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Im Gespräch Veronica Munk, Leiterin des Präventionsprojekts TAMPEP Deutschland, das mit Prostituierten ausländischer Herkunft arbeitet, über Reisevisa und die Realität von Frauenhandel

Der sogenannte Volmer-Erlass sah einen erleichterten Zugang zu Reisedokumenten vor, was in den Jahren 2000 bis 2003 intensive Reisebewegungen zwischen der Ukraine und Deutschland ausgelöst hat. Dadurch sollen nicht nur Schwarzarbeit, sondern auch Menschenhandel und Zwangsprostitution massiv angestiegen sein. Was steckt hinter diesen Einschätzungen? Veronika Munk leitet die deutsche Sektion des europäischen Netzwerks TAMPEP, das sich für die Prävention von AIDS bei migrierten Prostituierten einsetzt. Das Projekt erhebt in 25 Ländern Daten über Prostitution.

FREITAG: Konrad Freiberg, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, hat behauptet, es habe durch den Volmer-Erlass in Deutschland einen Anstieg von Zwangsprostitution und Handel mit Frauen aus der Ukraine gegeben. Stimmt diese Beobachtung mit den Erhebungen von TAMPEP überein?
VERONICA MUNK: Nein, wir konnten einen solchen Zuwachs an SexarbeiterInnen aus dem osteuropäischen Raum nicht beobachten. Man muss allerdings dazu sagen, dass es im Bereich der Sexarbeit sehr schwierig ist, genaue Daten zu bekommen. Viele der Menschen, die in der Prostitution arbeiten, haben keinen legalen Status, sind also offiziell gar nicht hier. Wir haben als europaweites Projekt die Aufgabe, Daten zu erheben und befragen dafür auf nationaler Ebene Nichtregierungsorganisationen, die mit MigrantInnen oder SexarbeiterInnen arbeiten sowie Gesundheitsämter und einige Landeskriminalämter. Doch nicht alle beantworten unsere Fragen, daher erhalten wir nur ein oberflächliches Bild, in dem sich Tendenzen abzeichnen.

Von welchen Zahlen gehen Sie aus?
Eine Schätzung liegt bei 400.000 Menschen, die in einem Zeitraum von einem Jahr in der Prostitution tätig sind. Einige davon arbeiten Vollzeit, andere nur Teilzeit wie zum Beispiel StudentInnen oder Hausfrauen, die sich nur manchmal prostituieren. Hierbei handelt es sich um eine Hochrechnung. Der Anteil von MigrantInnen in der Sexarbeit - er liegt hierzulande bei 60 Prozent - ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen und zwar europaweit. Die Prostitution ist in diesem Fall nur eine Konsequenz des Migrationsprozesses. Frauen - und in einem geringeren Maße auch Männer oder Transsexuelle - entscheiden zuerst, dass sie ihr Land verlassen müssen, um Arbeit zu finden. In Deutschland gibt es für sie allerdings nur sehr wenige Arbeitsmöglichkeiten - Prostitution ist eine davon.

In die Diskussion wurde besonders Frauenhandel und Sexsklaverei gebracht. Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Bereich Zwangsprostitution?
Das eigentliche Problem beim Frauenhandel betrifft die Menschen, die nicht auf legalem Weg nach Deutschland einwandern können, um hier zu leben und zu arbeiten. Das bedeutet, dass eine Frau von Anfang an die Hilfe von Dritten benötigt, um hierher zu kommen. Schleuser beschaffen ihr beispielsweise bestimmte Papiere gegen Geld. Um ihre Schulden zurückzahlen zu können, muss sie jedoch nicht unbedingt in der Prostitution arbeiten. Es gibt auch sehr viele Frauen, die in andere Arbeitsverhältnisse hinein gehandelt werden, sie arbeiten dann im Haushalt, in der Pflege von alte Menschen oder Kindern. Das heißt, Frauenhandel mündet nicht nur in die Prostitution. Frauen werden in unterschiedliche Situationen hineingezwungen und ausgebeutet, in denen sie physischer oder psychischer Gewalt ausgesetzt sind. Das Problem ist sehr viel größer als gemeinhin erkannt.

Mit Reiseschutzpässen, die die Kiewer Botschaft ausgestellt hat, konnte man ja durchaus legal einreisen...
Ja, aber mit einem Touristenvisum darf man nicht arbeiten. Und wer nach Ablauf des Visums nicht ausreist, macht sich strafbar. Die Illegalität macht die migrierten Frauen von verschiedenen Menschen innerhalb eines Milieus abhängig, nicht nur und unbedingt von Zuhältern, sondern auch von Personen, die ihnen Wohnungen vermieten oder Inserate in die Zeitung setzen. Nur in dieser Unfreiheit können diese Frauen überhaupt hier sein. Niemand muss dafür einen bestimmten Teil des Verdienstes beanspruchen oder den Pass wegnehmen.

Gibt es denn Schätzungen, wie viele Frauen in der Sexarbeit gehandelt worden sind?
Für die Prostitution kann ich sagen, dass die meisten SexarbeiterInnen keinem Menschenhandel unterworfen wurden. Polizeiliche Erhebungen des LKA Hamburg aus dem Jahr 2003 gehen davon aus, dass von den 60 Prozent der migrierten SexarbeiterInnen zehn Prozent von Frauenhandel betroffen sind. Das heißt, es handelt sich nicht um die Mehrheit der Frauen, wie oftmals in den Medien behauptet wird, sondern um eine Minderheit.

Nur wird zur Zeit gefordert, die Einreisebedingungen zu verschärfen, um Missbrauch zu verhindern. Schützt das Frauen vor Menschenhandel und Sexsklaverei?
Nein, denn die Frauen wollen und werden einwandern. Je mehr die EU sich der Einwanderung verschließt, desto schwierigere Wege werden die Frauen gehen, um in die EU zu kommen. Das macht sie immer verwundbarer, denn sie gehen größere Risiken ein. Sie entscheiden sich zur Migration, wissen meistens, dass sie in der Prostitution landen, kennen die Gefahren. Das alles nehmen sie auf sich, weil ihre Nöte so groß sind. Und das wird so weitergehen, denn für die Frauen geht es um das Geldverdienen. Sie haben beispielsweise Kinder zu Hause, die sie versorgen müssen. Sie sagen sich, dass sie sich hier eine Zeit lang prostituieren werden, um Geld zu verdienen, das sie nach Hause schicken können. Ihre Bedingungen könnte man am besten dadurch verbessern, wenn sie legal hier leben und arbeiten könnten.

Das Gespräch führte Doro Wiese


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00:00 25.02.2005

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