Medien, Mörder, Märtyrer

US-Terror Die Ermordung des Wachmanns Stephen Johns im Washingtoner Holocaust-Museum hat in den USA einen Debatte über die politischen Paten rechtsextremer Fanatiker ausgelöst

Machen konservative Medien in den USA gemeinsame Sache mit hausgemachten rechtsextremen Terroristen? Haben Hasstiraden rechter Talkshowmaster Anti-Abtreibungsfanatiker und Rassisten zu Mordtaten animiert? Nicht nur linke Blogger auch Mainstream-Medien wie die New York Times sehen fließende Grenzen “zwischen Mainstream-Konservativismus und rechtsextremen Fanatikern”. Schon im April warnte ein – noch von der Regierung Bush in Auftrag gegebener – Report des Heimatschutzministeriums vor wachsender Bedrohung durch rechtsextreme Gruppen. Darin heißt es unter anderem: “Das Heimatschutzministerium kommt zu dem Schluss, dass rechtsextreme Einzeltäter die bedeutendste einheimische terroristische Bedrohung darstellen und wegen ihrer Unauffälligkeit und Autonomie schwer zu finden sind. Gefährlich können vor allem Extremisten werden, die sich gegen einzelne Themen wie Abtreibung oder Einwanderung wenden. In Zeiten der Wirtschaftskrise kann auch die Endzeitstimmung verstärkt werden, die christliche und andere Fanatiker radikalisiert.”

Der interne, über konservative Websites an die Öffentlichkeit gelangte Report stößt bei konservativen Politikern in Washington auf lautstarke Empörung. Sie fühlen sich übel verleumdet. Der republikanische Parteivorsitzende Michael Steele bezeichnete den Bericht als “zutiefst beleidigend”. ”Die wahren Terroristen sitzen meines Erachtens im Heimatschutzministerium”, wütete die für groteske Ausfälle bekannte Abgeordnete Michelle Bachmann aus Minnesota. Die tödlichen Schüsse auf den Abtreibungsarzt Dr. George Tiller und die Ermordung des schwarzen Wachmanns Stephen Johns im Wahingtoner Holocaust Museum haben die Analyse des Regierungsreports jedoch bestätigt. Das heizt die in den Medien jetzt hochschwappende Kulturkampfstimmung weiter an. Linke Moderatoren des Kanals MSNBC und Online-Magazine wie Mother Jones und salon.com ziehen eine direkte Verbindung zwischen dem Mord an Dr. Tiller und der militanten Rhetorik im Murdoch Nachrichtensender Fox-News. Fox-Moderator Bill O’Reilly habe sein Publikum seit Jahren systematisch gegen den legal operierenden Abtreibungsarzt Tiller aufgehetzt, O’Reilly Zitate sind unschwer zu finden: „Im US-Bundesstaat Kansas gibt es einen Arzt, George Tiller, der für 5.000 Dollar Babies hinrichtet... Tiller hat Tausende und Abertausende von Föten in der fortgeschrittenen Schwangerschaft ohne Erklärung getötet... Keine Frage, an Dr. Tillers Händen klebt Blut... Wenn wir dies zulassen, wird Amerika kein nobles Volk mehr sein.“


Keine Frage, seit Barack Obamas Wahl zum Präsidenten haben sich die rechten Medien in rasantem Tempo zum Sprachrohr des extremen rechten Randes entwickelt. Das vom Ku-Klux-Klan gezeugte White Power Movement fühlt sich bei Fox gut vertreten, und illegale Milizen – deren Zahl in diesem Jahr auf rund 1.000 gestiegen ist – sehen sich bei Fox News als Märtyrer gefeiert. Ob dem moderaten Teil der republikanischen Partei die brutale Radikalisierung peinlich ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Dort herrscht das große Schweigen. Kaum einer traut sich, Rush Limbaugh und Konsorten zu verprellen – bei den nächsten Kongresswahlen könnte sich das bitter rächen. Polizei und Justiz werfen dabei oft mehr Fragen auf, als sie beantworten. Scott Röder, der Mörder von Dr. Tiller, darf Interviews aus dem Gefängnis geben, weitere Morde ankündigen und sich über die Kälte in der Zelle beschweren. Schlafen könne er nicht so gut. Der Gefängnisdirektor in gibt sich gekränkt.

Der 88-jährige Hardcore-Antisemit von Brunn war vorbestraft, doch durfte er seine Waffen offenbar behalten. Es handele sich bei von Brunn höchstwahrscheinlich um einen Einzeltäter, heißt es in den Ermittlungsberichten. Kein Wort über die entlarvende website von Brunns und seinen Verbindungen zu anderen Suprematisten. Die Frage lautet: Sind nun die Mörder von Brunn und Scott Röder Terroristen? Hausgemachte Terroristen? In den Mainstream-Medien fällt das T-Wort nie. Was wäre wohl passiert, hätte es sich bei von Brunn um einen aus Arabien oder Nordafrika stammenden Amerikaner gehandelt? Hätte ein Mann wie Röder nicht die Bibel, sondern den Koran hochgehalten?


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11:00 21.06.2009

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