Maskierte Männer in Schwarz

Indonesien und der Islamismus als interner Ordnungsfaktor Auf West-Papua kollaboriert die Armee mit bewaffneten muslimischen Gruppen der "Laskar Jihad", um eine Unabhängigkeit zu verhindern

Das Wort "Völkermord" scheint mir angebracht, wenn ich die Zustände in West-Papua (von der indonesischen Regierung Irian Jaya genannt) beschreibe. Ich traf mich dort in jüngster Zeit oft mit Führern der Evangelisch-Christlichen Kirche (GKI) und bei allem, was ich von ihnen hörte, habe ich das Gefühl, den Begriff "Völkermord" nicht länger als Übertreibung abtun zu können. Die Menschen in West-Papua sehen sich ohne jeden Zweifel mit einer großen Tragödie konfrontiert, die besonders von fanatisierten Anhängern des Islam und ihren Helfern ausgeht.

Die "Jamaa Islamiya" ...

... gilt in Indonesien als konspirative islamistische Gruppe, die für einen großislamischen Staat in Südostasien eintritt, der eines Tages bis nach Thailand reichen soll. Viele Mitglieder dieser Strömung haben an offiziellen Koranschulen des Landes studiert, die in der Regel nicht als Zentren der Radikalität innerhalb der muslimisch geprägten Mehrheit der indonesischen Gesellschaft gelten. Geistlicher Führer der Jamaa Islamiya ist Abu Bakar Baasyr, von dem behauptet wird, er sei der strategische Kopf einer Terrororganisation, die Kontakte zum Netzwerk von al Qaida unterhält.

West-Papua, die westliche Hälfte der Insel Neu Guinea, ist nicht nur das zweitgrößte Eiland der Welt, sondern auch ein riesiges, wenig entwickeltes, teilweise vollkommen isoliertes Terrain. Durch koloniale Interessen - holländische, deutsche und britische - wurde die Insel zerschnitten, wobei künstliche Grenzen entstanden, die von den meisten Menschen als völlig unangemessen betrachtet werden. Mehr melanesich als asiatisch und mehr christlich als muslimisch, fügt sich West-Papua schlecht in die Republik Indonesien ein. Der westliche Teil der gebirgigen Insel wurde 1969 von Indonesien annektiert, und einige Papua begannen sich dagegen zu wehren, noch bevor 1975 der Osten - Papua-Neuguinea - die Unabhängigkeit von Australien gewann. Nun durchzieht eine 750 Kilometer lange Grenze die Region, wobei Papua-Neuguinea mit nahezu fünf Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichere Landesteil ist, auch wenn der indonesische Staat gegen West-Papua eine perfide Assimilierungspolitik betreibt und zusehends mehr Muslime von seiner übersiedelten Hauptinsel Java - dort leben 60 Prozent der 210 Millionen Indonesier - in seine östlichste Provinz verschickt.


Waffendepots in Wohnvierteln - Subversion unter den Augen der Armee

Während meiner früheren Besuche war der beschwörende und zuweilen umstrittene Ruf nach Unabhängigkeit ("mendeka") auf den Lippen der meisten Papua zu hören. Zuletzt aber wurde ich Zeuge eines bedeutenden Wandels: die Papua versuchen, "die Reihen (zu) schließen" und mögliche Konflikte zu vermeiden, indem sie sich verpflichten, eine "Zone des Friedens" in der Region einzurichten. Ich glaube, sie haben sich dazu durchringen müssen, um zu überleben. Anders ausgedrückt, sie versuchen, heimtückischen und subversiven Kräften zu widerstehen, mit denen Fremde auf ihre Gemeinschaft einwirken, um die innere Einheit der Papua zu unterminieren und zu zerstören.

Das Fremde ist nicht nur mit einem demographischen Wandel und der Ansiedlungspolitik der Zentralregierung in West-Papua verbunden, es existiert vor allem mit der Präsenz der Laskar Jihad und dem Wuchern ihrer Organisation Forum Komunikasi Ahlus Sunnah Wal-Jammaah - ermöglicht durch einen geheimen Konsens zwischen der Laskar Jihad, pro-indonesischen Milizen und der Armee.

Zu ersten Aktivitäten von islamistischen Kräften kam es bereits Anfang 2000 in den Bezirken Aimas und Salawati. Im Oktober 2001 entstanden dann Jihad-Trainingscamps für muslimische Männer, die in den Gesetzen des Islam unterwiesen und in Selbstverteidigung ausgebildet wurden. Schauplatz waren zunächst abgelegene Gegenden im Busch und in den Bergen. Seit November 2001 umfasst das Training, an dem die örtlichen Militärkommandos (Korem) und die lokale Polizei beteiligt sind, auch das Lagern und den Gebrauch von Bomben und Minenwerfern. Selbst produzierte Waffen werden zur Tarnung nicht selten in Siedlungen und Häusern deponiert.

Ende vergangenen Jahres trafen zudem afghanische Emigranten mit dem Schiff in der Hauptstadt Yayapura ein, deren Präsenz unter der einheimische Bevölkerung die Furcht wachsen lässt, es könnte terroristische Verbindungen nach Übersee geben. Zumal seit Januar 2002 Straßenhändler in Yayapura und anderswo unbeeindruckt T-Shirts, CDs und Bücher über Osama bin Laden und seinen "heroischen Widerstand" gegen die USA verkaufen.

Ganz offenkundig sollen die Aktivitäten des Laskar Jihad zunächst noch auf einem niedrigen Niveau gehalten werden, um örtliche Gemeinden unauffällig unterwandern zu können, während die Armee und lokale Milizen (Satgas Merah Putih) bereit stehen, sozialen Unfrieden zu schüren und gegebenenfalls die offene militärische Konfrontation mit den West-Papua-Separatisten, der Spitze der Unabhängigkeitsbewegung, zu suchen. Die Regierung von Präsidentin Megawati in Jakarta sieht sich mehr denn je von der Angst getrieben, eine "Balkanisierung" des indonesischen Archipels könnte mit einer möglichen Selbstständigkeit West-Papuas unaufhaltsam werden.

Um das zu verhindern ermöglicht das Militär die Überfahrt Tausender junger Männer von Java nach Papua - darunter Laskar Jihad-Aktivisten und Rekruten für pro-indonesische Milizen. Inzwischen gibt es auch eindeutige Beweise für eine Rekrutierung derartiger Übersiedler durch die indonesische Nationalarmee (TNI). Ein mir vorliegendes Dokument zählt allein die Namen von 80 Personen auf, die in die Satgas Merah Putih der Region Jayawijaya im Hochland aufgenommen wurden - eines Namensliste, die vom Militärkommandanten des Distriktes unterzeichnet ist.

Dabei dürfte es alles andere als Zufall sein, dass in den geheimen Camps die Laskar Jihad-Kämpfer von Angehörigen der militärischen Sondereinheit Kopassus ausgebildet werden. Jede Gruppe soll in die Lage versetzt werden, unabhängig zu operieren und möglicherweise Kontakt zu den gefürchteten Ninjas - den maskierten Männern in Schwarz - aufzunehmen, die in ganz Indonesien die Bevölkerung terrorisieren. Sie werden ausgebildet, um zu terrorisieren und zu morden (Ninjas waren höchstwahrscheinlich in das Massaker am Rande des Papua-Dorfes Soya in Ambon am 28. April 2002 verwickelt). Derzeit operieren etwa 2.000 Kopassus-Mitglieder auf West-Papua. Eine Elitetruppe, deren Kern aus 100 besonders geschulten Mitgliedern der Pasukan Satuan Tugas Pemburu ("Sonderkommandoeinheit der Jäger") besteht und in Kürze von ihrem Hauptquartier in Medan landesweit operieren soll.


HIV-Infektionen bei den Ureinwohnern - ein eklatanter Fall von ethnischer Säuberung

Inzwischen kursieren Gerüchte über eine wachsende Zahl von Aidsfällen. Mir liegt zwar keine genaue Statistik vor, doch ist die allenthalben zu beobachtende Zunahme von Aids extrem besorgniserregend. Viele Menschen auf Papua glauben, das Militär könnte ein unmittelbares Interesse daran haben, das Virus zu verbreiten - Aids als "effektive Maßnahme" zur Auslöschung der indigenen Bevölkerung? Eine steigende Anzahl von HIV-Infizierten bei den äußerst abgeschottet lebenden Stämmen in der Gegend von Meranke jedenfalls scheint ein Indiz dafür. Das diabolische Prozedere besteht darin, den Stammesführern Prostituierte als Teil der Entschädigung (Kaufsumme) beim Erwerb von Land anzubieten - ein eklatanter Fall von ethnischer Säuberung.

Ich erinnere mich noch an jenen Tag in Soe (West Timor) vor mehr als drei Jahren, im September 1999, als das Wort "Genozid" schon einmal fiel. Pro-indonesische Milizen ermordeten damals in geheimer Absprache mit dem Militär Hunderte, wenn nicht Tausende osttimoresische Männer, Frauen und Kinder. Das Gleiche ist später auf den Molukken geschehen, wo christliche und muslimische Gemeinschaften dank der verhängnisvollen und falschen Vorstellung, Christen und Muslime hassten einander, ausgelöscht wurden.

Und jetzt höre ich in Yayapura den Satz: "In 25 Jahren könnten wir in West-Papua ausgelöscht sein." - Die Welt sollte Notiz davon nehmen, denn es handelt sich nicht nur um einen humanitären, auch um einen politischen Konflikt.

John Barr ist Direktor der Ökumene-Abteilung der Uniting Protestant Church in Australien und unterhält enge Kontakte zu den christlichen Kirchen West-Papuas.

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00:00 18.10.2002

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