Masse und Mensch

Film Wang Xiaoshuai erzählt in „Bis dann, mein Sohn“ von Chinas Umbrüchen der letzten Jahrzehnte aus der Sicht zweier Arbeiterfamilien
Gerhard Midding | Ausgabe 46/2019

Ein idyllischer, ein wenig anarchischer Ort ist die Werkstatt, die Yaojun (Wang Jingchun) im Süden Chinas betreibt und in der er mit seiner Frau Liyun (Yong Mei) wohnt. Offen und direkt am Meer, ganz anders als das enge Arbeiterwohnheim, in dem das Paar früher lebte. Aber ein Zuhause ist es nicht. Die Eheleute sind hier im Süden wie im Exil, der Dialekt der Einheimischen ist ihnen noch nach Jahren fremd. Ihr Adoptivsohn hält es nicht länger bei ihnen aus. Zwei Kinder hat das Ehepaar schon verloren: Eines mussten sie wegen der Ein-Kind-Politik abtreiben lassen, dann ertrank ihr Sohn Xingxing in einem Stausee. Seither ist die Zeit für sie stehen geblieben.

Dieses Leben im Danach schildert Bis dann, mein Sohn als unendlich traurig. Es ist aber zugleich lebhaft und bewegt, denn Wang Xiaoshuai inszeniert es als einen Mikrokosmos der chinesischen Gesellschaft und der Umbrüche, die diese seit Ende der 1970er Jahre durchlebt. Der Blick erweitert sich, indem Wang von einer zweiten Familie erzählt, die unauflöslich mit der ersten verbunden ist. Haohao, der Sohn von Shen Yingming und Li Haiyan, wurde am selben Tag wie Xingxing geboren. Sie wachsen wie Brüder auf, bis Haohao die Schuld am Ertrinken des Freundes angelastet wird.

Die Entschiedenheit, mit der Wang von einer privaten Tragödie erzählt (in der freilich auch der Druck der Gemeinschaft eine Rolle spielt), verleiht seinem Film politische Brisanz. Mit Ausnahme eines Fabrikleiters, der 1994 die Umstellung auf die Marktwirtschaft verkündet („Entlassungen sind keine Schande, Neueinstellungen sind ehrenhaft“), hat die Politik kein offizielles Gesicht, sondern ist unentrinnbares Umfeld. Die Partei wird von Privatpersonen repräsentiert, von Nachbarn, Freunden und Kollegen. Haiyan ist all das zusammen, obwohl die Unerbittlichkeit, mit der sie die Ein-Kind-Politik umsetzt und Liyun zur Abtreibung drängt, sie als ein Monstrum erscheinen lässt.

Mao vor der Mall

Die staatliche Bevormundung findet ihr privates Gegenstück im Motiv der Erziehung. In Bis dann, mein Sohn müssen erst einmal die Eltern lernen. Yaojun begreift, dass er seinen renitenten Adoptivsohn nicht mehr schlagen kann, sondern als Erwachsenen behandeln muss. Und als Yingming die Schuld am Tod von Yaojuns Sohn sühnen will, hält dieser ihn zurück mit der großherzigen Ermahnung: „Xingxing ist tot, nun müssen wir uns um Haohao kümmern!“ Die Menschlichkeit, die Wang Jingchun und Yong Mei den Hauptfiguren verleihen (auf der Berlinale mit zwei Darstellerpreisen gewürdigt), ruht in Erkenntnis. Über drei Stunden schauen wir den Charakteren nicht beim Altern, sondern beim Reifen zu.

Den Fluss des Lebens verwandelt das Drehbuch in ein komplexes Gewebe. Es stellt das Publikum vor kluge Herausforderungen; es fällt nicht immer leicht, sich in den unterschiedlichen Zeitebenen zurechtzufinden, die es miteinander verknüpft. Die Montage wirft den Zuschauer in fremde Situationen und konfrontiert ihn mit unvertrauten Figuren. Diese oft brüsken Verknüpfungen tragen den Brüchen in den Biografien Rechnung: Die Protagonisten müssen sich ebenfalls zurechtfinden in den gesellschaftlichen Umwälzungen.

Stets jedoch rücken die Schnitte die zwei Familien näher zueinander, über Raum und Zeit hinweg. Die Erzählung beharrt auf der Untrennbarkeit ihrer Schicksale. Wenn Wang Situationen und Kamerabewegungen erneut aufgreift – das Eilen in die Notaufnahme des Krankenhauses; die gemeinsame Mahlzeit, die erst harmonisch und dann im Streit eingenommen wird –, unterstreicht er damit den Wandel der Verhältnisse und Beziehungen.

Er folgt damit den Regeln eines klassischen Familienepos, das in der Wiederbegegnung mit Figuren und Orten ein enges Band der Teilnahme knüpft. Wir haben sie in Erinnerung, haben Zeit mit ihnen verbracht. Als Liyun und Yaojun nach Jahrzehnten wieder in das triste Arbeiterwohnheim zurückkehren, lässt bereits der Anblick des Tores eine beträchtliche Nostalgie aufkommen. Auf der Fahrt vom Flughafen sahen die zwei, dass sich das Antlitz der Stadt radikal gewandelt hat. Eine Statue Maos steht vor einer Shoppingmall, Yaojun grüßt sie, nicht nur ironisch, als das Relikt einer erloschenen Zeit. Ihre Mietskaserne finden sie verwahrlost und fast menschenleer vor, im Flur blinkt jetzt die Leuchtreklame eines Massagesalons. Aber die Einrichtung ihrer alten Wohnung wartet noch auf sie.

Diese Rückkehr ist die Einstimmung auf das Finale, in dem sich die Familien wieder begegnen. Der Film will sich nicht abfinden mit ihrer Entfremdung. Eine soziale Differenz hat sich zwischen ihnen aufgetan – Yingming ist nun ein wohlhabender Bauunternehmer –, die sogleich überwunden wird. Nun kommt die Wahrheit zutage über das, was damals am Stausee geschah. Aber wichtiger als das ist die Gemeinschaft, die sich nun wiederherstellen lässt.

Ein wehmütiges Einverständnis mit dem Leben ergreift Liyun und Yaojun, als sie das Grab ihres Sohnes besuchen. Die Heiterkeit dieses Moments ist nicht arglos, sondern leidvoll erstritten. Sie hat Widerhaken. Xingxings Stein steht auf einer Anhöhe, mit ein paar anderen verstreuten Grabstätten; im Gegenschnitt zeigt Wang, dass darunter ein großer Friedhof mit ordentlichen Reihen liegt – und gemahnt damit an den ewigen chinesischen Konflikt zwischen Individuum und Masse.

Info

Bis dann, mein Sohn Wang Xiaoshuai China 2019, 185 Minuten

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