Medialer Untergang

Heldenepos und Götterdämmerung Stalingrad ist Anknüpfungspunkt unzähliger Mythen - mit der Wirklichkeit haben sie meist wenig zu tun

Im Frühjahr 1942 war der oberste Befehlshaber der Wehrmacht, Adolf Hitler, angesichts der Abwehrerfolge im Winterkrieg gegen die Rote Armee wieder zuversichtlich. Nunmehr sollten nicht, wie noch zu Beginn des Unternehmens Barbarossa im Juni 41, entlang der ganzen Front Angriffe geführt werden, sondern, neben der Eroberung des belagerten Leningrad, lediglich im Bereich der Heeresgruppe Süd, mit dem Vorstoß in den Kaukasus und zu den Erdölgebieten um Maikop und Grosny. Eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür war die Ausschaltung des Rüstungs- und Verkehrszentrums Stalingrad.

Nicht nur auf Hitler übte die Stadt mit dem Namen seines großen Rivalen eine geradezu magische Anziehungskraft aus. Auch für die russische Revolution war Stalingrad ein mythischer Ort. Hier hatte Stalin als Politischer Kommissar unweit des damaligen Zarizyn im Jahre 1919 an einer der größten Schlachten der jungen Roten Armee gegen die Truppen des "weißen" Generals Denikin teilgenommen. In der Folge hatte er sich nicht damit begnügt, der Stadt 1925 seinen Namen zu geben. Er machte aus Stalingrad im Laufe der ersten Fünfjahrespläne ein riesiges Industriezentrum, Umschlagplatz an der Wolga und Experimentierfeld eines revolutionären Urbanismus.

Mit der Weisung Nr. 41, betitelt Operation Blau, wurden im April 1942 die Richtlinien für die bevorstehende deutsche Sommeroffensive ausgegeben. Zunächst lief sie sehr erfolgreich und machte den Weg in den Kaukasus und Richtung Stalingrad frei. Doch entgegen dem bisher praktizierten rücksichtslosen Einsatz von Menschen und Material zog sich die Rote Armee diesmal in taktischer Weise zurück. Voller Ungeduld entschloss sich Hitler, die zwei letzten Phasen der Gesamtoperation, den Angriff gegen die Wolga bei Stalingrad und den Vorstoß in den Kaukasus, nicht wie ursprünglich vorgesehen hintereinander geschaltet, sondern zeitlich parallel zueinander durchzuführen. Dafür waren die eingesetzten Kräfte aber einfach zu schwach.

Ab September war die auf Stalingrad angesetzte 6. Armee endgültig zum Stillstand gekommen. Mit Panzern und Flugzeugen war der Zweite Weltkrieg zunächst ein Bewegungskrieg mit weiten operativen Zielen und großen räumlichen Verschiebungen. Aber je länger der Krieg im Osten dauerte, umso mehr wurde er wieder zum Abnutzungs- und Materialkrieg, mit Hekatomben von Toten für minimale Frontverschiebungen. In Stalingrad hatte der Krieg endgültig die weite Steppe gegen städtische Industrieviertel getauscht. Er tobte jetzt in einer von Fabrikhallen, Betonklötzen, Eisenträgern und Steinen übersäten Kraterlandschaft. Der Generalstab zählte Geländegewinne nicht mehr nach Kilometern, sondern nach einzelnen Gebäuden, im Hauptquartier hing nur noch eine einzige Karte - die der Stadt Stalingrad.

Ende Oktober schien der Erfolg der 6. Armee greifbar, aber die russischen Truppen hielten noch immer einen kleinen Teil des linken Wolgaufers. Horrende Verluste von Menschen und Material ließen die deutschen Sturmtruppen und Pioniere scheitern. Am 19. November begann schließlich eine sorgfältig vorbereitete russische Gegenoffensive, die einen Ring um die 6. Armee des Generalobersten Paulus schloss. Görings Versprechen an Hitler, 300.000 Soldaten aus der Luft zu versorgen, blieb unhaltbar. Der Kessel von Stalingrad wurde von da an zum Symbol eines aussichtslosen und selbstmörderischen Ringens.

Mythos

Keine Schlacht des Zweiten Weltkrieges hat sich tiefer in das Gedächtnis der Nachwelt eingeschrieben als die in Stalingrad. Die Zahl der Opfer und die Heftigkeit der Kämpfe allein kann nicht der Grund dafür sein; es folgten verlustreichere Schlachten, wie etwa 1944 der Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte. Der außergewöhnliche Stellenwert von Stalingrad besteht darin, dass dieses Ereignis einen Wendepunkt im Bewusstsein der Deutschen und ihrer Verbündeten darstellt. Ein Erwachen aus den Phantasien der eigenen Überlegenheit und der bis dorthin gläubigen Gefolgschaft. Die Berichte des geheimen Sicherheitsdienstes (SD) der SS nach dem Untergang der 6. Armee zeigen einen radikalen Stimmungsumschwung in der Bevölkerung. Der Glaube an den Endsieg wandelte sich nach Stalingrad in die Angst vor der drohenden Niederlage. Diese Angst führte zu einer verbissenen Fortsetzung eines längst verlorenen Krieges.

Noch während die Soldaten im Kessel von Stalingrad kämpften, versuchte die nationalsozialistische Führung das Ereignis für sich zu nutzen. Nach einer Phase des Verschweigens und der Nachrichtensperre begann die Mythologisierung des Kampfes an der Wolga. Das Ringen um jeden Meter Boden in einer aussichtslosen Lage war die ideale Voraussetzung für ein Heldendrama gigantischen Ausmaßes, in dem das Sterben einen transzendenten Sinn erhielt. Die Goebbelssche Propaganda verwandelte sich von den vorherigen Durchhalteparolen zum Gestus des heroischen Opfers. "Sie starben, damit Deutschland lebe", titelte der Völkische Beobachter nach dem Ende der Kämpfe Anfang Februar 1943.

Die Soldaten der 6. Armee waren vielleicht die ersten, die ihren eigenen Untergang medial miterleben konnten, bevor er tatsächlich eintrat. Am 30. Januar 1943, zum zehnten Jahrestag der "Machtergreifung", konnten die Eingeschlossenen ihre Grabesrede über Funk live mithören. In Görings Rede - Hitler hatte aus verständlichen Gründen abgesagt - wurde Stalingrad mit dem Kampf der Spartaner am Thermopylenpass und der Schlacht der Nibelungen am Hofe Etzels verglichen. Beides Untergangsmythen, von denen eine dunkle Faszination des Opfers ausgeht. Stalingrad war in dieser Hinsicht Ausdruck für die Irrationalität und die Radikalität des Durchhaltens um jeden Preis. In der propagandistischen Aufarbeitung der Stalingradschlacht wiederholte sich die vollkommene Übersteigerung des soldatischen Kampfes um seiner selbst willen, eine Figur, die bereits nach dem Ersten Weltkrieg als Verarbeitung der Niederlage eingeführt wurde. "Nicht wofür wir kämpfen, sondern wie wir kämpfen ist entscheidend" - schrieb etwa Ernst Jünger, der bekannteste Repräsentant des soldatischen Nationalismus.

Dieser von aller Wirklichkeit losgelöste lebensphilosophische Aktivismus kulminiert in der Gegenüberstellung eines "höheren Prinzips" des Deutschen mit dem "Massenmenschen" des Ostens. In der Zeitschrift Das Reich wird der Antagonismus von Metaphysik und Materialismus am 11. Januar 1943 unter dem Titel Feuerzeichen Stalingrad auf den Punkt gebracht: "Die Welt des Bolschewismus ist ohne Mitleid. Wer ihr begegnet, schaut ins gorgonische Antlitz. In diesem Zeichen auf dem roten Tuch ist nichts Ewiges, nichts Metaphysisches, nichts Übersinnliches mehr enthalten, kein Göttliches und Übermenschliches mehr. Es sind die Fabrikmarken nur noch fabrizierender Menschen, die sich mit ihren Fabrikaten in den Tod stürzen."

Obwohl der Bolschewismus in der Propaganda nun den zentralen Platz einnimmt und ganz Europa zum Abwehrkampf aufgefordert wird - die für das NS-Regime hinter allem stehende Kraft wird stets betont: "Das Ziel des Bolschewismus ist die Weltrevolution der Juden!" In dem Maße, wie der Kampf im Osten, als Vernichtungskrieg konzipiert, an Härte und Aussichtslosigkeit zunimmt, verschärft sich nochmals die ideologische Komponente des Antisemitismus. In der Verbindung von existenziellem Rassenkampf und dem historischen Verweis auf mythologische Vorbilder sollte nicht nur die ins Stocken geratene Kriegsmaschine, sondern die ganze deutsche Gesellschaft noch stärker als bisher für die Kriegführung mobilisiert werden. "Stalingrad war und ist", wie Goebbels in seiner berühmten Sportpalastrede am 18. Februar 1943 ausführte, "der große Alarmruf des Schicksals an die deutsche Nation." Endlich war die Gelegenheit da, den von ihm schon lange geforderten "totalen Krieg" auch politisch durchzusetzen.

Wirklichkeit

Tatsächlich blieben Goebbels Forderungen: Frauenarbeitspflicht, Auflösung kriegsunwichtiger Unternehmen, restlose Unterordnung des zivilen Lebens unter militärische Erfordernisse weitgehend Rhetorik. Hitler scheute die damit verbundene Gefahr für die Stimmung in der Bevölkerung. Nachdem man jahrelang suggeriert hatte, der Krieg sei gewonnen, aber noch nicht beendet, geriet man in Erklärungsnot. Insgesamt konnte eine langsame Erosion der politischen Loyalität nach Stalingrad nicht aufgehalten werden. Alle Versuche der Propaganda, dem Opfer der 300.000 Soldaten einen Sinn zu geben, konnten daran nichts ändern,p und insbesondere die neutralen Mächte beziehungsweise die mit dem deutschen Reich verbündeten Staaten reagierten mehr oder weniger mit einer Hinwendung zu den Alliierten.

Auf Seiten der Sowjetunion hatte die Schlacht um Stalingrad die weitreichendsten Folgen. Sie war nun endgültig in den Kreis der Großen Drei als gleichberechtigter Partner aufgenommen. Churchill überreichte Stalin während der Konferenz in Jalta ein Ehrenschwert für die Verteidiger von Stalingrad, eine Geste, die den Diktator zu Tränen rührte. Die Tatsache eines ersten großen Sieges über die deutsche Wehrmacht stärkte die Zuversicht und das Selbstvertrauen der Roten Armee ungemein. Von da an war sie praktisch nur noch in der Offensive. Stalin dachte aber nach der siegreichen Schlacht bereits an die Ausdehnung seines eigenen Machtbereichs. Wenn man intentionalistisch an einem einzelnen Ereignis entlang denken will, dann war Stalingrad der Ausgangspunkt für die Neuordnung der Welt nach 1945, oder noch weiter in die neuere deutsche Geschichte gedacht: "Stalingrad war eigentlich das Ende der DDR" (Heiner Müller), also Geburt und vorweggenommener Tod einer historischen Epoche.

Der Name der 1961 in Wolgograd umbenannten Stadt, blieb auch nach dem Untergang des Dritten Reiches Anknüpfungspunkt unzähliger Mythen. Mit der Wirklichkeit haben sie meist wenig zu tun. So hat Stalingrad den Zweiten Weltkrieg nicht entschieden, wenn es überhaupt eine Chance für Hitler gab, dann war sie bereits im Winter 1941 vor Moskau verspielt. Es waren auch nicht die verbündeten Truppen der Rumänen, Italiener und Ungarn alleine schuld an der Katastrophe der Einkesselung. Die Soldaten der 6. Armee waren bei der Kapitulation schon so gut wie verhungert und starben nicht nur als Folge der russischen Kriegsgefangenschaft. Die 6. Armee war nicht nur Opfer, sie war auch Speerspitze des Vernichtungskrieges im Osten gegen "Bolschewismus und Judentum", wie die umstrittene Wehrmachtsausstellung zeigt. Die Verkehrung und Ununterscheidbarkeit von Täter und Opfer erreicht in der Stalingradschlacht eine verwirrende Dimension. Auch heute wird vielfach noch von der heldenhaften Verteidigung Stalingrads durch deutsche Truppen gesprochen - Tausende Kilometer von der Heimat entfernt, "in einer Weltgegend, an einem Flussufer, an dem keiner dieser Menschen etwas zu suchen hatte", so Alexander Kluge in seiner Schlachtbeschreibung.

Das Scheitern der Lebensraumkonzeption im Osten und die Hybris der nationalsozialistischen Expansion hat in Stalingrad seinen militärischen Umschlagspunkt gefunden. So wie Auschwitz den Genozid, symbolisiert Stalingrad die innerste Essenz eines Vernichtungskrieges, der in die Selbstvernichtung führte. Zweieinhalb Jahre mit Millionen von Toten werden auf Stalingrad noch folgen.

00:00 15.11.2002
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