Mario, starte den Helikopter

EZB Die Geldpolitik wird immer lockerer, doch das Gespenst der Deflation weicht nicht. Sollte die Zentralbank lieber jedem Bürger 3.500 Euro schenken?
Helge Peukert | Ausgabe 12/2016 15
Mario, starte den Helikopter
Auch Mario Draghi hat Helikoptergeld als „interessantes Konzept“ bezeichnet
Foto: Andreas Feininger/The Life Picture Collection/Getty Images

Das gab es noch nie in Europa: Wenn eine Privatbank sich nun bei der Europäischen Zentralbank (EZB) Geld leiht, dann muss sie dafür genau null Prozent Zinsen zahlen. Zudem weitet die EZB ihr Aufkaufprogramm für Anleihen aus und flutet die Finanzmärkte von April an mit 80 statt bisher 60 Milliarden Euro monatlich. Der negative Einlagezins wird für Privatbanken, die ihr Geld bei der EZB parken wollen, noch schmerzhafter: minus 0,4 statt minus 0,3 Prozent. Doch diese neuerliche Lockerung einer ohnehin schon ultralockeren Geldpolitik wird weder das Deflationsgespenst aus Europa vertreiben noch die maue Konjunktur im Euroraum aufhellen können.

Der Geldregen lässt nicht, wie erhofft, die Kreditvergabe der Banken an die Realwirtschaft steigen, sondern die Aktienkurse und damit die Vermögensungleichheit und die Blasenbildung an den Kapitalmärkten. Die Zinsmanipulationen und massiven Aufkaufprogramme setzten marktwirtschaftliche Mechanismen außer Kraft, schäumen die schärfsten Kritiker von EZB-Präsident Mario Draghi, von denen die meisten in Deutschland sitzen. Die EZB versaue den Banken das Zinsgeschäft und ändere wenig am hohen Bestand fauler Kredite. Ist Europas Zentralbank wirklich mit ihrem Latein am Ende? Oder lässt sich noch ein Kaninchen aus dem Hut zaubern?

Wenn, dann darf der eigentlich Marktradikale Milton Friedman als Erfinder dieses Zaubertricks gelten. Er behauptete in den 1960er Jahren, eine Zentralbank könne eine Deflation immer überwinden. Wenn nötig, müsse sie nur Geld aus einem Hubschrauber abwerfen, also zins- und tilgungsfrei Geld, das sie ja drucken kann, verschenken. Möglichkeit eins: Jeder Bürger erhält eine Bürgerdividende. Die mit dem bisherigen, auf den Finanzmarkt ausgerichteten Quantitative-Easing-Programm (QE) anvisierten 1,7 Billionen Euro entsprächen ungefähr 3.500 Euro pro Kopf. Möglichkeit zwei: Der Staat erhält das Geld als Geschenk für ökologische und soziale Investitionsprojekte. Das fordert die zivilgesellschaftliche europäische Initiative QE for People.

Der Forderung haben sich prominente Ökonomen wie der frühere Chef der britischen Finanzmarktaufsichtsbehörde, Adair Turner, angeschlossen. Nur so ließen sich unmittelbar die Stagnation und Deflation im Euroraum durch Anregung des privaten Konsums oder öffentliche Investitionen etwa in grüne Infrastruktur überwinden. Sollten dadurch nicht, wie allseits erhofft, die Preise zumindest leicht steigen, müsse die Geschenkprozedur wiederholt werden, fordert der Ökonom Daniel Stelter. Und überhaupt schlagen einige Befürworter vor, es nicht bei einer einmaligen Injektion zu belassen, sondern Helikoptergeld generell zur Konjunkturglättung einzusetzen oder so gar dauerhaft 10 bis 15 Prozent des Bundeshaushalts für sozialökologische Investitionen zu finanzieren. Denkbar wäre, einen gewissen Prozentsatz des Budgets den in Zeiten der Schuldenbremse absehbar noch klammeren Kommunen zukommen zu lassen; die Menschen könnten vor Ort per Bürgerhaushalt über die Verwendung entscheiden.

Mehr Inflation wagen

Bis dato war Helikoptergeld ein Tabu, etwa weil die Finanzgroßwirtschaft nicht unmittelbar von ihm profitiert. Einige Ökonomen fragen sich, ob eine Geld verschenkende Institution noch die knapp zu haltende Geldschöpfung unter Kontrolle halten könnte oder nicht vielmehr dem Dammbruch ausgeliefert wäre: Investitionen, die Helikoptergeld verdienten, gibt es viele.

Doch in Zeiten wie diesen ist drohende Inflation, deren Rate die EZB für 2016 mit 0,1 Prozent prognostiziert, nicht das Pro-blem. Ließe sich nicht vielmehr das bisher vergebliche Ringen um die Rettung von Flüchtlingen und die der EU mit Helikoptergeld lösen, mit „QE for the boatpeople“? Man stelle sich vor, die EU-Staaten erhielten es für die Aufnahme eines jeden Flüchtlings. Könnten all die Regierungen in Europa ihren Widerstand gegen eine Quotenregelung gegenüber ihren eigenen Bevölkerungen dann aufrechterhalten?

Mario Draghi hat Helikoptergeld nun als „interessantes Konzept“ bezeichnet. Klar ist: Nötige Reformen wie die Begrenzung der Größe von Banken oder eine Finanztransaktionssteuer hätten sich mit Helikoptergeld alles andere als erledigt.

Helge Peukert ist außerplanmäßiger Professor für Finanzwissenschaft an der Universität Erfurt und Autor des Buches Das Moneyfest

06:00 24.03.2016

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