Maulkorb für Malalai

Frauen in Afghanistan Im Gespräch: Shahla Asad, Vorsitzende der Revolutionären Assoziation der Frauen Afghanistans (RAWA), über die neue Verfassung und fundamentalistisches Störfeuer gegen die gleichen Rechte von Männern und Frauen

FREITAG: Betrachten Sie die vorliegende afghanische Verfassung als Erfolg? SHAHLA ASAD: Das ist eine Frage des Standpunktes. Erst einmal wird sich am täglichen Leben unserer Frauen überhaupt nichts ändern. Die entscheidende Frage ist doch: wer sitzt in der Regierung und trägt dort Verantwortung. Leider ist es derzeit so, dass nach dem Sturz des Taleban die fundamentalistischen Gruppen der früheren Nordallianz an deren Stelle getreten sind. Es gibt eine kaum veränderte Situation - noch immer müssen die meisten Frauen die Burka tragen, noch immer ist es gefährlich für sie, Jobs anzunehmen, in die Schule oder auf die Straße zu gehen. Noch immer gibt es in verschiedenen Landesteilen Fälle von Kidnapping und Mord an Frauen.

Spielt es keine Rolle, dass in der neuen Verfassung gleiche Rechte für Frauen und Männer verbrieft sind?
Wichtiger wird sein, wie die fundamentalistischen Gruppen, die in der Regierung eine beträchtliche Rolle spielen, die Verfassung in der Realität achten.

Haben nicht auch die meisten Delegierten der Loya Jirga unter gleichen Rechten für Männer und Frauen etwas anderes verstanden als Sie?
Es gab mehr als 500 Delegierte, und die hatten natürlich unterschiedliche Ansichten. Aber die Mehrheit der stimmberechtigten Mitglieder der Loya Jirga sind von Warlords oder militärischen Führern der Nordallianz entsandt worden. Unsere Repräsentanten waren das auf keinen Fall.

Der Islam ist nun Staatsreligion, so steht es in der Verfassung. Welche Rolle wird künftig das islamische Recht - die Scharia - spielen?
Bevor 1992 die Nordallianz die Macht übernahm, war Afghanistan niemals offiziell ein islamischer Staat. Heute erleben wir, dass Afghanistan ein islamisches Land bleiben soll und die Scharia anwendet. Das heißt, die Fundamentalisten können die Religion als Waffe gegen die Frauenrechte in der Gesellschaft einsetzen, um ihren politischen Willen durchzusetzen.

Wie beurteilen Sie die in der Konstitution verankerte starke Position des Präsidenten?
Wir können eine Regierung aus Warlords und fundamentalistischen Gruppen nicht akzeptieren. Deshalb ziehen wir es vor, dass ein Präsident oder eine Präsidentin im Verhältnis zum Parlament über mehr Macht verfügt. Das mag nicht sehr demokratisch sein, aber wir haben das Gefühl, es ist das Einzige, was uns in naher Zukunft ein gewisses Maß an Stabilität verspricht.

Die Delegierte Malalai Joya hielt Mitte Dezember in der Loya Jirga eine scharfe Rede. Seitdem - so heißt es - stehe sie unter dem Schutz der Vereinten Nationen. Was hat es damit auf sich?
Schon zu Beginn der Verfassungsgebenden Versammlung wandte sich Malalai gegen die fundamentalistischen Kriminellen und forderte, sie für ihre Verbrechen zu bestrafen und zu verhindern, dass diese Leute jemals wieder Regierungsverantwortung übernehmen. Das ist nicht nur Malalais Meinung, sondern auch die vieler Frauen in Afghanistan. Wir konnten an den Reaktionen der Fundamentalisten sehen, Malalai würde die Loya Jirga verlassen müssen. Tatsächlich erhielt sie bis auf weiteres Redeverbot, und die internationale Gemeinschaft schwieg dazu. Es war das erste Mal, dass eine mutige Frau in einem solchen Gremium lautstark gegen die Fundamentalisten aufzutreten wagte.

Rechnen Sie noch 2004 mit Parlamentswahlen?
Das ist im Moment eher fraglich. Die Lage in Afghanistan ist instabil, so dass unklar ist, ob und wie die in der Verfassung verankerte Meinungs- und Redefreiheit umgesetzt wird. Viele Regionen außerhalb Kabuls stehen unter fundamentalistischer Kontrolle, auf die Zusammensetzung des Parlaments dürfte das nicht ohne Einfluss sein.

Werden prozentual ebenso viele Frauen im Parlament sitzen wie jetzt in der Loya Jirga, wenn die afghanischen Frauen ihr Wahlrecht ausüben?
Die Verfassung fordert gleiche Rechte für alle und gesteht folglich den Frauen das Wahlrecht zu. Ob das in der Praxis so sein wird, hängt davon ab, wie die Parteien, die das Sagen habe, das Thema behandeln. Es gibt Parteien und Interessensgruppen die sich für die Rechte der Frauen einsetzen, doch alles hängt von der Sicherheit im Alltag ab. Erst wenn die fundamentalistischen Kräfte den Menschen erlauben, in Frieden zu leben, werden wir uns auf die Entwicklung des politischen Bewusstseins konzentrieren können - und letztlich auch auf Wahlen und eine gewählte Regierung.

Also hängt alles davon ab, ob all jene, die Macht ausüben, die Menschenrechte so respektieren, wie die neue Verfassung das fordert.
So wie wir diese politischen Führer kennen, werden sie das niemals tun. Sie werden stattdessen die Religion dazu benutzen, um Menschenrechte einzuschränken. Ihre Einstellung gegenüber Frauenrechten und dem Verlangen nach einer säkularen Gesellschaft unterscheidet sich nicht von den Auffassungen der Taleban und der Nordallianz.

Das Gespräch führte Michael Liebler

RAWA wurde 1977 in Kabul von linken Intellektuellen gegründet, um für Frauenrechte und ein säkularisiertes Afghanistan zu kämpfen. RAWA-Aktivistinnen schmuggelten während der Taleban-Herrschaft Informationen und Bildmaterial ins Ausland. Derzeit arbeitet RAWA weiterhin verdeckt für Aufklärung und Frauenbildung.

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00:00 16.01.2004

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