Marlboro subversiv

Raucherecke Kolumne

In den USA, das ist bekannt, vollbringen Bürokraten im Erfinden von Verbotsideen intellektuelle Höchstleistungen, die man eigentlich nur paranoiden Schriftstellern zugetraut hätte. So hat zum Beispiel das Städtchen Greenwich, irgendwo in Connecticut, gerade ein Schlittschuh- Verbot durchgesetzt, weil sich ein übergewichtiger Dilettant beim traditionellen Stadtlauf das Bein brach und die Gemeinde daraufhin erfolgreich auf Schadensersatz verklagte.

Das wohl kontroverseste unter den zahlreichen US-Kreativ-Verboten ist der "Smoking-Ban" in der ehemaligen Drogenhochburg New York. So nahmen einige Opponenten den Jahrestag Rauchverbots denn auch zum Anlass, sich protestmäßig mal so richtig "indoors" die Lungen mit Tabakrauch voll zu saugen.

In einem Rock-Club im East-Village stieg eine Smokers-Party, die als Werbeveranstaltung "getarnt", die seligen Zeiten von "Beer Cigarettes" wiederaufleben ließ. Nichtraucher waren an diesem Abend natürlich so gut wie keine anwesend. Künstler, Raucher und Intellektuelle inhalierten so viel wie sie konnten. Schon bald zogen tiefblaue Rauchschwaden durch die Halle und verfingen sich in den überdimensionalen Ventilatoren, die zwölf Monate lang solch einer Herausforderung harrten, und beschwingt den Rauch verwirbelten. Trotzdem stanken meine Kleidungsstücke am nächsten Morgen zum ersten Mal so, wie es sich für einen ordentlichen Barbesuch gehört. Alle anwesenden Raucher und Biertrinker schienen glücklich, die tödliche Poesie des Rauchens zumindest für einen Abend zurückerobert zu haben.

Dass der Smokers-Ban längst ein kleines Politikum ist, ein absurdes Detail im Kampf um die bürgerlichen Freiheiten, konnte man in "Arlenes Grocery" beobachten. Rauchen, Irakkrieg und John Ashcrofts Heimatschutzgesetze wurden von den, durch Rauchwolken verhüllten Rednern, in einem einzigen Protestsatz untergebracht.

Auch das Tribeca- Filmfestival in Manhattan wollte da wohl nichts abseits stehen und eröffnete mit Jim Jarmuschs Coffee and Cigarettes. Einem Episodenfilm, in dem Jarmushs Lieblingsschauspieler und -Musiker in zigarettenlangen Sequenzen nachweisen, dass ein wirklich guter Smalltalk genauso vergänglich ist wie der Rauch einer Zigarette. Großartige Raucher und ungesunde Menschen wie Iggy Pop und Lou Reed vollführen im Rhythmus tiefer Lungenzüge komische Gespräche, die beim Zuschauer die politisch inkorrekte Sehnsucht nach den seligen Zeiten der Raucherkinos wecken.

Aber wie so oft zeitigt das Verbotswesen kreative Umgangsformen, die ohne es undenkbar wären und mutmaßlich manchen New Yorker erst jetzt zum Rauchen verführten. Ganz einfach weil Rauchen zu einer Identitätsfrage geworden ist, und nirgendwo sonst auf der Welt genießen Identitätsfragen ein so großes Gewicht wie in New York. Wann ist eine Identität schon so billig zu haben wie eine Schachtel Marlboro? Deshalb haben sich vor den Bars im East-Village oder in Wiliamsburgh regelrechte Raucher-Kontaktbörsen etabliert. "Zigarette sucht Feuerzeug" wäre ein schneidiger Name für dieses Phänomen. Hübsche junge Menschen pusten sich dicht gedrängt den Qualm ins Gesicht und erkunden im Fachgespräch über die geschnorrte Zigarette die einsame Seele des großzügigen Spenders. Selbst der überzeugteste Nichtraucher, der derweil einsam an der Bar herumgammelt, wird wohl irgendwann darauf stoßen, dass keine Anmache erfolgversprechender ist als ein gemeinsamer Smoke mit einer schönen Fremden in einer kalten New Yorker Winternacht. So ist die Zigarette in New York zu einem subkapitalistischen Kontaktmittel geworden. Jeff, ein Surfer aus Miami und professioneller Aufreißer, erzählt mir vor einer Bar im Village, dass er schon etlichen hübschen Frau in die eisige Winterkälte gefolgt ist, um in der gemeinsamen Zitterpartie die Anmache zu landen, die am Bartresen mit Sicherheit in die Hose geht. Eine Blitzumfrage, zur Verifizierung der "Zigarette sucht Feuerzeug"- These ergibt, dass eine überwältigende Mehrheit von Dates ohne den Smoker-Ban nicht zustande gekommen wären. Lithal, eine 27-jährige Künstlerin sagt: "Es ist wie früher auf der Schultoilette. Da traf man auch die cooleren Typen."

Leidtragende der nächtlichen Raucherzirkel sind wie immer die Anwohner, denen die blauen Rauchwolken und vergänglichen Smalltalks im Sommer in ihre überhitzten Appartements ziehen. "Vielleicht ist da ja auf dem Gerichtsweg was zu holen", sagt Greg zerknirscht. Greg ist Hardcore-Raucher und hat die Zeiten des Dating schon lange hinter sich. Auf wackligen Beinen tritt er seinen x-ten Zigarettengang vor die Kneipentür an.


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00:00 25.06.2004

Ausgabe 38/2020

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