Mausen und Hausen

Sorge Der Dokumentarfilm „Kedi“ erzählt von Katzen in Istanbul und Beziehungen zu Menschen, die sie schützen

Vor dem Schnurri-Overkill ist niemand gefeit. Diesen nervigen Anflügen von Katzen-Kater, die man auch als größter Tierfanatiker erleiden kann, wenn man hauptsächlich im Internet lebt und dort an manchen Tagen einfach von zu vielen Kätzchen umstrichen wird. Sie sind die unbestrittenen Totemtiere der Online-Menschen, daran werden all die Einhorn-Brigaden und Etsy-Eulen nichts ändern können.

Eine ganz neue, eigentlich natürlich total alte und erholsam extrem-analoge Sicht auf die Tiere bietet der Dokumentarfilm Kedi – Von Katzen und Menschen der Regisseurin Ceyda Torun. In den USA ist der 80-minütige Film über die Straßenkatzen von Istanbul bereits der dritterfolgreichste ausländische Kino-Dokumentarfilm aller Zeiten, in Deutschland kommt er jetzt in die Kinos. Und putzt auch hier die verschmierte Brille, durch die wir die memenhaft verzwirbelte Katzigkeit so oft sehen.

In Istanbul, sagt einer der namenlosen Erzähler und Erzählerinnen – in Kedi haben nur die porträtierten Katzen Namen –, ist eine Katze nicht nur eine Katze. Sie stehe „für Chaos, Kultur und Einzigartigkeit“ dieser Stadt: „Ohne Katzen würde Istanbul einen Teil seiner Seele verlieren.“ Tatsächlich wimmelt es in den winkligeren Stadtteilen, zwischen den Marktständen und verkastelten Lagerräumen nur so von den Tieren, und zwar in einer Vielfalt, die jeden Katzenspotter komplett schalou machen dürfte: Flauschvarianten mit eindeutigem Perser-Einschlag, abessinierschlanke Köpfchen, sogar norwegische Waldkatzen kann man zwischen ihnen ausmachen. Die Vorfahren kamen in den Tagen des Osmanischen Reichs als Rattenfänger auf den Handelsschiffen aus allen Teilen Europas in die Stadt am Bosporus.

Die Nachfahren leben heute immer noch in denselben Gassen, aber Kedi zeigt sie nicht als räudige Streuner, sondern als stolze, würdevolle Grenzgänger zwischen der wilden und der gezähmten Welt. Viele Katzen haben ihre menschlichen Andockstellen, vor allem aber leben sie hier offenbar frei vom Ballast menschlicher Zuschreibungen und Projektionen – nicht als tierische „I can has Cheezburger“-Ulknudel, nicht als Selbstbespiegelungsfläche ihres gerne kapriziösen Besitzers.

Noch mehr als all die höchst eleganten Katzenaufnahmen rühren im Film die Menschen, die sich um die Tiere kümmern. Die Schilder aufhängen, auf denen „Wer diese Katzennäpfe stiehlt, wird im nächsten Leben verdursten. Also Finger weg!“ steht und täglich mit prallen Plastiktüten voll gekochten Hühnerfleischs durch die Straßen gehen, um die wilderen Exemplare zu füttern. „Sie verbreiten positive Energie und absorbieren unsere negative Energie“, sagt jemand, und es klingt völlig plausibel und kein Stück esoterisch.

Die Menschen kümmern sich um die Katzen und umsorgen dabei eigentlich sich selbst, so erzählt es Ceyda Torun. Wie eine Freundschaft mit Außerirdischen sei das, sagt eine Frau, ein Mann schwärmt zärtlich von der groben Katze Psikopat, die sogar Pitbulls jagt. „Mein Therapeut sagt, ich heile meine Wunden, indem ich ihre heile“, sagt eine Katzenfreundin, die jeden Tag zehn Kilo Huhn für die Tiere kocht.

Was nacherzählt pathetisch und pompös klingt, entwickelt der Film in einfachen, hingetupften Szenen und so simplen Beziehungsminiaturen, die einen vor allem durch die völlige Abwesenheit von Zwang, Regeln und Beschränkungen berühren. Die Menschen in Kedi verlangen keine Gegenleistung von den Tieren, die sie füttern, das ist selten. „Jede Katze sucht sich ihren Menschen selbst aus“, sagt ein Cafébesitzer. „Gamsız hat viele Menschen. Aber ich bin sein wichtigster Mensch, die anderen sind nur Nebendarsteller.“ „Der Sorglose“, heißt der Name des Katers übersetzt, der frei durch sein Viertel strawanzen und bleiben darf, wo es ihm gefällt.

Offene Türen

Zumindest im Moment, denn für die Istanbuler Katzen wird es eng, wenn die Stadt sich verändert. Wo sollen sie hin, wenn neue Straßen und Bauten ihre Unterschlüpfe planieren? Im Haus, glauben ihre Freunde, würden sie nach und nach ihr ursprüngliches Wesen verlieren. „Man sollte sie nicht im Haus einsperren, um sie streicheln zu können“, sagt eine Frau. „Es gibt Millionen Katzen da draußen, die wir alle streicheln können.“

Vielleicht liegt in Worten wie diesen der wahre Grund, warum Kedi einen auch dann berührt, wenn man eigentlich kein besonders großer Katzenfan ist und ansonsten eher Hunde oder Molche bevorzugt: Weil die Beziehung zwischen diesen Katzen und diesen Menschen genau so eine ist, wie man sie sich selbst wünschen würde – dass da ein zärtlicher Umsorger ist, der einem trotzdem die Türe offen lässt.

Kedi – Von Katzen und Menschen Ceyda Torun Türkei/USA 2016, 79 Minuten

Anja Rützel hat Hund und einen Alpakaflüsterer-Kurs absolviert. Gerade ist ihr Tierbuch Saturday Night Biber bei S. Fischer erschienen

06:00 20.08.2017

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