Maria im Spiegelreich

Ansteckend Lukas Hammersteins "video" ist nur scheinbar ein Politikerroman

"Wie sollte ich sagen, dass er bei Sinnen war, als er sich tötete, geradezu gelassen? In seiner Welt war so etwas möglich... Er nahm sich ein japanisches Messer, er sammelte sie, hatte immer eines bei sich, was ihn an Flughäfen in Schwierigkeiten brachte. Ich könnte beschreiben, wo er den ersten Schnitt setzte, wie er sich zurücklehnte, um zu sehen, wie das Blut aus seinem Körper lief. Wo er den zweiten und dann den dritten Schnitt setzte. Wie lange es gedauert hat. Natürlich ließ ich ihn gewähren. Wir waren Freunde..."

Bereits auf der 22. des 240 Seiten langen Romans ist sein Titel erklärt. In einer nicht ausgesprochenen Sequenz, einem Gedankenspiel des anonym bleibenden Ich-Erzählers, der seiner jungen Geliebten nicht erzählen möchte, was wirklich passiert ist. Der Leser wird nach Ende der Gesamtlektüre wieder den Anfang aufblättern, um diese Passage zu suchen, richtig zu lesen. Denn Hammerstein spielt.

Nur scheinbar geht es um ein Video, das die Selbsttötung des Expolitikers Piet Escher aufzeichnet. Hintergründig erzählt Hammerstein dreifach die Biografie einer Karriere und einer Liebe. In versetzten Szenen erfahren wir vom Werdegang Piets, des Ich-Erzählers und von Maria. Diese Dreierkonstellation taucht in jeder Einstellung auf. Als Studenten in Freiburg besteigen die damals 20-Jährigen den Münsterturm und stellen sich nächtlichem Sturmwind. Piet dreht sich eine Zigarette. "Er fragt, ob ich einen Moment Zeit für ihn habe. Es geht um Maria. (...) Heute morgen ist er zu ihr gefahren und hat ihr einen Heiratsantrag gemacht." Wir wissen, dass unser Ich-Erzähler mit Maria aufgewachsen ist, wie Bruder und Schwester, aber eben doch nicht richtig, denn sie kam als Waisenkind in sein Haus. "Und was hat Maria gesagt? (...) Was für ein Theater. Mehr hat sie nicht gesagt."

Die spröde Sprache und ohne Anführungszeichen gesetzte wörtliche Rede erhöhen den Reiz der Lektüre. Die geschilderten Erlebnisse, meist nur wenige Stunden andauernd, sind unchronologisch durcheinander gewürfelt. Bald bauen sich Bilder auf. Piet, der an seiner politischen Zukunft bastelt, seinem Äußeren, seiner Präsenz. Der Ich-Erzähler, immer spöttisch am Rand dabei, seriös gekleidet, selbst bei einer Anti-Atomkraftdemo. "Piet würde lachen, er findet immer, daß ich ein Snob bin. Er braucht sich nie zu verkleiden, er trägt, was ihm steht, und was er anzieht, paßt ihm, Anzug oder Jeans, selbst im Sweatshirt macht er eine gute Figur. Er kann sich leiden, und das überträgt sich auf alles, was ihn umgibt." Maria, schön und klar, immer rauchend und fordernd. Geheimnisvoll, sich verweigernd, aber auch provozierend.

Die Studenten im Münster werden vom Pfarrer gefragt, was sie von der Zukunft erwarten. Maria wirft ein "Nichts" in die Runde, Piet erläutert politische Utopien "Ich sage, ich will die Unschuld nicht verlieren, und natürlich lachen sie alle." Während der Ich-Erzähler heiratet, arbeitet, sich scheiden lässt, kündigt und schließlich als Angsttherapeut freischaffend in München lebt, gründet Piet die Grünen mit, wechselt von Bonn nach Berlin, zieht in die Bundesregierung ein und scheitert schließlich innerhalb der eigenen Partei. Seine Unschuld geht früh verloren. "Karrieremachen ist ein Virus, ein Feuer, das dich wärmen kann, sagt Piet." Auf dem Höhepunkt der Macht fährt Piet große schnelle Autos, ist berühmt. Und hat Marias Liebe verloren, die er wohl nie wirklich besaß. Er, der nach Liebe und Anerkennung giert.

Die Figur der Maria bleibt schemenhaft, als würde sie zur rechten Zeit aus dem Spiegel treten, um das Leben der Protagonisten zu verwirren. Sich des Begehrens beider sicher, wird ihr kein Platz für Reflexionen eingeräumt. Angekettet an das Tor eines Nato-Raketendepots bleiben ihr nicht einmal die Hände, um sich zudringlicher Annäherung zu wehren. Ihre Reaktionen bleiben rätselhaft. Diese Maria ist die eigentlich interessante Figur des Romans. Die Frauen und Männer um sie herum verspießern, sind frustriert oder verweigern sich dem Altern. Sie bleibt unschuldig. Lacht, geht und kommt, wie sie will.

Piet zitiert seinen Freund und Erzähler zu sich, wann es ihm gefällt. Auf den Münchener Flughafen, auf einen Vortrag in Weimar, auf Demos und Parteitage, Stadtrundfahrten, in Bars und am Ende zur Inszenierung seines Todes. Seine Ideale scheinen verloren. "Er sagt, ich habe keine Angst vor der Zukunft, nur vor der Vergangenheit. Er will nicht weglaufen, nur einmal ankommen."

Im protokollierten Aufeinandertreffen der Freunde fehlt jede Wertung über Piet. Einer Kamerafahrt gleich beschreibt Hammerstein die Orte, das Wetter, Getränke, Gespräche, Fahrten und Blicke. Der Ich-Erzähler bleibt Zuhörer, will nicht Ratgeber sein. Und merkt nicht, worum Piet ihn beneidet.

Nach dem Ausstieg aus der Politik zieht sich der Grünen-Gründer nach Arizona zurück, lebt zwischen ausrangierten Flugzeugen. Dort treffen sich beide zum Finale wieder, das erst den Anfang des Romans bildet. Piet redet von der Unterstellung des Freundes, er habe die Politik nie ernst genommen. "Im Kern ging es natürlich um etwas ganz anderes. Wir hatten wieder, wie immer, wenn wir uns trafen, über Maria gesprochen..." Piet hatte sich immer nach Maria gesehnt. "Vom ersten Augenblick an, auch wenn er mit ihr zusammen war. Es habe nichts geholfen, sie zu heiraten, mit ihr zu reden oder auf Reisen zu gehen. Sie war nie wirklich da, und er spürte es, die ganze Zeit." Selbst auf diese traurigen Sätze findet der Erzähler keine Antwort, keinen Trost. Piet liefert sich ihm aus auf seinem Scherbenhaufen, nichts ist geblieben von den Aufbrüchen Ende der Siebziger, den Demos und Reden, dem Mitregieren, dem geliebt und bewundert werden. "Kennst du das, fragte er, wenn man vor Sehnsucht vergeht und den Grund zur Sehnsucht nicht wirklich kennt? Wenn es in dir brennt, als könne keine Macht der Welt das Feuer löschen? Nein, das kenne ich nicht." Hammerstein dekliniert die menage à trois konsequent durch, der scheinbar kühle Erzähler ist derjenige, nach dem sich Maria sehnt. Worum Piet ihn beneidet. An einem Pool in Arizona schließt sich der Kreis der Erzählung.

Hammersteins video erzeugt Verwirrung und Erstaunen. Nach seinem kritisch aufgenommenen Roman Die 120 Tage von Berlin (2003) hat der studierte Philosoph nun Elemente seiner Biografie verwendet, um neben einer lebensechten Grünen-Biografie die Illusionen einer Liebe zu beschreiben. Hammerstein ist wie seine drei Helden 1958 geboren, deren Jugend er vielleicht etwas zu weit über die vierziger Lebensjahre hinausreichen lässt. Im Roman antwortet Piet 1998 einer jungen Parteifreundin auf die Frage, ob die Seele Schaden nehme, wenn man in der Regierungsverantwortung steht: "Wir werden daran wachsen, Sie werden sehen, wir verändern das Land von Grund auf, und eines Tages wird man sagen, dass wir es waren, die den Reformprozeß erzwungen haben, den das Land so dringend nötig hat." Die Desillusionierung dieser Hoffnung und die Einsamkeit in der amerikanischen Wüste gehen für Piet letztlich einher mit dem Verlust der Liebe, er gibt Maria frei.

"Ich sehe" heißt video aus dem Lateinischen übertragen. Obwohl der Ich-Erzähler als einziger sieht, wie sich Piet Escher umbringt, durchschaut er den Tod des Freundes nicht. Wir werden vom Autor verführt, mit Marias Augen hinter den Spiegel zu sehen. Dafür sei ihm gedankt.

Lukas Hammerstein: video. Roman, S.Fischer, Frankfurt am Main 2006, 240 S.,
18,90 EUR


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00:00 17.03.2006

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