Masken und Menschen

Reihenweise Taschenbücher Das Foto auf dem Buchumschlag zeigt zwei Männer. Der eine schaut durch ein Loch in einem Zaun aus Sackleinen; der andere, im Anzug und mit Hut, sieht ...

Das Foto auf dem Buchumschlag zeigt zwei Männer. Der eine schaut durch ein Loch in einem Zaun aus Sackleinen; der andere, im Anzug und mit Hut, sieht zur Seite und prüft, ob ihm jemand dabei zusieht. Ein Bild, das gut zu dem Roman Menschen und Masken passt, denn sein Autor, Emmanuel Bove, wirft nicht nur einen Blick hinter die Kulissen des französischen Bürgertums in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern er entlarvt auch ihre scheinheilige Moral. Eine Gesellschaft, die Regeln postuliert, um sie heimlich zu brechen.

Menschen und Masken spielt an einem einzigen Ort: Dem Ballsaal eines Pariser Hotels. Aus Anlass der Aufnahme in die Ehrenlegion gibt der Schuhfabrikant André Poitou ein Bankett. Hierfür hat er mehr oder weniger wichtige Honoratioren, Witwen und sonstige, in einer Beziehung mit ihm selbst stehende Personen eingeladen. Alle treten sie wohlgekleidet und toupiert auf - es handelt sich um die "gute Gesellschaft". Doch hinter allem Pomp verbergen sich Egomanen, die ihre Garderobe und die guten Sitten allein dazu verwenden, die eigenen Interessen zu kaschieren. Ob es nun die Generalswitwe ist, die Aufmerksamkeit mit ihrer kreissägenartigen Stimme erzwingt oder der Senator, dessen Abgebrühtheit und gekonnt eingesetzten Schmeicheleien kaum noch zu überbieten sind: allen geht es um die Macht, darum, möglichst viel Aufmerksamkeit zu gewinnen und ihre gesellschaftliche Position durch die richtigen Kontakte zu verbessern.

Menschen und Masken erschien 1928. 1945 starb Emmanuel Bove und wurde vergessen. Erst Ende der siebziger Jahre gab es in Frankreich eine Bove-Renaissance, der Übersetzungen in Deutschland folgten. "Habe über meinen nächsten Roman nachgedacht", wird er im Nachwort zu Menschen und Masken zitiert, "Seltsam: Ich kenne bereits alles, nur das Thema nicht." Ein Buch, dass mehr aus einem Gefühl als aus einem bewussten Plan heraus entstanden ist; wohl nicht zuletzt aus dem Lebensgefühl eines französischen Juden, der bereits ahnte, wie wenig Verlass auf die "gute Gesellschaft" sein würde. Denn die lieferte unter Vichy die Juden an die Deutschen aus. Bove floh nach Algerien und weigerte sich, seine Bücher in Frankreich erscheinen zu lassen.

Wenn man so will ist auch Yasmina Rezas Buch Eine Verzweiflung ein kritischer Text. Allerdings trifft sie weniger die "gute Gesellschaft" als die jüdischen Freunde und Verwandte des Erzählers Samuel Perlmann. Der hatte das KZ überlebt und war nach dem Krieg zu einem erfolgreichen Textilunternehmer geworden. Der Monolog, aus dem das Buch der hierzulande mit dem Theaterstück Kunst bekannt gewordenen Autorin besteht, ist an seinen Sohn gerichtet und lässt die wichtigsten Stationen seines Lebens, Denkens und Fühlens Revue passieren. Dem, dem er das alles erzählt, gilt allerdings paradoxerweise seine größte Verachtung. Doch wie soll er Verständnis bei denen hervorrufen, die er verachtet? Als er beginnt, die Argumente seiner Gegner zu entkräften, wird deutlich, dass er sich immer mehr in die Verzweiflung manövriert. "Ihr Standpunkt hinsichtlich dieser Geschichte ist der eines Menschen, der nicht mehr liebt", zitiert er einmal eine Freundin. Ein Buch, das an Thomas Bernhard erinnert und die Wahrheit in der Übertreibung sucht und damit überraschenderweise den Leser bis zur letzten Seite fesselt.

Georges Perecs Roman Was für ein kleines Moped mit verchromter Lenkstange steht dort im Hof? ist sehr viel verspielter und weniger ernsthaft als die Bücher von Bove und Reza. Der Sprachwitz der Geschichte um eine Gruppe junger Männer, die versuchen, einen Gefreiten vor der Einberufung zum Algerienkrieg zu retten, entsteht durch Assoziationen und Wortspiele. Aber auch eine bodenständige Gewitztheit, die die Sinnlosigkeit des Krieges mit ganz banalen Argumenten "à la Céline" deutlich macht, lässt die Lektüre des Romans zum Vergnügen werden. Perec hat versucht, dem ernsten Thema alles Pathos auszutreiben. Allerdings lässt sich trotz der Distanz durch Witz und Ironie das Engagement in dieser Geschichte nicht übersehen, denn der Leser weiß, dass es während des Algerienkrieges nicht nur "um die Wurst ging", sondern um das ganz konkrete Leben.

Der literaturtheoretische Rahmen, dem sich Perec zugehörig fühlte, war die Gruppe "Oulipo" (Ouvroir de litérature potentielle), die mit mathematischen Konzepten die Literatur zu erneuern versuchte. Einer der älteren in dieser Gruppe war Raymond Queneau, dessen Buch Sonntag des Lebens jedoch insgesamt weniger experimentell wirkt wie Perecs Roman. Sicher, die Geschichte der Jungfer Julia Ségovia, die sich in den Kopf gesetzt hat, den sehr viel jüngeren Soldaten Brü zu heiraten, obwohl sie ihn nur im Vorübergehen gesehen hat und der Bräutigam in spe seine Braut gar nicht kennt, wirkt wie das umgedrehte Eheglück der bürgerlichen Gesellschaft: älterer Mann heiratet blutjunges Mädchen. Die Verdrehung des Gewohnheitsmäßigen geht so weit, dass Ehemann Brü, als Julia sozusagen "wie ein Mann" einen Herzinfarkt erleidet und damit nicht mehr ihrem einträglichen Geschäft als Wahrsagerin nachgehen kann, in Frauenkleider schlüpft und ihre Rolle übernimmt. Die Inspiration des Textes liegt wohl eher bei den Surrealisten, bei denen Queneau angefangen hatte, bis sie ihn Mitte der zwanziger Jahre hinauswarfen. Gleichzeitig macht er sich über das korrupte Kleinbürgertum lustig, dass natürlich entsetzt auf das Anliegen Julias reagiert, selbst aber die Moral nur zum Kaschieren der eigenen krummen Geschäfte missbraucht. Eine vergnügliche Lektüre über die Morbidität der französischen Gesellschaft vor dem Krieg. Und offenbar eine Spezialität von jenseits des Rheins.

Emmanuel Bove: Menschen und Masken, dtv 2003, 140 S., 9,50 EUR

Yasmina Reza: Eine Verzweiflung , Berliner Taschenbuch Verlag 2003, 125 S.,
7,90 EUR

Georges Perec: Was für ein kleines Moped mit verchromter Lenkstange steht dort im Hof?, dtv 2003, 92 S., 8 EUR

Raymond Queneau: Sonntag des Lebens, Wagenbach Taschenbuch 2003, 184 S., 10,90 EUR


00:00 20.02.2004
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