Märkisches Viertel

Berliner Abende Kehrseite II

Die Welt ist ein Haufen Scheiße, sprechsingt Sido (sprich Superintelligentes Drogenopfer), ein bekannter Deutschrapper aus dem Märkischen Viertel, das er gerne als Gangster-, Gewalt, Sex- und Drogen-Ghetto besingt, und Mitbegründer des Labels Aggro Berlin mit dem Verbraucherhinweis: Harte Texte. Er muss es wissen, denn er ist der Junge aus dem Viertel, der Junge von der Straße ist jetzt ein Goldjunge mit Goldplatten, Goldauto, Goldschwanz und Goldzunge. Ich bin auch da.

Im Viertel, das von weitem aussieht wie eine riesige Festung, liegt zwischen Sidos Blocks, das sind großangelegte Wohnungsgebäude für Fünfzigtausend Menschen und ein Einkaufszentrum genannt Märkisches Zentrum, eine Beachsporthalle. Dort verbringe ich einen ganzen langen Abend und beobachte Bier trinkend von der Beachbar aus durch eine Plexiglasscheibe die Beachsportjunkies - in kurzen Höschen und noch kürzeren Hemdchen und immer wieder abklatschend. Klatsch ab!

Beim Team, das ich Team nenne, weil Team auf ihren T-Shirts steht, habe ich bereits das zweite Bier geholt.

Schon habe ich vergessen, warum ich hierher gekommen bin, da entdecke ich meinen Sohn in einer Parzelle vor einer Insel im Sand. Es fällt mir wieder ein. Die Vereinsfeier. Deshalb.

Das Team hat das vierte Bier für mich aus dem Kühlschrank geholt. Klatsch ab!

Von meinem Korbsessel aus beginne ich die Lichtschläuche in der Beachbar zu zählen. Achtundzwanzig. Sechs rote Lichtschläuche umwickeln die Zierpfeiler des Tresen, zwölf Stück in gelb und grün sind an die Plexiglasfensterrahmen genagelt. Das sind nur achtzehn Lichtschläuche, rechnet man aber die zehn Fackeln dazu, die draußen den Weg säumen, dann stimmt die Rechnung wieder, obwohl die Fackel gar kein Lichtschlauch ist. Die Fackel ist ein Bambusrohr. Egal. Lichtschläuche in Kombination mit Kunststoffpalmen machen die Beachbar erst zur Beachbar und die Mädels davor zur Barbitch. Mensch Sido! Team, gib mir ein Bier! Und klatsch ab!

Das Team gibt mir ein Bier und klatscht nicht ab.

Am Nebentisch sitzt eine Gruppe frisch Geduschter und nippt an großen Gläsern. Die jungen Leute hängen ganz erschöpft vom vielen Abklatschen in ihren Korbstühlen und statt zu sprechen, rauchen und trinken sie. Sie starren vor sich hin, nippen an ihrem Glas oder ziehen an ihrer Zigarette. Gesprochen wird nichts. Vielleicht sind sie taubstumm und Beachsport ist ihre einzige Freude. Oder sie haben sich abgesprochen und fallen, nur wenn ich rüber gucke, in diese Haltung.

Im Club mit Fuffis schmeißen, ne Pille im Tequilla, ich weiß, ihr habt mich vermisst, doch hier bin ich wieder. Sido, halt´s Maul.

Ein Ball knallt an die Scheibe. Vor Schreck ordere ich beim Team ein sechstes Bier. Klatsch ab! Hey Team, in deiner Kneipe, ich bin wieder hier, gib her ein Bier von dir zu mir. Klatsch ab!

Auf dem Weg zum Beachklo finde ich noch weitere Lichtschläuche, sie umschlingen das Treppengeländer, das Waschbecken, meine Hand, meine Beine und mich. Mit Mordsgedöns kracht das Waschbecken von der Wand. Du bist kein Gegner, keine Konkurrenz, denkst du wegen so ner Scheiße steig ich aus dem Benz? Mach keine Faxen, komm wieder, wenn dir ein paar Haare am Sack wachsen! schrei ich den Lichtschlauch an und klatsch mich selber ab.

Hey, mach dich locker, ruf ich mir zu, und fülle zum Sandsack geworden meinen Korbsessel komplett aus. Ich drehe mich rüber zur Gruppe am Nebentisch, aber sie haben es wieder geschafft, Sitz-, Trink- und Rauchstarre. Ich bin zu langsam.

Das Team serviert Fleisch, das sich die Taubstummen auf die Schultern und in den Nacken legen zur Entspannung der Muskulatur.

Gegrillte Fleischlappen. Ich krieg Hunger. Bring mir Fleisch, sage ich zum Team, ich will Fleisch, Herzfleisch! Wo ist hier das Herz? Wer hat hier Herz? Und klatsch ab!

Hinter mir bricht ein gigantischer Lärm los. Eine Killerwelle löst sich aus der Fototapete. Die Beachsportler rennen in Panik die Treppe zu den Umkleidekabinen hoch. Ich schnappe nach einem roten Lichtschlauch, der sich aus seiner Verankerung löst, wir werden weggespült. Hinaus ins Viertel. Wir reißen alles mit, die Fackeln, die Gebüsche, die Bäume, Kindergärten, Schulen, das Märkische Zentrum. Mit letzter Kraft gelingt es mir, mich am linken Pfosten eines Fußballtores festzuhalten. Als ich wieder zu mir komme, steht ein Mann mit silberner Totenkopfmaske vor mir. Sido, rufe ich, Sido! Endlich!

Du in deinem Einfamilienhaus lachst mich aus, weil du denkst, du hast alles was du brauchst. Aber Sido, sage ich, ich habe gar kein Einfamilienhaus, ich wohne in einer Dreizimmerwohnung, Altbau, Friedrichshain. Sido dreht sich um, Du kriegst den Jungen aus dem Viertel, aber das Viertel nicht aus ihm, sagt er und steigt in einen goldenen Benz. Die Sonne scheint ihm aus dem Arsch zu scheinen. Es wird wieder Licht.


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00:00 19.01.2007

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