Was ihnen passiert

Frauengeschichte Was Schwestern, Töchter und Mütter in Epoche und Gesellschaft prägt, davon erzählt „Die andere Mrs Walker“
Die schottische Schriftstellerin Mary Paulson-Ellis
Die schottische Schriftstellerin Mary Paulson-Ellis

Foto: Chris Scott

Eine Frau, deren Leben auf der Müllkippe gelandet war, jagt eine tote Person ohne erkennbare Vergangenheit.“ So beschreibt Margaret Penny sich und ihren aktuellen Job. Sie ist mit Mitte vierzig nach Edinburgh zurückgekehrt, nachdem ihr Leben, ihre Hoffnungen, ihre Liebe, ihr Job in London implodiert sind. Offenbar nicht zufällig, und Margaret ist offensichtlich alles andere als unbeteiligt daran. Doch Genaueres erfährt man zunächst nicht – nur, dass sie fürchtet, wegen ihrer Taten von einem dunklen Auto verfolgt zu werden.

Es ist Januar 2011, der zweitkälteste Winter in Schottland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, und besonders die alten, einsamen Menschen sterben. Die Behörden kommen mit dem Papierkram nicht mehr hinterher. Darum kann Margaret trotz des angespannten Arbeitsmarkts einen Aushilfsjob ergattern: Sie soll für das Edinburgher Amt für Verlorengegangene herausfinden, ob die kürzlich verblichene Mrs. Walker irgendwo noch Verwandte hat – damit diese statt des Staates die Beerdigungskosten übernehmen. Etwas über die Tote herauszufinden, gestaltet sich überraschend schwierig, da sie in einer fast leeren, eiskalten Wohnung gehaust hat, ohne Papiere, völlig verarmt, ohne Kontakte, umringt von leeren Whiskyflaschen, aufgefunden durch eine Nachbarin erst mehrere Tage nach ihrem Tod.

Margaret, selbst völlig abgebrannt, ist vorerst bei ihrer Mutter untergekommen. Die beiden verbindet kein herzliches Verhältnis: Verbittertes Schweigen, unterschwellige Wut und offene Enttäuschung prägen ihre Beziehung. Wie Mrs. Walker trinken beide zu viel und leben äußerst isoliert.

Margarets Suche nach Spuren der Toten ist durchbrochen von Sprüngen ins 20. Jahrhundert. Aus wechselnden Perspektiven wird die Geschichte einer Familie Walker erzählt, vor allem deren weibliche Mitglieder stehen im Mittelpunkt. Aber handelt es sich wirklich um die Familie der 2011 aufgefundenen Mrs. Walker? Und wenn ja: Welche der Töchter ist sie?

Die andere Mrs. Walker ist das literarische Debüt von Mary Paulson-Ellis – und es ist ein erstaunliches Debüt: Souverän und elegant erzählt Paulson-Ellis eine Familiengeschichte samt düsteren Geheimnissen, darin eingebettet die Geschichte eines Jahrhunderts aus weiblicher Sicht, die Geschichte eines Doppelmords und dessen Folgen, die Geschichte von Ausbeutung, Missbrauch und Missgunst, und das trotz der schweren Themen spannend und mit sehr subtilem Humor.

Die unterschiedlichen Stränge sind durch ein Netz von Verweisen und Andeutungen verknüpft. Paulson-Ellis streut Hinweise wie Brotkrumen: Mandarinenkerne, eine Paranuss, in die die Zehn Gebote eingraviert sind, ein Coronation Penny (von der Krönung des Königs, „der kein König hätte sein sollen“, wie es mehrfach heißt), eine Brosche, eine beschädigte Putte. Diese Gegenstände wandern durch die Zeiten und tauchen an unerwarteten Orten wieder auf. Man muss aufmerksam lesen, um den Spuren folgen zu können und die Beziehungen und Zusammenhänge zu begreifen: Als wache Leser:innen wissen wir stets mehr als die handelnden Figuren, denn die Beziehungen untereinander sind von dysfunktionaler Kommunikation geprägt – wenn denn überhaupt miteinander geredet wird. Dazu kommen Geheimnisse und Lügen. „Sag nichts weiter“, ist das Motto der Walker-Schwestern. Täuschungen bestimmen das Mit- und Gegeneinander auf mehreren Ebenen. Nicht nur die Figuren machen sich und anderen etwas vor, sondern auch wir Leser:innen: Immer wieder glaubt man zwischendrin, man wüsste nun endlich, wie alles zusammenhängt, doch dann kommt erneut eine überraschende Wendung, und es ist doch ganz anders und vor allem komplexer, als man es sich vorgestellt hat.

Mary Paulson-Ellis erzählt von Geschwisterliebe und -rivalität, von Sehnsucht und Wahnsinn, vom Verlassen- und Betrogenwerden, aber auch von (widerwilligem) Verstehen, von Zusammengehörigkeit. Dabei geht es doch eigentlich, wie Margaret schon früh feststellt, immer nur ums Geld: „Die Jagd danach. Den Bedarf daran. Den Verlust davon. Den Mangel.“ Wie eng Geld und Liebe, Geld und Begehren zusammenhängen, lässt sich an den Geschäftsmodellen der Familie Penny erkennen: Während des Zweiten Weltkriegs werden die Adoptivtöchter an Soldaten verkauft, in den 1950ern bietet Mrs. Penny illegale Abtreibungen an, in den 1960ern ist das Haus in einen Unterschlupf für junge ledige Mütter umgewandelt. Ein weiteres Beispiel für die Melange von Gefühl und Geld ist die Kleptomanie, die die Walker-Schwestern eint: mitunter aus purer Notwendigkeit, um das eigene Überleben zu sichern, manchmal als Rache, manchmal, um die Erinnerung zu wahren. Die Ereignisse in Politik und Wirtschaft hinterlassen ihre Spuren in der Gesellschaft und prägen das Familienleben, besonders das Leben der Frauen. Und so geht es im Roman auch um Freiräume und Konventionen, um Anpassung und Selbstbehauptung, Sichducken und Aufbegehren, und darum, was mit Frauen passiert, die sich nicht einfügen wollen. Wie auch darum, wie sich dies im Laufe der Jahrzehnte verändert (oder eben nicht).

Schwestern, Töchter, Mütter

Es sind eine Menge Themen, die Mary Paulson-Ellis auf knapp 450 Seiten anspricht. Doch an keiner Stelle wirkt der Roman überladen oder konfus. Die Autorin behält gekonnt den Überblick über die verschiedenen Erzählstränge und verknüpft sie geschickt über die Zeiten hinweg. Die klare, zum Teil sehr knappe, lakonische Sprache hilft sehr dabei, der Ton ist stets leichtfüßig, ohne je leichtfertig zu werden.

Mit der Suche nach der Vergangenheit von Mrs. Walker wird Margaret Penny mit Fragen nach Identität und Herkunft konfrontiert, nach dem, was Schwestern, Töchter und Mütter in Epoche und Gesellschaft prägt, nach dem, was sie trennt, was sie verbindet, welchen Freiraum sie sich erobern können – und zu welchem Preis. Am Ende steht unter anderem die Erkenntnis, dass Namen, Daten und Fakten nicht immer so verlässlich sind, wie man es gern hätte, sondern dass Blickwinkel und Gesellschaftsschicht an der Konstruktion von Wahrheit beteiligt sind.

Info

Die andere Mrs. Walker Mary Paulson-Ellis Kathrin Bielfeldt (Übers.), Ariadne/Argument 2022, 448 S., 23 €

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