Marten hasst Sonntage

Kehrseite Kehrseite I

Nein, er wird sie nicht gießen. Marten betrachtet die Hundeblume vorm Fenster, im Balkonkasten, in der Erde vom letzten Jahr. Der Wind muss sie dahin geweht haben. Eine gelbe Blume wie ein Trotz, wie ein Vorwurf. Er hat sie nicht gebeten, dort zu sein, soll sie selbst zurechtkommen. Der Himmel ist blau.

Heute ist Sonntag. Selbst im verfuckten Friedrichshain ist Sonntag. Die Punks sitzen gemütlich im Sofa auf der Straße und frühstücken. Als wenn sie in der Woche arbeiten müssten. Ihre sonst so neurotischen Hunde blinzeln faul in die Sonne. Jetzt könnten sie sich mal einen Fight liefern, sich gegenseitig auffressen und Herrchen und Frauchen zu hysterischen Schreien bewegen, aber nein, nichts passiert. Die Sonne brennt, die Stille brennt. Das Telefon erinnert an einen abgelegenen Ort in Nevada, staubig, heiß und verlassen. Man hält besser nicht an. Es klingelt sowieso nicht.

Gegenüber steht ein Mann und raucht. Lässig gießt er die Blumen und verschwindet. Marten hat Hunger, Kindheitsmuster, jeden Sonntag Hunger. Schwalben kratzen unsichtbare Graffiti ins blaue Glas. Ihre Schreie sind lautlos, Zitate aus der Erinnerung. Sie fliegen hoch.

Kein Wind, keine Wolken, aber Parkplätze. Es gibt sonst nie Parkplätze, nur am Sonntag. Sonntag ist Familientag. Martens Freunde haben Familie. Ein Kind hüpft vor drei großen Hunden die Straße hinunter. Hasso! Fass! Schade. Marten sieht aus dem Fenster. Er sieht den Balkonkasten, die Blume. Wenn es wenigstens regnen würde.

Synke Köhler wurde 1970 geboren, sie verbrachte ihre Kindheit in Dresden, studierte in Jena und hat ein Rosenbeet in Berlin.


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