Max Ballauf, das Wrack

Im Gespräch Der „Tatort“ wird 40 Jahre alt. François P. Werner, der seit 13 Jahren eine Fan-Page betreibt, ist sein größter Fan. Eine Vernehmung über den Sonntagabend um 20.15 Uhr

Der Freitag: Herr Werner, heute ist Sonntag. Sie hatten vorgeschlagen, dass wir das Interview auf 20.15 Uhr legen. Wollen Sie keinen „Tatort“ schauen?

François P. Werner: Nein, den habe ich ja schon gesehen. Die Sender schicken mir die Folgen vorher. Eigentlich ist der Sendetermin sonntagabends der einzige Zeitpunkt, an dem bei mir Ruhe ist. Da kommen keine Anfragen von Nutzern, die sitzen ja alle vor dem Tatort. Wenn es ein guter Tatort ist, dann schaue ich mir den meistens auch noch live an. Um trotzdem das Sonntagabendgefühl zu haben.

Und den heute auch?

Nein, der ist nicht so mein Geschmack.

Was ist denn Ihr Geschmack?

Ich mag klassische „Whodunits“, schlichte Verbrechergeschichten mit viel Polizeiarbeit. Aber auch die Folgen, die eher als gesellschaftskritischer Fernsehfilm daherkommen oder in denen der Täter bekannt ist und die Spannung dadurch entsteht, wie der Ermittler den Fall löst.

Die DVDs bekomme ich seit etwa vier Jahren. Das erleichtert uns die Arbeit, weil wir die Filme besprechen und anders ankündigen können. Und die Sender haben etwas davon: Wir haben im Monat rund 120.000 Besucher auf der Seite, sonntags und montags sind es zwischen 6.000 und 8.000. Allein ist das nicht zu schaffen, ich habe sieben Mitarbeiter, die das Projekt ehrenamtlich unterstützen.

Der Zähler auf Ihrer Homepage zeigt an: Bislang wurden 792 verschiedene Folgen gesendet. Haben Sie die alle?

Ich habe sie sogar alle gesehen! Im Januar 2001 kam die letzte dazu, die mir von den alten noch fehlte, zum Glück kommen ja dauernd Wiederholungen, so konnte ich viele aufzeichnen. Immer wenn ich einen neuen sehe, überlege ich: Gab’s das Thema, das Milieu, die Besetzung schon mal?

Was fällt Ihnen auf?

Es gibt immer wieder Redundanzen. Letzte Woche Sonntag, nächste Woche Sonntag und dann zwei Wochen später wieder taucht der gleiche Schauspieler auf. Oder nehmen Sie die Titel: Der heute heißt Unsterblich schön, in ein paar Wochen läuft einer namens Schön ist anders, im Januar kommt dann Der schöne Schein: nicht sehr originell. Das gleiche gibt es auch bei Themen, vor zwei Jahren liefen dicht hintereinander viele Folgen, die im Migranten-Milieu spielten, aktuell werden gleich zwei Fußball-Tatorte gedreht. Das ist das Unglückliche an der föderalen ARD-Planung: So etwas fällt dort wenigen auf.

Rufen die verantwortlichen Redakteure an und fragen um Rat?

Zu einigen habe ich mittlerweile einen guten Draht, auch zu den Pressestellen. Man spricht vielleicht mal darüber, welche Folge wegen eklatanter Produktionsmängel in den Giftschrank sollte, eine Pressefrau schickte einmal eine Pressemappe anlässlich eines großen Ermittler-Jubiläums – sie wollte wissen, ob alles stimmt. Aber viel häufiger melden sich Drehbuchautoren. Einer bemerkte neulich dank unserer Wiederholungsliste, dass er für die Wiederholung eines seiner Tatorte kein Honorar bekommen hatte. Zum Dank hat er mir eine Flasche Sekt geschickt.

Wie hat sich der „Tatort“ in den 40 Jahren seit der ersten Folge denn gewandelt?

Abgesehen davon, dass früher viel langsamer erzählt wurde, es keine schnellen Schnitte gab wie heute, ist die größte Veränderung sicher, dass die Ermittlerfigur an Bedeutung gewonnen hat. In den sieb­ziger Jahren stand die Geschichte der Tat im Vordergrund: Der Ermittler erschien auf dem Plan, stellte ein paar Fragen, der Täter wurde gefasst, fertig war die Laube. Heute haben die meisten Ermittler ein fürchterlich ausgeprägtes Familienleben. Der Fall, heißt es, solle über den Ermittler erzählt werden, sie sind oft selbst betroffen. So ein Blödsinn! Haferkamp war nicht ständig betroffen und hat als Figur funktioniert.

Über welchen Kommissar regen Sie sich besonders auf?

Nehmen Sie Max Ballauf in Köln, der von Klaus J. Behrendt gespielt wird: In einer Phase sind bei ihm ständig neue Ex-Freundinnen aufgetaucht, die dann in den Fall verwickelt waren. Dann wurde sein Vater erschossen und seine Mutter starb im Altersheim. Der Mann müsste als Wrack herumlaufen.

Es widerspricht einer der Goldenen Regeln, die Gunther Witte, der Erfinder des Tatort, damals formuliert hat. Das „Witte-Papier“ ist heute noch die Grundlage aller Konzept-Gespräche in den ARD-Gremien. Einer der wesentlichen Punkte war: Die Geschichte muss auch im wirklichen Leben möglich sein. So wie beim Tatort-Vorgänger Stahlnetz auch, die Filme basierten alle auf wahren Begebenheiten.

Eine andere Regel lautet: Der erste Mord muss in den ersten zehn Minuten geschehen. Welche gibt es denn noch?

Der Mörder muss gefasst werden. Und für den Zuschauer solle klar sein, was gut und was böse ist. Aber diese Regeln werden oft gebrochen. In einem Tatort aus den achtziger Jahren taucht der erste Tote erst in der 80. Minute auf. Und bei Schimanski, den viele für den besten Kommissar halten, war oft nicht klar, auf welcher Seite er eigentlich stand. Bei den Frankfurter Folgen mit dem Duo Fritz Dellwo und Charlotte Sänger spielte man mit diesen Vorgaben. Es gab Fälle, bei denen der Mörder zwar gefasst wurde, aber ein mulmiges Gefühl blieb. Man arbeitete mit Rückblenden, Zeitsprüngen, das irritierte.

Muss ein „Tatort“ 90 Minuten lang sein?

Das steht erst seit Mitte der neunziger als Regel fest. Der längste dauerte 119 Minuten, der kürzeste 56 – das änderte sich erst, als die ARD in den 90ern ein festes Programmschema etablierte.

Wenn Sie so viele alte „Tatorte“ kennen: welcher war Ihr erster?

Ich kann mich nur an die Vorspann- und Abspannmusik erinnern, auch wenn der Tatort in unserer Familie sonntagabends dazu gehörte. Ich weiß noch, dass die Bild-Zeitung in den achtziger Jahren sonntags immer den Schimanski-Tatort angekündigt hat. Und nachzählte, wie oft er in dieser Folge wieder „Scheiße“ sagt. Dafür erinnere ich mich an die Krimis aus dem Vorabendprogramm, Matlock oder SOKO 5113. Ich schaue bis heute eigentlich alle Fernsehkrimis.

Und was ist das Besondere am „Tatort“ im Vergleich dazu?

Es ist ein „Länderspiegel mit Leichen“. Die Reihe ist so vielfältig, man lernt etwas über andere Regionen in Deutschland. Das fängt beim Dialekt an, ganz zu schweigen von den alten Folgen, in denen man sieht, wie die Menschen sich einst gekleidet haben, was für Probleme sie hatten. Und natürlich kann man in 90 Minuten tiefer gehen als im üblichen 60-Minuten-Standard anderer Krimiformate. Da reicht es dann gerade einmal für die Frage: „Wo waren Sie gestern abend?“, und schon ist der Täter überführt.

Dafür gibt es immer mehr Ermittler. Demnächst soll Kommissar Kluftinger im Allgäu zum „Tatort“-Kommissar werden – eine Figur, die als Krimiromanheld bekannt ist. Gibt es eine Grenze?

Definitiv. Bei uns im Forum heißt es immer wieder „Ach nee, noch ein neuer Ermittler, jetzt reicht es langsam“. Früher hatte jeder Sender ein Team, heute gibt es den Trend zum Zweitermittler. Derzeit laufen etwa 35 Folgen pro Jahr, anfangs waren es etwa zwölf. Das macht es heute schwieriger, die Figuren voneinander abzugrenzen, manchmal hat man den Eindruck, es ist Fließbandarbeit. Früher gab es nicht nur Ermittler aus der Mordkommission – es gab Zollfahnder, Ermittler, die im Raub- oder Betrugsdezernat arbeiteten oder beim MAD, dem Militärischen Abschirmdienst. Der verdeckte Ermittler in Hamburg, Cenk Batu, ist eine wohltuende Ausnahme. Kurz: Ich finde es toll, dass Kluftinger kommt.

Obwohl er eine Romanfigur ist?

Deswegen! Er wurde als Figur herausgearbeitet, hat Ecken und Kanten. Er ist eine Marke, hat eine Fangemeinde. Übrigens nicht das erste Mal, dass es einen Ermittler zuerst als Romanfigur gab, das war schon beim allerersten der Fall: Kommissar Trimmel stammt aus den Büchern von Friedhelm Werremeier. Ins Fernsehen kam er, weil damals alles schnell gehen musste, weil die ZDF-Krimi-Reihe Der Kommissar so erfolgreich war.

Sie zählen sogar, wie viele Sekunden Tatort es insgesamt gibt, nämlich 4,2 Millionen derzeit. Haben Sie nicht irgendwann genug?

Nein, das ist eine „never-ending story“, ich möchte diese komplexe Fernsehreihe adäquat abbilden. Neulich war ich im historischen Bildarchiv des SWR in Baden-Baden. Was ich da alles an Photos zu Tage gefördert habe, alte Pressemitteilungen, Produktionsnotizen – das war das reinste Glücksgefühl! Irgendjemand muss diesen Schatz heben.


Eine Kritik des jeweils aktuellen "Tatort" finden Sie im Anschluss an die Ausstrahlung immer um 21.45 Uhr auf freitag.de

Anne Haeming lebt als freie Journalistin in Berlin. Sonntagabend um 20.15 Uhr möchte sie nicht gestört werden. Auch wenn Polizeiruf 110 läuft

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16:30 28.11.2010

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