Matschiger Apfel

1954 Vor 60 Jahren präsentiert US-Präsident Eisenhower die Domino-Theorie, um im Kalten Krieg Interventionen zu rechtfertigten. Die Welt wurde selten mechanischer erklärt
Matschiger Apfel
Dwight Eisenhower: Der freien Welt zeigen, wo der Feind wühlt

Foto: AFP/ Getty Images

Es war April 1954. In der US-Hitparade lag Pop-Star Jo Stafford vorn mit ihrem für damalige Verhältnisse eher riskanten Make Love to Me. Auf der New York Times-Bestsellerliste behauptete sich Pfarrer Norman Vincent Peale mit dem Lebenshilfebuch Die Kraft positiven Denkens. Im Fernsehen liefen Death Valley Days und Superman. Und im Kino berichtete die Wochenschau, Sicherheitsgurte im Auto würden Leben retten. Vizepräsident Richard Nixon gab sich überzeugt, die Wasserstoffbombe könne friedlichen Zwecken dienen. Unweit des nordvietnamesischen Ortes Dien Bien Phu, hieß es, tobe eine schwere Schlacht gegen die „Roten“. Gemeint war die von China unterstützte Unabhängigkeitsbewegung der Viet Minh, die gegen Frankreichs Indochina-Armee stand. Es sah schlecht aus für deren Elitekämpfer und Fremdenlegionäre. Die Festung ihres Korps lag unter scharfem Beschuss der Viet Minh, die Artilleriegeschütze zu Fuß, auf Fahrrädern und mit Lasttieren auf die Berge rings um die französische Stellung geschleppt hatten. Die musste durch Abwürfe aus der Luft versorgt werden. Das Trinkwasser wurde knapp, Verwundete konnten nur notdürftig versorgt werden.

In dieser Situation gab am 7. April – es war ein Mittwochvormittag – in Washington der Republikaner Dwight Eisenhower, Ex-General und US-Präsident seit 14 Monaten, eine Pressekonferenz vor fast 200 Reportern. Zur Sprache kam, ob die USA noch größere Wasserstoffbomben bauen würden (Eisenhower: „Nein“) und der von Konservativen als links verdächtigte CBS-Journalist Edward Murrow loyal und patriotisch sei (Eisenhower: „Für mich bleibt Murrow ein Freund“). Dann ging der Präsident mehrfach auf die bedrohliche Lage in Indochina ein. Worin denn die strategische Bedeutung der Region bestehe, wollte ein Journalist der Copley Press wissen, viele Menschen in den USA verstünden das vielleicht nicht. Eisenhower erteilte eine Nachhilfelektion und kam schließlich auf die Dominos zu sprechen. Erstens sei Indochina wichtig wegen seiner Rohstoffe, die von „der Welt“ gebraucht würden, etwa Wolfram und Zinn; dort stünden auch Kautschukplantagen. Überdies bestehe die Gefahr, dass in Vietnam „viele Menschen unter eine der freien Welt feindliche Diktatur“ fielen. Asien habe bereits „450 Millionen Menschen an die kommunistische Diktatur verloren“. Es gebe doch das Prinzip des fallenden Dominos, erläuterte Eisenhower, stoße man den ersten Stein in einer Reihe um, würden auch alle anderen sehr schnell fallen. Auf Asien angewandt, drohe der freien Welt „der Verlust Indochinas, Burmas, Thailands, Malaysias und Indonesiens“. Das konkrete Beispiel sorgte für die Theorie: Kippt ein Dominostein Richtung Kommunismus, dann reißt er den nächsten um, der wieder den nächsten und so weiter. Das Modell ließ wenig Raum für Grauzonen und komplexere Erklärungen der politischen Welt. Es offenbarte ein erstaunliches Stehvermögen, was bis heute anhält, obwohl die „rote Gefahr“ doch verschwunden ist.

Testfall Vietnam

In Washington hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Vorstellung festgesetzt, die Sowjetunion sei „aggressiv und suche die Expansion“. So erklärte der zuvor eher auf Verständigung bedachte Vizeaußenminister Dean Acheson im Februar 1947, als Präsident Harry S. Truman den Kongress um Zustimmung für Türkei- und Griechenland-Hilfen bat, man müsse handeln, weil diese Länder vom Kommunismus bedroht seien. Sollte Griechenland fallen, würde die Krise auch „Iran, Vorderasien, Ägypten und sogar Italien und Frankreich erfassen“, warnte Acheson; es sei wie bei „Äpfeln in einem Fass, die von einem faulen Apfel infiziert werden“, zitieren die Autoren Walter Isaacson und Evan Thomas den späteren Außenminister (1949–1953) in ihrem Buch The Wise Men.

Das Bild vom matschigen Apfel hat sich nicht durchgesetzt. Das von den Dominos war besser. Allein bei Vietnam. Die Präsidenten Lyndon B. Johnson (1963–1969) und Richard Nixon (1969–1974) konnten den Einsatz der US-Armee damit begründen; Johnson warnte – so der Historiker Stanley Karnow –, eine Niederlage in Vietnam würde gar die Strände von Waikiki im US-Bundesstaat Hawaii gefährden. So weit konnte Eisenhower 1954 noch nicht denken. Er stand vor der Frage, ob und wie die USA den eingeschlossenen französischen Einheiten in Dien Bien Phu beistehen würden. Der ehemalige General soll französische Befehlshaber bereits 1953 gewarnt haben, sie sollten sich nicht auf einen Kampf um die isolierte Festung einlassen. Die USA hatten bis dahin den Kolonialkrieg der Franzosen jahrelang finanziell unterstützt.

Es ging auch ums Image: In dem von Frankreich befreiten Indochina wollten sich die USA eigentlich als großer Freund in Szene setzen, nach dem Motto: Selber mal Kolonie gewesen. Aber wie sollte man das anstellen? Die Erinnerung an den unvorstellbar verheerenden Koreakrieg mit Millionen Toten, einschließlich 37.000 gefallener US-Soldaten, war noch sehr frisch. Dort gab es im Juli 1953 keinen Sieg, sondern einen Waffenstillstand. Eisenhower hatte ein Jahr zuvor bei seinem Wahlkampf versprochen, er werde die Schlacht um Korea beenden. Folglich zögerte er nun, sich in einen neuen, wiederum asiatischen Krieg hineinziehen lassen, es sei denn, die USA bekämen Unterstützung von Verbündeten. Doch nicht einmal Großbritannien war bereit: Die Regierung in London gewöhnte sich mühsam an die Realität, dass man nicht länger Kolonial- und Weltmacht war.

Im US-Oberkommando wurden Pläne entworfen, die französischen Truppen vielleicht mit Kernwaffen zu retten. Dass etliche Szenarien entwickelt wurden, belegen inzwischen freigegebene Geheimdokumente. Aber auch das gestaltete sich als schwierig. Wie würden China und die UdSSR reagieren? Eisenhower sprach sich dagegen aus: „Ich denke mit Sicherheit nicht, dass die Atombombe von den Vereinigten Staaten unilateral eingesetzt werden kann“, wird er zitiert. „Ihr Jungs müsst verrückt sein. Wir können diese schrecklichen Dinger nicht zweimal in weniger als zehn Jahren gegen Asiaten einsetzen. Mein Gott.“

Amerikaner folgen den Franzosen

Am 7. Mai 1954, einen Monat nach Eisenhowers Domino-Pressekonferenz, stürmten Viet-Minh-Einheiten den Stützpunkt Dien Bien Phu. US-Außenminister John Foster Dulles wollte den Schaden wenigstens verbal begrenzen und sprach von einem „heroischen Kampf“ der besiegten Verteidiger. Schon in der Vergangenheit seien nach verlorenen Schlachten oft große Siege errungen worden. Nicht einmal zehn Jahre später standen mehr als 10.000 US-Militärberater in Südvietnam. Und im Frühjahr 1965 landeten die ersten Kampftruppen zur Unterstützung der dortigen Regierung, während die US-Luftwaffe mit ihren Rolling-Thunder-Bombenangriffen auf den Norden begann. 1968 standen schließlich über eine halbe Million US-Soldaten in Indochina.

Dennoch hatten die Amerikaner nicht mehr Erfolg als die Franzosen. Im April 1975 nahmen nordvietnamesische Einheiten und der Vietcong, die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams, die Hauptstadt Saigon ein. Der Krieg sei vorbei, sagte Präsident Gerald Ford. Wie sich zeigte, fielen keine Dominosteine. Eigentlich hatte die Theorie jegliche Glaubwürdigkeit verloren. Doch in den achtziger Jahren häuften sich die Warnungen wieder. US-Streitkräfte „mussten“ die Karibikinsel Grenada einnehmen, die unter kubanischen Einfluss geraten sei. Ronald Reagan warnte, die Sandinistas in Nicaragua seien „mit dem Auto nur zwei Tage von Texas entfernt“.

Nützlich zur politischen Stimmungsmache waren Warnungen vor den fallenden Dominos allemal. Wie hätte man sonst begründet, warum kleine, oft arme und weit entfernte Länder eine Bedrohung für die USA und die „freie Welt“ darstellten? Heute hallt die Domino-Theorie nach bei Warnungen vor der radikalislamischen Gefahr. Oder die Dominos fallen in die andere Richtung: Mehr Demokratie in einem Land – glaubte einst George W. Bush, als er in den Irak einmarschierte – werde auch Nachbarstaaten anstecken.

06:00 16.04.2014
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