Massaker in der Wüste

Aus dem Film von Jamie Doran Die Gefangenen in den Containern rangen nach Luft - die Antwort kam prompt

"Das Massaker von Mazar" hat der international mehrfach ausgezeichnete Regisseur Jamie Doran aus Irland seinen neuen Dokumentarfilm genannt, der gerade in Berlin eine Voraufführung erlebte. Ein brisantes Material über den Mord an mehr als 3.000 Taleban-Kämpfern nach der Schlacht um die nordafghanische Stadt Mazar-i Sharif im November 2001. Im Film kommen Soldaten der Nordallianz des Generals Dostum zu Wort, die bezeugen, dass an den Kriegsverbrechen in der Festung Qaala-i Janghi und in der Wüste von Dasht-i Leili auch US-Militärs direkt beteiligt waren. Wir dokumentieren Ausschnitte.

FILMKOMMENTAR: Bei Mazar-i Sharif im Nordwesten Afghanistans fand die größte Schlacht des ganzen Krieges statt. Der Sieger, General Rashid Dostum, galt als der rücksichtsloseste und beste Kommandeur des Landes. Im späten November des vergangenen Jahres verhandelte Dostum über die Kapitulation von über 8.500 Taleban-Kämpfern in der nahegelegenen Stadt Kunduz. 400 von ihnen wurden hierher gebracht, zu der antiken Festungsanlage Qaala-i Janghi, am Rande von Mazar-i Sharif ... Unter ihnen war der Amerikaner John Walker Lindh, der versuchte, seine Identität vor den beiden CIA-Offizieren zu verbergen, die im Fort waren.
Nach einem Ausbruchsversuch von zwei Gefangenen, bei dem einige Wächter getötet wurden, kamen britische und amerikanische Streitkräfte hinzu. Die SAS (*) führte den Angriff, während das US-Kommando Luftschläge anordnete. Am Morgen des dritten Kampftages waren alle Taleban im Hof des Forts getötet - viele von ihnen mit den Händen auf dem Rücken gefesselt. Was niemand zu dieser Zeit wusste: 86 Taleban-Soldaten, inklusive John Walker Lindh, hatten in unterirdischen Gängen überlebt. Nachdem man sie bemerkt hatte, wurden diese Gänge geflutet, um die dort Verborgenen nach draußen zu zwingen.
Lindh und die anderen wurden in einen Container gesperrt und ins Sheberghan-Gefängnis gebracht, das etwa drei Stunden Autofahrt vom Fort entfernt liegt. Nach seiner Befragung dort wurde Lindh nach Guantanamo auf Kuba verfrachtet, schließlich weiter auf das amerikanische Festland ...
Amerika hatte seinen Mann, und das, so schien es, war das Ende der Angelegenheit. Obwohl es glaubwürdige Gerüchte über Massaker in der Nähe gab - mit viel mehr Toten als in Qaala-i Janghi -, haben fast alle Journalisten die Koffer gepackt und sind abgefahren.
Die Geschichte dieser noch schrecklicheren Massaker beginnt in Qaala Zeini, etwa auf halber Strecke zwischen Mazar-i Sharif und dem Sheberghan-Gefängnis. Nach der Kapitulation in Kunduz wurden etwa 8.000 Taleban-Gefangene auf dem Gelände des Forts Qaala Zeini gefangen gehalten, bevor sie in Container geladen wurden, um die letzte Etappe ihrer Reise nach Sheberghan anzutreten. Nach offiziellen Angaben ist nur etwa die Hälfte lebend angekommen.

AFGHANISCHER GENERAL: ... in jedem Container waren 200, vielleicht auch 300 Gefangene. Insgesamt haben wir 25 Container von Zeini nach Sheberghan gebracht.

FILMKOMMENTAR: In der glühenden Hitze und von Erstickung bedroht schrieen die Gefangenen nach Luft - die Antwort kam prompt.

AFGHANISCHER SOLDAT 1: Ich habe in die Container geschossen, um für Ventilation zu sorgen. Einige in den Containern wurden getötet.
FRAGE: Sie haben zu diesem Zweck Löcher in die Container geschossen? Wer hat Ihnen Ihre Befehle gegeben? Warum haben Sie das getan?
AFGHANISCHER SOLDAT 1: Die Kommandeure haben mir befohlen, die Container zu beschießen, damit Lüftungslöcher entstehen, und dadurch wurden einige Gefangene getötet.
TAXIFAHRER (an einer provisorischen Tankstelle in der Nähe des Sheberghan-Gefängnisses): Sie brachten gerade Gefangene von Qaala Zeini nach Sheberghan, als ich mein Auto auftankte. Es roch merkwürdig, und ich fragte den Tankwart, woher der Geruch käme. Er sagte "schauen Sie sich um", und dort waren LKW, die Container transportierten. Ich war überrascht; ich sah etwas sehr Merkwürdiges: Blut tropfte aus den Containern.
AFGHANISCHER SOLDAT 1: Alle Container waren voll von gut sichtbaren Löchern. In jedem waren vielleicht 150 bis 160 Gefangene getötet worden. Die Amerikaner sagten den Gefängniswärtern von Sheberghan, dass sie die Toten aus der Stadt rausbringen sollten, damit sie nicht von einem Satelliten aus gefilmt werden könnten. Alles war unter der Kontrolle des amerikanischen Kommandanten ...

FILMKOMMENTAR: Wir fanden zwei Fahrer, an verschiedenen Tagen, die bereit waren, uns zu zeigen, wohin sie die Container bringen mussten.

FAHRER 1: Zuerst haben wir die Gefangenen in Qaala Zeini eingesammelt und ins Sheberghan-Gefängnis gebracht. Viele Gefangene sind bereits während der Fahrt gestorben und im Gefängnis hat man die Gefangenen, die noch lebten, abgeladen. Einige waren verletzt, und andere waren so schwach, dass sie bewusstlos geworden waren. Wir brachten sie dann zu diesem Platz, der Dasht-i Leili genannt wird. Hier wurden sie erschossen.
FAHRER 2: Sie haben meinen LKW in Mazar-i Sharif konfisziert, ohne Geld zu bezahlen. Sie haben den Wagen genommen und einen Container darauf geladen. Ich habe die Gefangenen dann von Qaala Zeini nach Sheberghan gebracht und anschließend nach Dasht-i Leili, wo sie von Soldaten erschossen wurden, wenn sie noch lebten. Ich habe vier Fahrten mit den Gefangenen gemacht.
FRAGE: Wer waren die Leute, die die Gefangenen erschossen haben? Wer waren Ihre Kommandeure?
FAHRER 1: Die Kommandeure waren Kamal Khan und der Kommandeur Lal. Leute von General Dostum.

FILMKOMMENTAR: Die Spuren im Sand zeigen deutlich, wo viele der Leichen liegen. Menschliche Gebeine und einige Kleidungsstücke mit pakistanischen Labels - das ist alles, was von denjenigen geblieben ist, die oben auf dem Leichenhaufen liegen.

FAHRER 1: In einem Container brachten wir ungefähr 200 Leute, in einem anderen etwa 150. Einige von ihnen sahen noch unversehrt aus. Aber als wir ankamen, wurden sie erschossen.
FRAGE: Haben die Soldaten nichts zu Ihnen gesagt? Sie haben doch mit angesehen, dass die Gefangenen getötet wurden?
FAHRER 1: Sie haben uns nur gesagt, wir sollten weggehen. Aber wir haben klar gesehen, was passierte.
FRAGE: Als Sie die Gefangenen hierher brachten, waren da amerikanische Soldaten dabei?
FAHRER 2: Ja, waren dabei.
FRAGE: Hier in Dasht-i Leili?
FAHRER 2: Ja, hier.
FRAGE: Wie viele Amerikaner waren dabei?
FAHRER 2: 30 bis 40.

FILMKOMMENTAR: Sogar ohne die geschätzten 3.000 Gefangenen, die in der Wüste vergraben wurden, war das Sheberghan-Gefängnis hoffnungslos überfüllt. Viele Gefangene sind erkrankt, unter anderem an Tuberkulose. Nach Augenzeugenberichten eines afghanischen Generals der Nordallianz hatten diejenigen Gefangenen, die für eine Befragung durch amerikanisches Personal ausgesucht worden waren, sogar noch mehr zu befürchten.

AFGHANISCHER GENERAL: Ich war Augenzeuge. Sie haben ihnen die Finger und die Zungen abgeschnitten und ihnen Kopf und Bart rasiert. Es waren arabische Gefangene. Manchmal taten sie es aus Spaß. Sie brachten die Gefangenen nach draußen, schlugen sie und brachten sie dann zurück ins Gefängnis. Aber manchmal wurden die Gefangenen nicht zurückgebracht und verschwanden.

FILMKOMMENTAR: Andere Zeugen haben diese Geschichte bestätigt. Außerdem sagten sie, dass sie bereit wären, die amerikanischen Soldaten zu identifizieren, wenn man ihnen dazu Gelegenheit geben würde.

AFGHANISCHER SOLDAT 2: Sie haben ihnen das Genick gebrochen und ihre Zungen rausgeschnitten. Und die Amerikaner kamen zum Gefängnis, um Gefangene auszusuchen, die sie nach Amerika senden wollten. Nach zehn oder fünfzehn Tagen kamen sie erneut, um Gefangene für den Transport nach Amerika auszusuchen. Viele Gefangene wurden getötet oder hatten abgeschnittene Finger. Einige haben geschrieen. Um ihre Schreie hat sich niemand gekümmert. Keiner hat sich Sorgen gemacht.

(*) Special Air Service / Eliteeinheit der britischen Luftwaffe

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00:00 21.06.2002

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