Männersport

Berliner Abende Kolumne

Freitagabend im Olympiastadion. Nach der ziemlich femininen Weihnachtszeit, wo alles so schön plüschig, flauschig und kuschelig ist, brauche ich wieder eine ordentliche Dosis Testosteron an einem Ort, wo Männer noch Männer sind.

Das merke ich schon beim Einlass, als der harte Kerl von der Security sich beim Abtasten einen Fingernagel abbricht und mich und seinen Job verflucht. Der Ultra hinter mir darf seine Flasche Bailey´s nicht mit ins Stadion nehmen, weswegen er schrill rumzickt. Seine prollige Freundin mit den ausladenden Hüften und dem toupierten Pony macht ihren Lover mit ohne Haare vor allen Leuten zur Schnecke. Er schluchzt: "Tut mir Leid, Mausi." Alles wieder gut.

Vor dem Spiel verkündet der Stadionsprecher noch eine Schweigeminute für einen verstorbenen Ex-Fußballer, bei dem sich jeder wünscht, es handele sich um Franz Beckenbauer, aber nix da, es ist nur irgendeine B-Legende aus den 70ern, die keiner mehr kennt.

Dann ist endlich Anpfiff. Leider kann ich trotz des Flutlichts die Spieler schlecht unterscheiden. Sie haben alle dieselben blonden Strähnchen, wahrscheinlich vom gleichen Unterschichten-Friseur. Einer könnte ein frühes Kopfballtor machen, aber er traut sich nicht, hat er doch stundenlang für seine metrosexuelle Gel-Frisur gebraucht, die allerdings nur bei Sonnenfinsternis nach Beckham aussieht.

Der offensive Mittelfeldspieler tritt einen schlimmen Fehlpass, weil er seine Augen nicht beim Mitspieler, sondern auf der VIP-Tribüne hat, auf der er einen Scout aus dem Ausland vermutet.

Guck mal, da oben steht die Merkel und klatscht wie eine debile Vierjährige, dann tippt sie mit ihren Wurstfingern irgendwas in ihr Handy, wahrscheinlich obszöne Nachrichten an den untoten Gatten daheim. Neben ihr sitzt der Köhler - ach nein, das ist nur ein leerer Sitzplatz, das kann man schon mal verwechseln.

Der vierschrötige Kerl neben mir brüllt dem blinden Mittelfeldler "Schwuchtel" entgegen. Sofort kommt ein Fan-Beauftragter herbeigeeilt, dessen Qualifikationen ein abgebrochenes Psychologiestudium sowie starke Hautprobleme sind. Er hat eine Thermosflasche mit beruhigendem Malven-Tee dabei und muss dringend über den Vorfall reden. Solche Äußerungen sind so diskriminierend! Und wer sich nicht politisch korrekt verhalten kann, der fliegt raus. Reumütig bricht der Beleidiger in Tränen aus und wird von den weiblichen Rettungssanitätern auf die psychologische Notfall-Station gebracht, wo auch der Libero der Gegenseite gerade landet, der einen geplanten Rückpass elegant in ein Eigentor verwandelte. Da letzte Woche schon seine Schwester auf dem Platz als Flittchen bezeichnet worden war, steht er kurz vor einem Burnout-Syndrom.

Die Zuschauer sind aufgebracht, ein übles Foul im Strafraum. Aber nein, da ist nur jemand schwalbengleich abgehoben und über den Fuß des Gegners gesegelt, um einen Elfer zu schinden. Der Sommer scheint nah, die Simulanten fliegen schon wieder tief. Glücklicherweise steht eine Petze gleich daneben, die sofort zum Schiri rennt und mit dem nackten Finger auf den Schwalbenkönig zeigt. Der war bestimmt beliebt in der Schule, obwohl ich stark bezweifle, dass er jemals eine besucht hat. Das Rudel auf dem Platz diskutiert alles schön aus, dann gibt´s Elfmeter. Der Torwart hält gekonnt, der hat sich nämlich klugscheißerisch einen Zettel mit Schussrichtungen in die Socke gestopft. Mit Ordnung und den richtigen Listen kommt man immer besser durchs Leben, meint auch mein Steuerberater. Der Torwart strahlt. Für die Leistung gibt´s bestimmt noch einen Bambi! Ist das herrlich oder was?

Mir ist der Spaß vergangen. Ich stehe auf und drängle mich durch die Reihen, verlasse das Stadion, wo die Fans soeben im Chor "Girls Just Wanna Have Fun" singen.

Draußen auf dem Parkplatz prügelt sich gerade eine Gruppe polnischer Hooligans mit ihren deutschen Ebenbildern. Ich frage mich: Gibt es eigentlich auch weibliche Hooligans beim Damenfußball, die sich nach dem Spiel auf einsamen Waldlichtungen treffen und sich auf Kommando kräftig an den Haaren ziehen und in die Waden beißen?

Ich denke nicht lange nach und werfe mich mitten hinein ins Gewühl. Ich bekomme einen heftigen Springerstiefel-Tritt in die Magenkuhle und eine Faust mit Siegelring aufs linke Auge. Mein hochgezogenes Knie landet frontal in einem blassen Gesicht. Blut schießt mir aus der Nase, ich vermisse einen Schneidezahn. Da liegt er ja! Als ich mich bücke, fliegt eine Glatze an mir vorbei und kracht durch eine Windschutzscheibe. Keine blonden Strähnchen, kein Gejammer, er schüttelt nur wie ein nasser Rottweiler die Scherben ab und nimmt neu Anlauf. Ich hebe meinen Zahn auf, stecke ihn zurück ins matschige Zahnfleisch und werfe mich dem Brocken lächelnd entgegen. Der Abend ist gerettet. Das nenne ich Männersport!


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00:00 12.01.2007

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