Manu tanzt, Manu ist tot

Ziehen am Netz Barbara Alberts "Böse Zellen" will im Zusammenschnitt von traurigen Einzel-Episoden den Blick auf das trostlose Ganze ermöglichen

In einem Interview hat Barbara Albert gesagt, dass sie vor Böse Zellen immer mit der Einstellung gearbeitet habe: "Ich finde etwas." Es habe lange gedauert, bis sie sich getraut habe zu sagen: "Ich schaffe etwas", weil sie die Verantwortung gescheut habe, die das mit sich bringe. Barbara Alberts Entwicklung zwischen ihrem letzten Spielfilm Nordrand und nun Böse Zellen könnte man also als den Übergang von der Sammlerin zur Handwerkerin beschreiben. Bei Nordrand ergibt sich aus den richtigen Komponenten eine gute Geschichte. Kritischer Realismus, mitgefühlt und mitgedacht. Bei Böse Zellen geht es wesentlich verschachtelter und gewollter zu, nur die Kulisse ist ähnlich geblieben: Wien, wo es beliebig wird und damit zur Metapher. Die Art von Urbanität, die man gerne als "Vorstadt" bezeichnet, um sie rauszuhalten aus dem Inneren. Dabei weiß man ja, dass es weiter innen auch nicht mehr viel anders ist.

Die Figuren, die Barbara Albert in diesen zwar austauschbaren, aber nicht mehr weg zu kriegenden Kulissen auftreten lässt, bilden gemeinsam ein Netz. Nicht im Sinne von network, sondern im Sinne von: irgendwo stolpert oder stirbt einer und bei mir spannt sich was, oder es rüttelt, aber ich habe keine Ahnung, warum und woher es kommt. Ein Netz aus Verwandtschaften, flüchtigen Begegnungen und Hörensagen, aus Songs, die man mitsingen kann, und Logos, die man am Leib trägt. Ein Netz, das man sich nicht ausgesucht hat und das auch keiner wirklich überblickt. Die Zusammenhänge sind objektiv, bleiben aber subjektiv undurchsichtig. Parapsychologie und Politik könnte man sagen: Parapolitik.

Jeder Schnitt trennt eine Episode von einer anderen, lässt eine Figur in ihrer Lebenswelt zurück und sucht eine andere auf in der ihren. Aber die Schnitte, die immer trennen, verbinden auch. Sie sind assoziativ und suggestiv, orientieren sich mal an Gesten, mal an Sätzen, mal an einem Requisit und schaffen so beim Zuschauer das Gefühl, dass selbst über die Trennung hinweg, in der Stunde sozusagen, da sie alle nichts voneinander wissen, sie immer etwas verbindet. Die Idee, das Trennende sei immer auch gleichzeitig das Verbindende, die in dieser Schnittdramaturgie sichtbar wird, ist eine politische Idee. Wir wissen nun, dass - was uns da erzählt wird - von langer Hand kommt.

Barbara Albert wollte einen Film drehen, in dem die Protagonistin gleich am Anfang stirbt und auch nicht wiederkommt. Zu Beginn des Films überlebt Manu als einzige einen Flugzeugabsturz an der brasilianischen Küste. Sechs Jahre später sehen wir sie bei der Arbeit als Kassiererin und kurz darauf mit ihrer besten Freundin Andrea auf dem Weg zur Disco. Es läuft Take on me von A-ha und das Trauma scheint überwunden. Manu hat überlebt. Manu tanzt. Und dann ist Manu tot.

Der frühe Tod der Hauptfigur gibt dem Film eine Art Tatsächlichkeit, die die Realität einfängt und etwas darüber hinaus, was wir als solche eigentlich nicht mehr akzeptieren wollen. So wie Manu nun tatsächlich stirbt, nachdem sie zuvor "wie durch ein Wunder" gerettet wurde, geschieht alles, was danach geschieht, gleichsam mit dem Zusatz: ja, tatsächlich. Ein Kunstgriff einerseits, andererseits aber auch das ganz Natürliche: dass alles, was das Leben ist, vom Tod gezeichnet ist, dass jeder Wunsch, alle Angst und alle Sehnsucht von dort aus Sinn und Maß bekommen. "Schön wars", waren Manus letzten Worte, als sie sich von Andrea in der Disco verabschiedete, für immer, aber das konnte eben keiner wissen, und im Gedächtnis des Zuschauers wird dieser Satz plötzlich wieder auftauchen und man wird sich fragen: Gälte er auch für ein ganzes Leben?

Manus Tod ist das Epizentrum des Films. "Ich hab immer das Gefühl, sie sieht uns", sagt Andreas, Manus Mann. Tatsächlich suggerieren Kameraeinstellungen von oben, weißes Rauschen und ein Schwindel, der die Figuren mitunter jäh erfasst, dass Manu noch immer anwesend ist und am Netz rüttelt. Diese unheimliche Präsenz der Toten überschneidet sich mit der Position des Zuschauers: wir sind es, die aufsichtig über dem Geschehen schweben und von dort über die Grenzen der Einzelteile hinausschauen und einen größeren Zusammenhang erkennen. Von dort oben aus erscheinen alle Figuren nun als Hinterbliebene, selbst die, die Manu gar nicht kannten.

"Noch im ärgsten Chaos ist Ordnung", behauptet Manus Bruder Lukas, der als Physik-Lehrer seine Schüler in Chaostheorie unterrichtet. Aber ihm fehlt der Abstand, aus der Theorie wirklich einen Sinn zu machen. Er erstickt fast am Tatsächlichen, dem Tod der Schwester. Sandra, zu der er sich hingezogen fühlt, weil sie - eine Fremde - mit ihm geweint hat, versucht ihr eigenes Chaos durch eine Familienaufstellung in den Griff zu bekommen. "Willst du ich sein?" Im Therapieraum ist die Antwort "ja", weil es die Spielregel so verlangt. Aber dahinter klingt es hohl, das Echo der Leere, die einen jeden dieser Menschen umgibt, der immense Zwischenraum von einer zum anderen.

In Harun Farockis Dokumentarfilm über Die Schöpfer der Einkaufswelten sehen wir einmal eine Mitarbeiterschulung in einem Klamottenladen. Die Verkäuferinnen werden vom Coach wie Spielfiguren in den Raum gestellt, als Statthalter der Waren, auf die der Blick des Kunden fallen soll. "Wie fühlt sich das an?" heißt es da. "Wie geht es dir da?", fragt die Therapeutin die Mitspieler in Sandras Familienaufstellung und tatsächlich ähneln sich diese beiden Szenen auf eine erhellende Art. Man kann noch so viele Varianten durchspielen: Es fühlt sich Scheiße an. Wenn wir nicht selber den Raum füllen, der zwischen uns liegt, dann wird er anderweitig besetzt. Dann umstellen uns die Glücksversprechen der Einkaufswelten, dann rubbeln wir alle um die Wette, damit einer am Ende ein Musterhaus gewinnt und sich als Sieger fühlen darf. Dann tanzen wir den Kauf-mich-Foxtrott, die Polonaise, die uns aufreiht wie am Schnürchen. Auf diese Weise sickert zwischen den Figuren das Allgemeine ein, das diffamierte Soziale, das was "man" tut, wenn man ein wirkliches Interesse füreinander längst verloren hat. Barbara Albert hat tatsächlich einiges geschafft mit diesem Film. An manchen Stellen glaubt man den Taumel noch zu spüren, den das verursacht hat. Der Film ist ein Teil des Netzes geworden.


00:00 02.04.2004

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