Märchenhafter Balkan

Aufs Glatteis Marica Bodrozics Erinnerungen an Titos Tod und andere Merkwürdigkeiten

In Marica Bodrozics Erzählband Tito ist tot gibt es eine Tante Morgenrot. So märchenhaft ihr Name, so verwunschen ist auch ihre Umgebung: Teuflische Kinder jagen um den Lindenbaum, durch den Stall, die Sommerküche; wenn sie nicht schon früh, und dann als Engel, begraben werden. Eine Blume namens "Brennende Liebe" wächst in ihrem Garten; doch die Tante "schlägt ihren Kopf und ihren Nacken immerzu gegen den Geranientopf". Das Märchen ist aus den Angeln, es kommen Dinge darin vor, die keine Parabel, kein Aberglaube einzuholen vermag. Nicht: "Im fernen Morgenlande wurde ein Knabe geboren" heißt es am Anfang, sondern: "Der Tante Morgenrot starben zwei Kinder." Und diese Kinder waren längst erwachsen, starben auch nicht heldenhaft in irgendeinem Kampf, sondern einfach so, im Bett und am Flussufer. In der Fabel kommt eine Welt zum Vorschein, deren dörfliche Idylle zerbrochen ist. Aber als gäbe es keine Wörter für das, was zum Tod der Geschwister geführt haben mag, drückt sie sich in Bildern aus: "ruckartig und klumpig" fließt der Tante Blut aus dem Kopf, ein "Dreiecksgesicht" hatte die Tochter; von der Tante kündet schließlich nur noch ihr schwarzes Kopftuch am Geranientopf.
Wovon hier eigentlich die Rede ist - oder was vielmehr verschwiegen wird -, bleibt im Dunkeln. Ein kleiner Hinweis, vielleicht, ist das zweimal aufeinanderfolgende Wort "Frieden". Dieser, "wohlgemerkt", fehlt.
Die Kroatin Marica Bodrozic wurde 1973 in Dalmatien geboren und lebt seit ihrem zehnten Lebensjahr in Deutschland. Die als ihr literarisches Debüt veröffentlichten Erzählungen kreisen allesamt - aus näherer oder weiterer Entfernung - um den jugoslawischen Kindheitstraumort, der das "äußerste Ende" des Orients bildet. Eine "Welt der Magie, der Engel und der Teufel" ist der Nährstoff ihres Erzählens, eine "Welt, wo die Landschaften von verwinkelten Tälern und abgelegenen Dörfern bestimmt wurden, durch die Marienprozessionen zogen". Eine Welt, in der noch, ohne zu zögern, das große Glück gesucht, Erinnerungen in den buntesten Farben gemalt und Geschichten aus sanften Beichten gemacht werden. Anders als etwa in den Texten der serbischen Theaterautorin Biljana Srbljanovic, wo Kinderspiele Kriegsspiele sind, ruhen die Wurzeln des tödlichen Balkans bei Bodrozic unter einem hübschen Blumenteppich. Wird dieser einmal von abergläubischen Dorfbewohnern niedergebrannt, so kommt dessen magische Pflanzenkraft doch nicht zu Schaden. Peter Handke grüßt aus dem benachbarten, so weit entfernten Serbien. Der Kinderblick, den die Autorin auf ein mythenbeladenes, naturnahes Leben richtet, nimmt Brüche nur als Ahnungen wahr.
Dabei weckt die Titelerzählung, die sich als einzige explizit mit einem historischen Ereignis beschäftigt, ganz andere Erwartungen. In Tito ist tot verknüpft Bodrozic geschickt das von Engeln und Teufeln bevölkerte Denken der Alten mit der surrealen Abfolge immer gleicher Machtfiguren, die militärischen Erfahrungen der Tito-Generation mit den jüngeren Kriegsverhältnissen. Tito selbst ist dabei nur eine fern(seh)gesteuerte Witzfigur. Nicht er, sondern der Großvater der Erzählerin tritt als Kriegsheld im besten Sinne des Worts in Erscheinung. Zeuge eines Massakers im 2. Weltkrieg, sorgte er für eine der "seltenen Verurteilungen" eines Kommandaten, lange vor der Zeit des mörderischen Feldherrn Milosevic. So weit, so gut, - und so enttäuschend, wenn die Erzählung schließlich mit der simplen Aussage endet, wie gut es sei, dass der Großvater "die neuen Alleskönner" nicht mehr "in ihrem Element erlebt" hat.
Als wolle Bodrozics den Lesern und womöglich auch sich selbst jede weitere konkrete Auseinandersetzung mit politischen Vorgängen ersparen, erschöpfen sich die anderen Erzählungen in der Beschwörung von Kindheitsbildern, traumartigen Dorfgeschichten oder skurrilen Auswanderungsschicksalen. Da retten "vieläugige Schmetterlinge" das Kind vor Blindheit, da geht eine Frau mitsamt ihren Fotos ins Meer, es werden Lilienfelder gezüchtet oder Schlangen unter dem rasanten Hieb einer rosengesäumten Dame getötet. Da trudelt man so hin von einem Bild zum nächsten, schluckt kitschige Platitüden - ja, "nur im Dunkeln sieht man die Schönheit der Lichter" - und wohlfeile Worthülsen, von "fröhlich gestimmten Menschen" bis zu einer "Sonne durchtränkten Kindheit".
Vor allem, wenn es der Autorin um Erinnerung geht, überschlagen sich die sprachlichen Bilder: In der Erzählung mit dem faden Titel Der kalte Atem der Liebe etwa wandern die Erinnerungen zunächst in "kleine, abgedichtete Krater", um gleich darauf innerhalb von "Vulkanen" "über die Meere" hinweg zu ziehn und dort nichtsdestoweniger "auf Glatteis befördert" zu werden. Immer neue Metaphern für das gute alte Gedächtnis purzeln aus den Erzählungen von Marica Bodrozic, und immer wieder schmückt sie damit die wohlbekannten Gemeinplätze autobiographischer Literatur aus. Wohl nach dem großen Vorbild von Walter Benjamins Berliner Kindheit versucht sie in ihren märchenhaften Geschichten Bilder zu entwerfen, die noch im Beiläufigsten das Ganze einer unwiederbringlich verlorenen Kindheit aufscheinen lassen. Doch anders als bei Benjamin gelingt es ihr nur selten, mit diesen Denkbildern zugleich an die unbehauste, desillusionierte Gegenwart zu erinnern.
"Welche Art von Leben man wohl verpasst, während man ein anderes lebt", fragt sich Ana in Der kalte Atem der Liebe. Nachdem sie ihrem Rado jahrelang Briefe an eine ihr unbekannte Adresse in "seinem Land" geschickt hat, will sie das nicht mehr wissen und schon lange nicht zurückkehren. Bodrozics Erzählungen aber gehen immer wieder zurück, zum "vieläugigen Schmetterling", zur seltsamen Tante Morgenrot. Sie versprechen mehr, als sie halten können. Welche Art von Geschichten man wohl verpasst, während man andere schreibt?

Marica Bodrozic: Tito ist tot. Erzählungen. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2002, 160 S., 18 EUR

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00:00 22.03.2002

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