin mit dieser amerikanischen Prägung?

Es war für mich wichtig, zu entscheiden, was für eine Art Produzent ich sein will. Oft fängt man naiv an und denkt: Ich will große Filme machen. Ich habe schnell realisiert, dass das gar nicht meins ist. Mein Herz hängt an den kleinen Projekten. Kleine Geschichten, die groß erzählt werden. Wie die Engländer oder die Franzosen das machen. Das habe ich während meiner Zeit bei Wüste Film für mich entdeckt. Andererseits ist das der Wunsch von jedem Produzenten: kommerzielles Arthouse. Der Film, der seit 30. April läuft, Ob ihr wollt oder nicht, ist einer, den ich hundertprozentig unterschreiben kann. Solche Filme wollen wir machen.

Was ist „kommerzielles Arthouse“?

Das gibt es nicht als Label. Es sind Einzelfälle, in denen das passiert. Good Bye, Lenin! ist ein Beispiel. Oder Doris Dörries Kirschblüten – Hanami, oder Gegen die Wand. Das sind alles Filme, die mit großen Risiko behaftet waren. Die haben durch Glück, und das ist immer ein Faktor, zur richtigen Zeit den Nerv der Zeit getroffen und dann auch die richtigen Entscheidungen mit der Auswertung. Wir haben in Deutschland das Problem, dass deutsche Filme von Verleihern nicht groß herausgebracht werden. Viele Filme gehen unter, obwohl sie mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Oft bekommt das Publikum nicht mit, dass die laufen. Weil die Leinwände nicht da sind oder mit amerikanischen Filmen blockiert sind; weil sich kein Verleiher findet, der den Mut hat zu investieren.

Wie wichtig ist es, dass ein Film ein universelles Thema behandelt und international verkauft werden kann?

Sehr wichtig. Filme dürfen regional spielen. Aber die Themen des Lebens sind immer international. Das hat man bei dem Film Vivere sehr gut gesehen. Da geht es um eine generationsübergreifende Geschichte von drei Frauen und den Sinn des Lebens, um es einmal verkürzt darzustellen. Wir haben den Film nach dem ersten Screening in New York auf dem Tribeca-Filmfestival sofort an einen amerikanischen Verleiher verkauft. Der lief teilweise in den USA erfolgreicher als in Deutschland. Die saugen das schnell auf: Das ist Arthouse, das ist Kultur. Natürlich reden wir nicht von großen Zahlen. Man merkt aber, dass das nachgefragt wird. Es werden im Jahr nicht viele deutschsprachige Filme in die USA verkauft, vier oder fünf Filme etwa. Wenn dann meiner dabei ist, finde ich das toll. Zu wissen, dass der bei Blockbuster in der Videothek steht, finde ich nicht schlecht. Wir entwickeln unsere Projekte aber erst einmal auf deutscher auf europäischer Ebene. Es gab bei Vivere wie bei Ob ihr wollt oder nicht einen holländischen Koproduzenten. Ein Weltvertrieb kümmert sich dann um die internationale Auswertung.

Macht es einen Unterschied, wenn eine Frau als Produzentin auftritt?

Frauen sind in diesem Bereich nach wie vor in der Unterzahl. Daran gewöhnt man sich: dass man als Frau allein mit Männern am Tisch sitzt und die ganze Zeit nur mit Männern redet und verhandelt. Ich arbeite gerne mit Männern zusammen. Ich arbeite aber auch gerne mit Frauen zusammen – wie bei „Vivere“, wo ich fast nur mit Frauen gearbeitet habe: Regisseurin, Kamerafrau, drei Hauptdarstellerinnen. Ich würde nicht unbedingt einen Unterschied erkennen. Eine Frau muss wahrscheinlich härter arbeiten und kommt langsamer voran. Das liegt an den Frauen. Frauen wollen sich absichern, dass das Projekt, das sie machen, erfolgreich sein soll. Sie gehen mit einer anderen Verantwortung um. Ich glaube, dass Männer – mal böse gesagt – viel leichtfertiger mit einer Insolvenz umgehen als Frauen. Das mag ein Vorurteil sein. Aber Frauen, die eine Firma führen, sind sehr um Stabilität bemüht. Sie machen erst mal zwei, drei kleinere Schritte, bevor sie den großen Schritt wagen.

Das Interview führte Ulrike Mattern

Anita Elsani, geboren 1972 in Köln, hat 2003 ihre eigene Produktionsfirma gegründet. Bei Wüste Film hatte sie zuvor etwa Fatih Akins Film Solino und Kebab Connection von Anno Saul betreut. 2006 produzierte Elsani mit ihrer Firma Vivere von Angelina Maccarone. Seit 30. April ist ihre Produktion Ob ihr wollt oder nicht in der Regie von Ben Verbong im Kino zu sehen.

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12:00 09.05.2009

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