Mars attacks!

Gehilfen der Kommunikation Domizile von Computerfirmen - egal, ob sie nun Hard- und Software herstellen oder vertreiben, Rechnersysteme und Netzwerke gemäß kundenspezifischen ...

Domizile von Computerfirmen - egal, ob sie nun Hard- und Software herstellen oder vertreiben, Rechnersysteme und Netzwerke gemäß kundenspezifischen Ansprüchen einrichten, Reparaturen ausführen, Websites gestalten oder aber alles zugleich - sind absonderliche Biotope. Das Interieur meist abweisend kühl und sachlich, prägen den einschlägigen Verkaufsbereich regalweise bunteste Kartons, den Werkstattteil hingegen anthrazitfarbene und lichtgraue Gehäuse von Monitoren, Halbtowers, Druckern, Scannern oder Notebooks. Man kann dort atmen; die Atmosphäre ist jedoch verunreinigt von einem ständigen Surren von Laufwerken und Lüftern, das unregelmäßig überlagert wird von Piep- und Klingeltönen. Hier wird Elektrosmog fühlbar.
Gerät ein durchschnittlich befähigter Erdling in einen solchen Sektor des Universums, wähnt er sich sofort in einem Paralleluniversum und sucht vorsichtshalber erst einmal gestisch und mimisch zu signalisieren: Ich komme in friedlicher Absicht. Denn bei den Zweibeinern, die diese Biotope bevölkern beziehungsweise dort hinter den Tischen zu wandeln befugt sind, handelt es sich zweifellos um Humanoiden, Androiden oder sonstwelche Humunkuli. Sie bewegen sich in slow motion und sprechen keine originale Erdensprache, sondern nehmen über Codes und Abkürzungen zu ihresgleichen wie zu Menschen Kontakt auf, was im letzteren Falle regelmäßig scheitert. Auch die non-verbale Kommunikation ist aufs Allernotwendigste reduziert; ihre menschlichen Augäpfeln nicht unähnlichen visuellen Schnittstellen weichen direkten Blicken im Millisekundenbereich aus. Nur wenige Exemplare scheinen überhaupt zu agieren, aber das täuscht; sie sind durchweg stets viel beschäftigt. Man kann als Fremdling in diese funktionierende Welt eingreifen, allerdings nur störend.
Eines solchen Vergehens machte ich mich unlängst bei einer Computer GmbH schuldig, bei der ich die letzten vier Jahre Waren im Wert von rund zehntausend Mark erworben hatte. Mit den Nerven am Ende, ein 15 Kilo schweres, noch nach dem Schwelbrand der letzten Nacht riechendes Rechnergehäuse vorm Bauch, betrat ich am Freitagmorgen um zehn Uhr als erster Kunde des Tages den Servicebereich. Vier humanoide Teilsysteme konnte ich ausmachen. Keines davon nahm mich wahr; alle befanden sich wohl im Stand-by-Modus. Herkömmliche Computer erweckt man aus diesem Ruhezustand durch Berühren einer Taste oder Bewegen der Maus. Doch dazu waren diese hier räumlich und, wenn man so will, gedanklich zu weit entfernt. Nach zehn Minuten gelang es mir dennoch, ein offenbar mit Spracherkennung ausgestattetes jüngeres Baumuster für mein Problem zu interessieren. Ich hatte Glück; ein System mit Multitasking! Es reagierte auf Ansprache zwar langsam und lediglich non-verbal, aber es konnte zugleich hören und das Gehörte mit einer Verzögerung von etwa zehn Sekunden auf einen Vordruck krakeln. In weiser Voraussicht hatte ich die Symptome selbst auf einem Zettel niedergelegt und am Gehäuse angebracht. Zwei Begriffe übernahm das System sogar wörtlich: "Kurzschluss" und "Schwelgeruch". Ich hatte eine intergalaktische Kommunikationsbarriere durchbrochen! Dadurch ermuntert, ließ ich das Wort "eilig" fallen. Nach zwei Minuten ohne erkennbare Bezugnahme reagierte das System durch Übergabe eines Reparaturauftrages und den Satz: "Rufen Sie Montag an."
Ich tat, wie mir geheißen, und der unmiss-verständliche Satz eines anderen Systems ließ mich erfreut den Mantel überwerfen: "Sie können ihn abholen."
Der Standardablauf beim Eindringen in den Milchstraßen-Sektor Computer GmbH wiederholte sich, nur dass diesmal nach Vorlage des Reparaturauftragsdoppels wortlos mein Rechner, auf dem noch immer mein Zettel klebte, auf den Tisch gestellt wurde. Um das System nicht zu überfordern, formulierte ich eine betont kurze Frage: "Läuft er wieder?"
"AT-Netzteile gibt´s nicht mehr", wurde mir knapp beschieden. "AT-X passt da nicht rein." Das Siegel am Netzteil mit dem Typenschild "AT" war unbeschädigt. "Soll das heißen, ich kann einen 4000-Mark-Rechner nach drei Jahren wegwerfen wegen eines defekten Netzteils, das 40 Euro kostet?" Diese Sequenz war eindeutig zu lang und wohl auch zu schnell gesprochen; das System, dessen Arbeitsspeicher sichtlich überlastet war, zuckte wie ein Mensch mit den Schultern. Auch alle anderen Kommunikationsversuche erbrachten lediglich die Auskunft "Error! Ein schwerer Systemfehler ist aufgetreten. Starten Sie das System neu!" Eine diesem Zwecke womöglich dienliche Laserkanone führte ich jedoch gerade nicht bei mir. Ein Laserdrucker druckte eben eine Rechnung aus, das humanoide System war einen Moment abgelenkt. So gelang es mir, mich und meinen geliebten Rechner diesem unfreundlichen Planquadrat des Universums zu entwinden.
Die folgenden drei Nächte verbrachte ich gleich um die Ecke an der vertrauten Bar eines der sexuellen Kontaktanbahnung dienenden Lokals. Einer der sich mir dort zuwendenden Herren erwies sich glücklicherweise als in vielerlei Hinsicht willig sowie indischer Herkunft.

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00:00 22.02.2002

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