Marx-Maschine? Murksmaschine!

Debatte Der Persönliche Fabrikator verspricht Produzenten-Emanzipation - und ist nichts als elitärer Konsumismus

Im Freitag 9/2008 stellte Niels Boeing in seinem Beitrag "Die Marx-Maschine" einen Produktionsansatz vor, von dem die Erfinder glauben, er könnte die kapitalistische Produktionsweise "ohne Revolution" umkrempeln. Der technologiegestützte "Personal Fabricator" verspricht, Hand- und Kopfarbeit zu versöhnen und dem Produzenten wieder die Kontrolle über die Produktion zu geben. Das "Fab Lab", mancherorts schon in Erprobung, orientiere sich an den lokalen Bedürfnissen, bediene regionale Märkte und entziehe sich damit dem Zugriff der großen Kapitale. Doch die "industrielle Produktion für Jedermann" fordert auch Widerspruch heraus.

Selbstbestimmte Produktion", Tätigkeit "jenseits der Lohnarbeit", "Produktionsmittel in der Hand der Produzenten" - welches wahrhaft links pochende Herz schlägt bei solchen Parolen nicht noch etwas höher. Niels Boeing stellt uns ihre Verwirklichung in Aussicht, doch nicht als Ergebnis einer politischen, sondern einer technischen Revolution.

Nachhilfe in Sachen technischer Neuerungen ist willkommen, zumal wenn sie von einem kompetenten Wissenschaftsjournalisten kommt. Was zu Widerspruch herausfordert, sind jedoch die Erwartungen einer sozialen Revolution, die Boeing mit den von ihm skizzierten technologischen Innovationen verknüpft. Ihr gemeinsamer Nenner ist die Tendenz, Kleinserien und selbst Einzelstücke herzustellen, die von computerbasierten Entwürfen ausgehen. Ein wesentlicher Impuls dazu kam aus dem Modellbau, wo aus feinen Düsen aufgespritztes und mittels Laser schnell gehärtetes Kunstharz Formen nach dreidimensionalen digitalen Modellen rationell herzustellen erlaubt, die in herkömmlicher Technik nicht oder nur mit großen Aufwand realisierbar waren. Die Maschinen, die solches leisten, unterliegen in jüngster Zeit - dank Marktausweitung und verbesserter Produktionstechnik - einem ähnlichen Preisverfall wie andere High-Tech-Geräte. Erwartungen, die sich an nanotechnische Verfahren knüpfen, liegen dagegen noch in weiterer Ferne.

Falsche Analogien

Boeing versucht, die Tragweite der von ihm vorgestellten Technologie durch Analogien zur PC-Welt herzustellen und fällt dabei populären Fehleinschätzungen zum Opfer: "So wie der Personal Computer die Informationsverarbeitung aus industriellen Rechenzentren auf den heimischen Schreibtisch holte, soll der ›Personal Fabricator‹ die industrielle Produktion für jedermann ermöglichen". Das ist der von falschen Voraussetzungen ausgehende Schlüsselsatz seiner Argumentation. Vielmehr schließt der PC den heimischen wie den Büroschreibtisch an die industriellen Rechenzentren an. Er ersetzt nicht, sondern ergänzt diese, die heute noch mächtiger sind denn jemals zuvor. Die entscheidenden Anwendungen und die dazugehörenden Datenbestände, beispielsweise die Systeme des so genannten Enterprise Resource Planning (ERP) und des Product Lifecycle Management (PLM) wie SAP und TeamCenter, sind dort zentralisiert, und selbst unsere private persönliche Informationsverarbeitung hängt entscheidend von zentralisierten Ressourcen ab. Google betreibt einige der größten Rechenzentren.

Fraglich ist aber nicht nur, welche Veränderungen in der Wirtschaft ursächlich auf PC und Internet zurückzuführen sind, sondern mehr noch, ob die "digitale Bohème", die Boeing als "neue Klasse" identifiziert, die Veränderungen tatsächlich "maßgeblich prägt". Das hört sich mehr wie ein unfrommer Wunsch an. Wer mit den globalen Wertschöpfungsketten, die es übrigens schon vor hundert und mehr Jahren ohne PC und Internet gab, etwas vertraut ist, mag daran ebenso Zweifel anmelden wie andere im Freitag präsente Stimmen daran, ob das "Jenseits der Lohnarbeit", das Boeing in der Existenz jener Bohème wahrnimmt, wirklich in Richtung fortschreitender Emanzipation geht.

Niels Boeing führt eine Reihe von Projekten an, die die neue Technologie in Dienst nehmen und Dinge hervorbringen, die in seiner Erzählung emanzipatorisch erscheinen. Doch mit etwas schwarzer Phantasie kann man sich vorstellen, dass der persönliche Fabrikator auf unsere Artefaktwelt einen ähnlichen Effekt hat wie seinerzeit das Desktop Publishing auf die Typographie: Ein noch schneller anschwellender Haufen von Plunder, der noch schneller als Müll endet.

Revolution der Bedürfnisse

Persönliche Fabrikation ohne Emanzipation, ohne eine Revolution der Bedürfnisse, die sich am Maßstab einer humanen Zukunft orientiert, hört sich eher nach einem beschleunigten Marsch in die Barbarei an. Ein massenhafter Einsatz solcher Technik wäre auch daran zu messen, welche Auswirkungen er auf den menschlichen Stoffwechsel mit der Natur und insbesondere das Ziel hätte, diesen in einer Weise zu gestalten, die über ein bloßes Überleben der Menschheit hinaus sogar ein gutes Leben der Menschen ermöglichte

Die Erwartungen, die sich in der Bezeichnung "Marx-Maschine" für den persönlichen Fabrikator ausdrücken, ignorieren ein wesentliches Moment sozialistischer Hoffnungen: Dass Produktion gesellschaftliche Produktion ist, die sich erst nach Sprengung der kapitalistischen Verhältnisse zum Nutzen aller Menschen voll entfalten werde. Die heutige Artefaktwelt ist nicht das Äußerste, was vorstellbar ist.

Doch ihre Entstehung und erst recht die Hervorbringung funktional adäquater, qualitativ hochwertiger, langlebiger und Ressourcen schonender Produkte bedarf der institutionell akkumulierten Erfahrung von Generationen von Nutzern, Arbeitern, Entwicklern und Forschern. Das spezifische Prozess-, Produkt- und Anwendungswissen, das dazu gehört, ist nicht auf allgemeines wissenschaftliches Wissen reduzierbar und auch durch Computer-Aided Design (CAD) nicht ersetzbar.

Der "Generell Intellect", um jenen von Boeing nicht explizit bemühten Terminus aus den Grundrissen anzusprechen, auf den sich die Projektion utopischer Hoffnungen in den Prozess der technologischen Innovation immer wieder stützt, ist, anders als Marx es erwartete, eben keine "unmittelbare Produktivkraft", sondern bedarf einer Vermittlung mit der Praxis. Mit dem persönlichen Fabrikator verbindet sich die Vorstellung einer privatistischen Unmittelbarkeit, die schon unsere heutige Warenwelt höchstens scheinbar befriedigt, geschweige denn dass sie in einer auf humane Ziele orientierten künftigen Produktion einzulösen wäre.

Das Spektrum der Produkte, die der in Frage stehenden Technologie zugänglich sind, ist ohnehin beschränkt. Im Zentrum einer Umgestaltung des menschlichen Stoffwechsels mit der Natur, die sich ein humanes Überleben der Menschheit zum Ziel setzt, müssten Verfahren und Artefakte stehen, deren Schnittmenge mit dem obigen bescheiden ausfallen dürfte: Es müsste um Nahrung, Kleidung, Wohnung und Bildung für die Menschheit gehen, um Lebensweisen, Siedlungs- und Infrastrukturen, die mit dem genannten Ziel vereinbar sind. Ausgerechnet die am weitreichendsten der sozialistischen Ziele bei unverändert kapitalistischen Verkehrsformen auf der Basis einer unter diesen Bedingungen gebildeten Individualität verwirklichen zu wollen, heißt nichts anderes als Geburtshilfe zu leisten für neue Formen eines zunächst elitären und dann zu massenhaften Formen mutierenden Konsumismus.

Man kauft sich Individualität, indem man einen persönlichen Fabrikator erwirbt. Der selbstreplizierende persönliche Fabrikator entspricht dem Wunsch, etwas dem Leben ähnliches zu schaffen oder doch wenigstens zu besitzen. Die spannende Frage ist, was außer Kopien seiner selbst er noch hervorzubringen vermag. Die Vorstellung jedenfalls, dass in einer Gesellschaft, in der Profit das dominierende Motiv bildet, ein solches Gerät einfach verschenkt werde oder dass es etwas produzierte, ohne dass wenigstens eine Lizenzgebühr abfiele, grenzt ans Phantastische.

An dieser Stelle wäre eine andere Analogie zur Entwicklung von PC und Internet zu bemühen: Deren Pioniere glaubten auch einmal, dass die zur Befreiung der Information und der Individualität führen würden. Stattdessen haben wir ein neues Massenmedium und den Machtkampf der diversen Kontroll- und Verwertungsinteressen bekommen.

Die Bewegung für den persönlichen Fabrikator wäre nicht die erste Subkultur, die sich, von der Künstlerkritik am Kapitalismus inspiriert, die unmittelbare individuelle Verwirklichung der äußersten emanzipatorischen Ziele hier und jetzt zum Ziel gesetzt hätte, um am Ende in eine modische Form des Konsumismus zu münden. Der persönliche Fabrikator ist als Konzept keine Marx-, sondern eine Romantikmaschine und wird sich eher als Murksmaschine herausstellen. So beklagens- und überwindenswert die Spaltung zwischen planender und ausführender Arbeit auch ist, wird ihr Ende nicht von einer zauberhaften Maschine zu erwarten sein.

Ihm näher kann uns höchstens eine sich ihrer als solche bewusst werdende gesellschaftliche Produktion bringen. Und Massenproduktion ist auch keinesfalls das Übel, das es um jeden Preis durch Einzelfertigung zu ersetzen gälte, sondern oft einfach nur rational, Ressourcen schonend und selbst emanzipativ. Dabei ist die Massenproduktion keinesfalls und besonders in Deutschland, dem Land der Spezialmaschinen- und Anlagenbauer, nicht so verbreitet wie das Vorurteil über sie.

Gerade die dringenden Aufgaben eines umgestalteten Stoffwechsels mit der Natur verlangen eine intelligente Verbindung von Einzel- bzw. Kleinserien- und Massenfertigung. In deren Kontext mögen die von Boeing angesprochenen Technologien durchaus ihren Platz finden. Als Selbstläufer zur Emanzipation taugen sie jedenfalls nicht.

00:00 20.03.2008

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