Marmorkuchen in vager Gefahr

Stilkunde Judith Hermann behauptet in ihrem ersten Roman „Aller Liebe Anfang“, mehr zu verbergen, als sie wirklich zu verbergen hat
Dorothea Dieckmann | Ausgabe 33/2014 3

Judith Hermann hat einen Sinn für Klang. Im Titel ihres ersten Romans, Aller Liebe Anfang, wird nichts Geringeres als die Liebe von zwei großen, sehr großen A eingerahmt: ein klassischer, fast dröhnender Dreiklang. Im Innern des Buchs geht es freilich leise zu, wie man es gewöhnt ist aus den Erzählungsbänden der Autorin, die von dem Attribut „der Sound einer neuen Generation“ – mit dem 1998 ihr Debüt Sommerhaus, später begrüßt wurde – und dem damit verbundenen Erfolg eher geschlagen als getragen wurde. Als Kritikerin habe ich mich damals vom Rummel um Judith Hermann ferngehalten. Als allerdings meine Tochter Jahre später Sommerhaus, später fürs Abitur pauken musste, half ich ihr mit einer braven Lehrbuchanalyse von Hermanns Erstling.

Es fiel mir nicht leicht, bei dieser strengen Übung neutral zu bleiben. Das Thema der Geschichten (Fremde, Unruhe, Erwartung), ihre Motive (rote Mädchengefühle in blauer Winterkälte, nostalgischer Musikmix) und der naiv-vage, monoton feststellende, Melancholie zelebrierende Stil blieben immer gleich. Selbst die Figuren folgten Stereotypen: hier die sinnlichen Vollweiber, dort die dünnen, frierenden Kindfrauen, die alle Rot trugen und mit ihrer verlegen-hölzernen Körpersprache ein Kindchenschema erfüllten, das mich zu dem tendenziösen Satz verführte: „Man will diese Mädels am liebsten füttern, wärmen und ins Bett stecken!“ Doch gerade deshalb verkörperten diese ätherischen Lolitas ein Versprechen, das die Literaturwelt in Wallung brachte. Was ist nun aus diesen Sensibelchen geworden? Drei Bücher und einen Roman später sind nicht nur die Autorin und ihre Protagonistin Stella, auch das Lebensgefühl ist älter geworden.

Dunkel unterfüttert

In einem Brief an ihre Freundin Clara schreibt Stella: „Was wir wollten, ist das, was wir haben – Mann, Kind, Dach über dem Kopf, ein abgeschlossenes Leben. Es wird gleich regnen, man kann das spüren, bevor es dann wirklich zu regnen beginnt, es ist etwas Elektrisches, es liegt in der Luft.“ Wo sonst, will man auf die letzte Bemerkung antworten, soll das Regengefühl denn liegen, wenn nicht „in der Luft“? Da ist sie wieder, die raunende Unruhe. Hermanns Figuren sind angekommen, aber noch immer formulieren sie im Hermann-Ton eine halb sehnsüchtige, halb ängstliche Erwartung, während sich in gleichförmigen Sätzen ein ebenso gleichförmiges, wenn auch ahnungsvoll dunkel unterfüttertes Einerlei entrollt.

„Es ist so“, lautet in vertrauter melancholischer Ergebenheit der erste Satz des Romans. Es ist so, dass Stella ihrer „Liebe Anfang“ im Flugzeug erlebte, wo sie Jason kennenlernte, nachdem ihr Claras Brautstrauß in die Hände geflogen war. Wie es jetzt ist, zeigt eine Kamerafahrt durch das Vorstadthaus mit Panoramafenster, in dem sie mit Jason und der vierjährigen Ava lebt. Dazu dient eine seitenlange Aufzählung – ein Darstellungsmittel für passive, registrierende Kontemplation. Der Roman besteht bis zum Ende aus gefühlten 70 Prozent solcher Aufzählungen, obwohl es wenig später „nicht mehr so ist“. In Stellas Leben ist eine Art Schwarzer Mann eingedrungen. Der unbekannte Nachbar, der von nun an täglich klingelt und bizarre Liebespost einwirft, heißt Mister Pfister, ein Name, in dessen Klang die Frage „Ist er?“ mitschwingt. Tatsächlich denkt Stella, als sie ihm zum ersten Mal im Supermarkt begegnet: „Es gibt ihn doch. Hier ist er, er ist hier.“

Judith Hermann hat eine Romanhandlung erfunden, die den Tenor ihrer Erzählungen bruchlos weiterführt. Hier erhält das Ungewisse, Mysteriöse die Gestalt einer Gefahr, von der man nicht weiß, ob es eine ist, aus Beweggründen, bei denen unklar bleibt, ob sie gut- oder bösartig sind, ja ob dabei die Realität oder Stellas Projektionen überwiegen. Jedenfalls hätte die Vielleserin Stella in der elegischen Aufzählung des ersten Stalker-Briefs sofort die Absenderin Judith Hermann erkennen können: „Ich werde dir zeigen, was ich sehe: die Drossel, ihr getupftes Gefieder, den Park, die Seiten des Buchs, in dem ich lese.“ Ja, sie muss sich eingestehen, dass der Fremde ihre Wünsche punktgenau getroffen hat. Ist sie doch, wie ihr Gegenspieler, eins dieser vom Ungefähren geadelten Geschöpfe, die es sich in einer starren, schillernden Kunstwelt gemütlich gemacht haben, deren gezielt nebulöse Aura allen Vorgängen, Gewohnheiten, Gegenständen – und den meisten literarischen Bildern anhaftet.

Die Spannung selbst steigt trotz des Geweses kaum. Zwar heißt es schon nach Mister Pfisters erstem Auftritt verquast: „In Stellas Kopf taucht das Wort Drohung auf wie eine Warnung.“ Aber trotz wachsender Unruhe plätschert Stellas Alltag dahin wie bisher: Als ambulante Altenpflegerin versorgt sie ihre drei Patienten, deren Siechtum mit demselben Weichzeichner präsentiert wird wie Blumen, Wetter und heimelige Interieurs; sie kümmert sich um Ava, hört Klassik, beschäftigt sich „mit dem Garten, den Büchern, dem Haushalt, der Wäsche, den langen Telefonaten mit Clara, der Zeitung, dem Nichtstun“. Sobald Jason auf einer fernen Baustelle arbeitet, stellen sich die ungebetenen Besuche am Gartentor ein. Jason schaut bei Mister Pfisters verwahrlostem Haus vorbei, Stella befragt den Fahrradmechaniker nebenan. Als der Stalker in Avas Kindergarten und bei Stellas Chefin aufkreuzt, spitzt sich die Sache zu.

Welches Ende wird sie nehmen? Wird Stella den Verfolger ansprechen, wird er sie vor ihrem Haus stellen, wird sie Anzeige erstatten, wird die Polizei eingreifen oder Jason dem Spuk männlich ein Ende setzen? Das Merkwürdige ist: All das geschieht – hintereinanderweg. Nur schade, dass diese Lösungen nicht bloße Möglichkeiten bleiben und offengehalten wird, ob das Gespenst vertrieben werden kann. Denn wenn es ein Geheimnis gibt in diesem geheimnissenden Text, dann liegt es in der Frage, ob die Paranoia nicht den eigenen verdrängten Obsessionen entspringt. Die Verfasserin legt diese Interpretation nahe. Warum, wenn nicht aus untergründigem Begehren, befestigt Stella ein orangefarbenes Tuch am Fenstergriff, das für Mister Pfister zur „orangenen Fahne“ wird? Warum sonst wird diese Farbe ambivalent eingesetzt: als Gefahrensignal und Sehnsuchtszeichen? Warum sonst steckt in Stellas Ängstlichkeit eine „wilde Sehnsucht“?

Die wilde Sehnsucht wandelt sich jedoch am Schluss in ein „wildes und zuversichtliches Herz“. Leider bleibt der Roman einem versöhnlichen Realismus treu. Das Rätsel wird brachial gelöst, Mister Pfister als Psychopath entlarvt, und das Happy End, an dem die Familie aus dem Unglückshaus auszieht, wartet mit der üblichen Liste auf – diesmal der zurückgelassenen Dinge: „Lavendel auf dem Fensterbrett, das papierene Pferdchen daneben. Ein Schekel, eine Muschel, eine Münze auf dem Rand des Sandkastens. Königskerzen, Lupinen“. Sie verbreiten dieselbe süße Tristesse wie Stellas Erinnerungen „an einen Abend im März, an einen Tag im Winter, an einen Nachmittag bei Regen“ – lauter erlesene, mattglänzende Perlen, die den „orangegelben Halbmond“ des Schlusssatzes einfassen. Man müsste nicht von Edelkitsch reden, wenn solche verhangen-verklärten Stillleben sparsamer eingesetzt würden und die Molltonart weniger penetrant klänge. Doch selbst wenn einige wirklich poetische Bilder aufscheinen: Wer mit Schönheit anderes verbindet als die Aneinanderreihung idyllischer Accessoires und sorgfältig designter Stimmungen, wird der Reize bald überdrüssig.

Und Schokoladencreme dazu

Denn diese können kaum eine massive Harmoniesucht verhehlen. Sie wirken erstickend, wenn etwa Stella beim Telefonieren (!) Clara „am unaufgeräumten Tisch in ihrer Wassermühle“ sieht, „voller Tassen und Pinsel, Farben und Gläser, Nüsse, Obst und Kerzenständer, Claras geliebte Unordnung, ihr heilloses Durcheinander“. Sie wirken unglaubwürdig, wenn Stella nach einem Kurzbesuch „das vertraute, märchenhafte Haus des Fahrradmechanikers“ mit seinem Geruch nach „Leinen und Kernseife und Minze“ minutiös beschreibt. Sie wirken saturiert, wenn in Palomas Küche ein Feuer im Ofen glimmt, eine silberne Kaffeekanne auf dem Tisch steht, und ja, „die Teetassen sind dunkelblau, auf ihrem Grund schimmern Sterne. Es gibt Marmorkuchen mit selbstgepflückten Himbeeren, Aprikosen und Schokoladencreme dazu.“ Und sie wirken gestelzt, wenn die Figuren im Stil der Erzählerin reden und schreiben: „Der Geruch von Holz ist wunderbar, die Ordnung der Scheite extrem beruhigend.“ Sogar die kleine Ava spricht so: „Ich liebe es, wenn Sommer ist.“ Kurz, leider sind alle Kriterien von Kitsch erfüllt.

Nein, diese Prosa ist nicht „schonungslos“, wie der Klappentext wenig originell behauptet, sondern eine Prosa im Schongang, die mehr zu verbergen behauptet, als sie zu verbergen hat. Genau wie Judith Hermanns Erzählungen – und anders als die Kurzgeschichten von Anton Tschechow bis Carver, in deren Tradition sie oft gestellt wird – enthält oder enthüllt dieser Roman keinen Abgrund, sondern erschöpft sich in sublimen Andeutungen und kultivierten Illustrationen der gefährdeten Integrität des Daseins. Und Mister Pfister? Solange er nicht in unsern Vorgarten eindringt, können wir ruhig am Panoramafenster weiterlesen – und ein schönes Bild abgeben.

Aller Liebe Anfang Judith Hermann S. Fischer 2014, 224 S., 17,99 €

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06:00 19.08.2014

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