Maßgeschneidert

FFH-Gebiete Dem ambitionierten europäischen Naturschutz mangelt es oft an umsetzungswilligen Lokalfürsten

Sie gelten als ganz großer Wurf und die Mitgliedsstaaten der EU schlagen sich dafür gerne auf die Schulter: Mit Natura 2000 und der FHH-Richtlinie sollen nicht nur Flora und Fauna, also seltene Tier- und Pflanzenarten, sondern auch ganze Lebensraumtypen geschützt werden. Arten- und Biotopschutz steht auf der Konferenz zur biologischen Vielfalt ganz oben, und Deutschland als Gastgeber will sich zusammen mit Europa als Vorbild hervortun.

Das funkioniert folgendermaßen: Alle Mitgliedsstaaten unterliegen einer Erhaltungsverpflichtung für Arten und Lebensräume, die europaweit selten vorkommen. Dazu müssen sie Schutzgebiete ausweisen, in denen genau dieser Typ oder diese Art vorkommt. Wie viel des Verbreitungsgebietes unter Schutz gestellt wird, richtet sich nach der Seltenheit. Buchenwald ist beispielsweise nicht sonderlich rar in Mitteleuropa, also reicht es, circa 40 Prozent des Vorkommens als FFH-Gebiet auszuweisen. Bei extrem seltenen Tierarten können auch 80 bis 100 Prozent des Vorkommens geschützt werden. "Ganz wenige Gebiete sind nur für eine einzige Art als FFH-Gebiet ausgewiesen", erläutert Axel Ssymank, Fachgebietsleiter für Natura 2000 im Bundesamt für Naturschutz. Ein FFH-Gebiet hat also räumliche Grenzen, aber innerhalb dieser Grenzen ist nicht überall strengster Naturschutz nötig. Sie können auch verlegt werden, wenn sich beispielsweise Verbreitungsgebiete von Tieren oder Pflanzen ändern. FFH-Gebiete sind damit viel flexibler als frühere Naturschutzgebiete. "Bei der FFH-Richtlinie hat man, unabhängig davon, was man mit den Flächen sonst noch vorhat, zunächst Bilanz gezogen und untersucht, wo die geeignetsten Flächen liegen. Diese systematische Auswahl ist eine große Verbesserung", findet Ssymank, denn früher seien Naturschutzflächen eher angebotsorientiert bestimmt worden. "Bei Flächen, die keiner haben wollte, wurde geschaut, was dort wächst und lebt, und dann wurde das eben geschützt."

Die eigentlich bereits 1992 beschlossene FFH-Richtlinie fordert von den Bundesländern nicht nur, der EU ausreichend Flächen als FFH-Gebiete zu melden - eine Verpflichtung, der die Länder nur zögerlich und erst nach mehreren Prozessen vor dem Europäischen Gerichtshof nachgekommen sind. Sie verlangt auch so genannte Managementpläne, die fachliche Überwachung der Gebiete und alle sechs Jahre einen Rechenschaftsbericht. "Insgesamt läuft es jetzt ganz gut", findet Claus Mayr, Europaexperte des Naturschutzbundes (NABU), "aber nachdem die Länder schon die Meldung zwölf bis 14 Jahre verschleppt haben, werden jetzt noch einmal Jahre vergehen, bis es auch die dazu gehörigen Managementpläne gibt."

Ärgerlich sind aus Sicht des NABU vor allem die Querelen, die daraus erwachsen, dass Lokalpolitiker und -verwaltungen, die Richtlinie torpedieren, um lokale wirtschaftliche Interessen zu schützen. Beispielsweise klagt derzeit die Stadt Papenburg gegen die Ausweisung eines FFH-Gebietes an der Ems. Man findet, es sei nicht in Ordnung, dass allein naturschutzfachliche Gründe ausschlaggebend sein sollen, um ein FFH-Gebiet zu benennen, schließlich will man die Ems zu jeder Jahreszeit aufstauen und Schiffe aus der Meyer-Werft in die Nordsee überführen können.

Die Rücksichtnahme auf die menschlichen Nutzer und die davon abhängigen Gebietsgrenzen findet auch Matthias Schreiber, Umweltplaner und Naturschutzexperte, problematisch. "An vielen Stellen sind die Gebietsgrenzen fachlich falsch, weil von verschiedenen Seiten hineingepfuscht wurde und die Datenlage über viele Arten schlecht ist: Man weiß, dass sie vorkommen, mehr aber auch nicht." Lokale Interessen unterwandern das hohe Ziel vom europäischen Netzwerk der Naturschutzgebiete. "Es ist ein sehr gut durchdachtes System für den Naturschutz; das Beste, das wir je gehabt haben", urteilt Schreiber. "Aber es ist verheerend, was in der Praxis daraus gemacht wird."

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00:00 23.05.2008

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