Helge Peukert
Ausgabe 1216 | 24.03.2016 | 06:00 15

Mario, starte den Helikopter

EZB Die Geldpolitik wird immer lockerer, doch das Gespenst der Deflation weicht nicht. Sollte die Zentralbank lieber jedem Bürger 3.500 Euro schenken?

Mario, starte den Helikopter

Auch Mario Draghi hat Helikoptergeld als „interessantes Konzept“ bezeichnet

Foto: Andreas Feininger/The Life Picture Collection/Getty Images

Das gab es noch nie in Europa: Wenn eine Privatbank sich nun bei der Europäischen Zentralbank (EZB) Geld leiht, dann muss sie dafür genau null Prozent Zinsen zahlen. Zudem weitet die EZB ihr Aufkaufprogramm für Anleihen aus und flutet die Finanzmärkte von April an mit 80 statt bisher 60 Milliarden Euro monatlich. Der negative Einlagezins wird für Privatbanken, die ihr Geld bei der EZB parken wollen, noch schmerzhafter: minus 0,4 statt minus 0,3 Prozent. Doch diese neuerliche Lockerung einer ohnehin schon ultralockeren Geldpolitik wird weder das Deflationsgespenst aus Europa vertreiben noch die maue Konjunktur im Euroraum aufhellen können.

Der Geldregen lässt nicht, wie erhofft, die Kreditvergabe der Banken an die Realwirtschaft steigen, sondern die Aktienkurse und damit die Vermögensungleichheit und die Blasenbildung an den Kapitalmärkten. Die Zinsmanipulationen und massiven Aufkaufprogramme setzten marktwirtschaftliche Mechanismen außer Kraft, schäumen die schärfsten Kritiker von EZB-Präsident Mario Draghi, von denen die meisten in Deutschland sitzen. Die EZB versaue den Banken das Zinsgeschäft und ändere wenig am hohen Bestand fauler Kredite. Ist Europas Zentralbank wirklich mit ihrem Latein am Ende? Oder lässt sich noch ein Kaninchen aus dem Hut zaubern?

Wenn, dann darf der eigentlich Marktradikale Milton Friedman als Erfinder dieses Zaubertricks gelten. Er behauptete in den 1960er Jahren, eine Zentralbank könne eine Deflation immer überwinden. Wenn nötig, müsse sie nur Geld aus einem Hubschrauber abwerfen, also zins- und tilgungsfrei Geld, das sie ja drucken kann, verschenken. Möglichkeit eins: Jeder Bürger erhält eine Bürgerdividende. Die mit dem bisherigen, auf den Finanzmarkt ausgerichteten Quantitative-Easing-Programm (QE) anvisierten 1,7 Billionen Euro entsprächen ungefähr 3.500 Euro pro Kopf. Möglichkeit zwei: Der Staat erhält das Geld als Geschenk für ökologische und soziale Investitionsprojekte. Das fordert die zivilgesellschaftliche europäische Initiative QE for People.

Der Forderung haben sich prominente Ökonomen wie der frühere Chef der britischen Finanzmarktaufsichtsbehörde, Adair Turner, angeschlossen. Nur so ließen sich unmittelbar die Stagnation und Deflation im Euroraum durch Anregung des privaten Konsums oder öffentliche Investitionen etwa in grüne Infrastruktur überwinden. Sollten dadurch nicht, wie allseits erhofft, die Preise zumindest leicht steigen, müsse die Geschenkprozedur wiederholt werden, fordert der Ökonom Daniel Stelter. Und überhaupt schlagen einige Befürworter vor, es nicht bei einer einmaligen Injektion zu belassen, sondern Helikoptergeld generell zur Konjunkturglättung einzusetzen oder so gar dauerhaft 10 bis 15 Prozent des Bundeshaushalts für sozialökologische Investitionen zu finanzieren. Denkbar wäre, einen gewissen Prozentsatz des Budgets den in Zeiten der Schuldenbremse absehbar noch klammeren Kommunen zukommen zu lassen; die Menschen könnten vor Ort per Bürgerhaushalt über die Verwendung entscheiden.

Mehr Inflation wagen

Bis dato war Helikoptergeld ein Tabu, etwa weil die Finanzgroßwirtschaft nicht unmittelbar von ihm profitiert. Einige Ökonomen fragen sich, ob eine Geld verschenkende Institution noch die knapp zu haltende Geldschöpfung unter Kontrolle halten könnte oder nicht vielmehr dem Dammbruch ausgeliefert wäre: Investitionen, die Helikoptergeld verdienten, gibt es viele.

Doch in Zeiten wie diesen ist drohende Inflation, deren Rate die EZB für 2016 mit 0,1 Prozent prognostiziert, nicht das Pro-blem. Ließe sich nicht vielmehr das bisher vergebliche Ringen um die Rettung von Flüchtlingen und die der EU mit Helikoptergeld lösen, mit „QE for the boatpeople“? Man stelle sich vor, die EU-Staaten erhielten es für die Aufnahme eines jeden Flüchtlings. Könnten all die Regierungen in Europa ihren Widerstand gegen eine Quotenregelung gegenüber ihren eigenen Bevölkerungen dann aufrechterhalten?

Mario Draghi hat Helikoptergeld nun als „interessantes Konzept“ bezeichnet. Klar ist: Nötige Reformen wie die Begrenzung der Größe von Banken oder eine Finanztransaktionssteuer hätten sich mit Helikoptergeld alles andere als erledigt.

Helge Peukert ist außerplanmäßiger Professor für Finanzwissenschaft an der Universität Erfurt und Autor des Buches Das Moneyfest

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 12/16.

Kommentare (15)

na64 24.03.2016 | 09:40

Der Preis des Geldes. Wenn ich Helikoptergeld lese denke ich immer an Apokalypse Now und der Angriff mit Agent Orange. Das heißt für mich abstrakt gedacht, der Preis des Geldes ist der dazugehörige Krieg und der läuft ja schon. Ist das herum doktoren am Geldwesen so entscheident für unsere Einkleidung, für die Art und Weise, wie wir miteinander Leben!?. Ich denke nicht, denn es liegt ja nur daran das wir Angst davor haben Alternativen zuzulassen. Was wäre ein Alternative und selbst wenn ich ein hätte, ich würde Sie Euch nicht geben wollen, da diese in das bisherige bestehende Korsett einer Gesellschaftsgemeischaft eingeschnürt wird. Bargeld abschaffen und negativ Zinsen sind keine Alternativen. Bei einer Alternative die ich im Kopf habe, die mache ich für mich allein, ohne dem Bestreben maßgebend für Alle sein zu müssen. Die nächste Baustelle die dieses Helikoptergeld verursacht ist das bestehende Konzepte wie Hartz IV ausgehebelt werden und der Staat sich bei andern Mehrausgaben seine Schwarze Null bewahren kann. Dreht sich doch irgendwie alles im gleichen Kreis und je nachdem wie man die Pedale im Cockpit des Heli drückt fliegt er halt nach oben, nach unten und wo auch immer hin. Da denke ich immer an Robbi Tobbi und das Flühwatüt und die Suche nach dem Monster im Loch Ness, dass es auch gar nicht gibt. Dann ist der Krieg das Monster welches wir selbst erschaffen und es dient zum Erhalt des Glaubens an unsere Art wie wir Leben über die geschaffenen Rituale beim Geld. Und zum Schluss: Ich will jetzt auch einen Heli fliegen.

Heinz Lambarth 24.03.2016 | 17:20

Da die zentralbank den realzins nicht unter null prozent senken kann, gibt es faktisch kein geldwirtschaftliches instrument, das eine deflation verhindern könnte; auch keine geldgeschenke (dafür ist Japan seit 25 jahren ein sehr illustratives beispiel).

Auch "helikopter-geld" kann das problem nicht lösen, weil es keine investitionsanreize schafft. Vielmehr würden die so beschenkten wahrscheinlich zu nächst ihre schulden abbauen oder (falls sie keine haben) das geld aufbewahren, um unter deflationsbedingungen so lange mit dem ausgeben zu warten, bis die preise weiteregefallen sind bzw. der kauf unaufschiebbar geworden ist.

In gewisser weise gibt die jetzige situation eine fingerzeig auf eine post-wachstums-gesellschaft (die Adam Smith und Robert Malthus noch für das erstrebenswerte ziel allen wirtschaftswachstums hielten!). Wenn aber nichts mehr wirklich wächst, dann gelangt auch das profit-basierte wirtschafts(wachstums)modell an seine genzen - und das ist das eigentliche problem von Draghi & Co.

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Ehemaliger Nutzer 27.03.2016 | 01:23

Auf Dauer ist das ist zu wenig, es sollten jeden Monat 1000€ sein.

Aber: kein bedingungsloses Grundeinkommen, es muß an die Bedingung geknüpft sein, daß der Empfänger sich nicht bei dem IS oder der Bundeswehr verdingt oder sonst an destruktiver 'Produktion' beteiligt

Brzeziński ist ja kein Dummer, nur bei den Zielen, unter 'Tittytainment' beschreibt er, daß heute 20% der Menschen den Bedarf Aller liefern können, diesen historisch einmaligen Reichtum müssen wir optimal nutzen, sonst wird er zur Hölle. (B: 80% der Menschen sind überflüssig)

Heinz 27.03.2016 | 04:06

«Wenn, dann darf der eigentlich Marktradikale Milton Friedman als Erfinder dieses Zaubertricks gelten. Er behauptete in den 1960er Jahren, eine Zentralbank könne eine Deflation immer überwinden. Wenn nötig, müsse sie nur Geld aus einem Hubschrauber abwerfen, also zins- und tilgungsfrei Geld, das sie ja drucken kann, verschenken. »

Wenn ich sowas schon zitiere, dann füge ich auch hinzu, unter welchen Rahmenbedingungen Friedman das damals in der Guten Alten Zeit gesagt hatte.

1. Friedman war ein Vertreter der 100%igen Mindestreserve, zumindest damals noch.

2. Die Geschäftsbanken hatten noch nicht ihr eigenes FiatGeld erzeugt.

3. «... das sie ja drucken kann, ...» verweist eindeutig und unmißverständlich auf Bargeld: "Wer druckt das meiste Geld denn heute noch?" Bargeld wird ausschließlich für den täglichen Bedarf und in Kleinbeträgen gebraucht.

4. Das Bail Out Programm der EZB kauft den Geschäftsbanken die StaatsKredite ab, damit die Staaten der EuroZone nicht in die Insolvenz getrieben werden.

5. Der Zaster, der via Buchungszeile von der EZB geschöpft wird, um die Staatsanleihen aufzukaufen, fließt in den globalen Finanzmarkt, weil Kredite hier nur marginal nachgefragt werden.

6. Helikoptergeld würde im Eurraum ein bis zwei mal umgesetzt werden und fließt dann via Abschöpfung ins Steuerparadies, um sich dort in der sozialen Hängematte völlig losgelöst und leistungslos zu vermehren.

Fazit:

Seit Milton Friedman seinen Spruch tat,
hat sich was verändert.

Joachim Petrick 30.03.2016 | 13:39

Selbst die Ankündigung von Helikoptergeld durch den EZB- Chef Mario Draghi taugt bisher nicht einmal, den finanzpolitischen Reformdruck zu erhöhen, zumindest den asymmetrischen Wildwuchs an Wucherzinsen bei Dispo- Krediten für Millionen Privathaushalte, Unternehmen zu beenden, Umschuldungen von teuren zu preiswerteren Krediten ohne Anspruch auf Vorfälligkeitszinsen für die Kreditinstitute zu fordern und zu fördern.

Helikoptergeld vermag Reformen in Wirtschaft und Politik auf nationaler, internationaler Ebene, angesichts währungspolitischer Wuchten und Unwuchten unter über 200 Ländern der Welt nicht zu ersetzen.

Statt Helikoptergeld sollte die EZB, neben Banken, Versicherungen, Staaten, Kommunen, Unternehmen, Privathaushalte als geldpolitische Direktpartner mit ins finanzpolitische Boot nehmen und diesen Kredite zum Nullzinstarif ausschließlich für Investitionen gewähren, zu denen auch Um- und Entschuldungen bei sonstigen Kreditgebern gehören.

Joachim Petrick 30.03.2016 | 14:05

"Wenn ich Helikoptergeld lese denke ich immer an Apokalypse Now und der Angriff mit Agent Orange. Das heißt für mich abstrakt gedacht, der Preis des Geldes ist der dazugehörige Krieg und der läuft ja schon. "

Das bringt es auf den Punkt. der Erste Weltkrieg, der von 1914- 1945 währte, galt ja über alle Feindbilder hinweg gleichmermaßen vor allem der Genralmobilmachung von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, um millionenfach ordentlichen Lohn auf das drollige Niveau von Sold im Rahmen von Zwangsverpflichtungen zu drücken, Parteien; Kirchen und Gewerkschaften den Schneid an Kampagnestärke für allgemeinen Wohlstand, Bildung, Frieden durch propagandistisch patriotische Heilsversprechen zum Wohle der Nation , des Kaisers, seiner Untertanen, später Führer, Volk und Vaterland abzukaufen.

Das geht natürlich, angesichts von Zivilgesellschaften mit denen im eigentlichen Sinne kein erklärter Krieg mehr zu machen ist, außer einem verdeckten, wie den Krieg gegen den Internationalen Terrorismus seit Nine Eleven2001, auch anders herum Fidelbum, nämlich, statt in Zeiten des Krieges den Gürtel bis auf Hungerhalen Niveau enger zu schnallen, Löhne durch Niedrig- Sold zu ersetzen, dem Gürtel durch Helikoptergeld wundersam nie geahnte Weiten zu erschließen und ganz nebenbei einmal mehr nur anders Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, der Zivilgesellschaft schlechthin, den Schneid zu Kampangnestärke, Willkommens- und Ankommenskultur, "Wohlstand für aller" abzukaufen.

Am Ende ist dann der durch Helikoptergeld geweitete Gürtel der Strick, mit dem im günstigeren Fall nur unser Restsvermögen vor dem kargen Schonvermögen, erdrosselt wird

Heinz 04.04.2016 | 15:59

Genau das war die Konsequenz meines Kommentars.

Die Volkswirtschaftliche Gleichung ist eine Gleichung:

Produktion mit Dienstleistung = Konsum

Das Geld als Zahlungsmittel könnten wir jeden Monat neu als FiatGeld aus dem Nichts schöpfen und am Monatsende wieder vernichten. Die Gleichung ändert sich damit nicht. Wir könnten das GeldSpiel auch bis zum Ende differenzieren und das Zahlungsmittel beim Bezahlvorgang schöpfen; dabei sollten wir uns auf eine Umlaufsicherung einigen.

Kubabremen 17.04.2016 | 18:38

Nicht jedem Deutschen sollte die EZB 3.500 € schenken, sondern allen Alleinerziehenden Eltern, allen Langzeitarbeitslosen, allen Obdachlosen, allen nach üblicher Definition in Armut lebenden Kindern - statt 3.500 € lieber 10.000 € und dafür dem Rest derjenigen denen es gut geht nichts.

Unter dieser Voraussetzung fände ich ein Helikoptergeld allemal besser als Bankenrettung oder monatlichen Aufkauf von Staatsverschuldung.