Karl Lauterbachs seriöser Gegner

Medizin Steffen Rabe ist Kinderarzt – und scharfer Kritiker der deutschen Corona-Politik. Talkshows laden ihn lieber aus

Hausbesuch bei einem Arzt, der sich „Der Rabendoktor“ nennt und seit Ausbruch der Pandemie so etwas wie der Gegenentwurf zum neuen Gesundheitsminister ist. Während Karl Lauterbach mit seinen täglichen Worst-Case-Szenarien in Pressekonferenzen, Talkshows und Interviews das Corona-Narrativ in diesem Land geprägt hat, erzählt der Münchner Kinderarzt Steffen Rabe eine andere, eine „hysteriefreie Geschichte der Pandemie“, wie er sagt. Auch deshalb gilt er als einer der schärfsten Kritiker des politischen Corona-Managements.

Je umstrittener die Maßnahmen, desto mehr Menschen stolpern auf der Suche nach einer plausiblen Erklärung über seinen Blog, der inzwischen über drei Millionen Aufrufe verzeichnet. Kein Telegram-Geschwurbel, keine alternativen Wahrheiten, Rabe verlinkt und kommentiert wissenschaftliche Artikel sowie Studien und macht damit die Widersprüche zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und politischer Maßnahme kenntlich. Er hat seinen Blog „Coronoia“ genannt, ein Wortspiel aus Corona und Paranoia, für die er in weiten Teilen Karl Lauterbach verantwortlich macht, den er einen „Vollblutalarmisten“ nennt. „Dafür ist er in den Talkshows gecastet worden, jetzt ist er da, wo er immer hinwollte“, sagt Rabe. Als Gesundheitsminister hält er Lauterbach für eine „Fehlbesetzung“.

Dr. Steffen Rabe, 57, ist seit 1996 niedergelassener Kinder- und Jugendarzt im Westen von München. Ein Virenpraktiker mit mehr als 25 Jahren Erfahrung also. In seiner Praxis kombiniert er klassische Schulmedizin mit Homöopathie, als Vorstandssprecher des Vereins „Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung“ ist er seit Jahren ein deutschlandweit bekannter Impfkritiker und Mahner gegen jede Form der Impfpflicht. Er kenne alle Vorwürfe gegen sich, räumt Rabe ein – „beim Impfen reitet er auf der Evidenz herum, und dann macht er Homöopathie, das ist doch nicht glaubwürdig“. In seiner Praxis führe er Evidenz und Erfahrung zusammen. Rabe verweist auf die drei Kriterien evidenzbasierter Medizin: die besten Studien aus dem Lancet und anderen renommierten Fachzeitschriften, die beste Erfahrung des Arztes und die Frage: Was will der Patient? Sein gelassener Umgang mit dem Virus irritiere auch manchen Patienten, das gibt er offen zu, nach dem Motto: „Der nimmt das nicht ernst genug.“ Tatsächlich habe er seit der Pandemie einen Patientenzulauf wie nie zuvor, sagt der Arzt.

Vorgespräch bei Markus Lanz

Wenn in Tagesthemen und Talkshows Corona in Endlosschleife und mit Endzeitstimmung diskutiert wird, liegt der Rabendoktor schon lange im Bett. „Drei Talkshows geschaut, und man zweifelt an seiner Realitätswahrnehmung“, spottet Rabe. „Ich lese die Primärliteratur.“ Damit meint er die großen internationalen Studien, die zu Corona erscheinen.

Rabe, groß und drahtig, steht morgens um vier Uhr auf, anschließend meditiert er eine Stunde, ohne eine gute Work-Life-Balance hätte er die vergangenen zwei Jahre kaum unbeschadet überstanden. Was macht es mit einem Arzt, der so viele Jahre erfolgreich praktiziert hat, wenn er feststellen muss, dass sich seine Expertise vom allgemeinen Mantra in Politik und Gesellschaft derart fundamental unterscheidet? Seinen Blog habe er im März 2020 vor allem deshalb begonnen, weil ihm von Anfang an der „breite, konstruktive, kritische wissenschaftliche Diskurs“ gefehlt habe, so der Kinderarzt. „Die Politik gab vor, der Wissenschaft zu folgen, aber die Wissenschaft war der Labormediziner Christian Drosten. Man hat sich Berater geholt, die die eigene Meinung gespiegelt haben. Physiker vor allem, die Modellierungen nach Wunsch machen können, um die politisch gewollten Schreckens- und Angstszenarien begründen zu können.“ Rabe ist ratlos, warum hochkarätige Experten wie der Medizinstatistiker Gerd Antes, der langjährige Epidemiologe der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Klaus Stöhr oder der ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Matthias Schrappe, mit seinem interdisziplinären Forscherteam konsequent ausgeblendet worden seien. Auch Rabe ist ein gutes Beispiel dafür, wie Kritiker des Regierungsnarrativs in der Öffentlichkeit marginalisiert wurden. Zu Beginn der Pandemie hätten ihn Markus Lanz oder Hart aber Fair als Gast angefragt, es gab Vorgespräche, konkrete Sendedaten, alles schien klar, dann die kurzfristige „Wir haben umdisponiert“-Absage.

Rabe ist über alle Maßen selbstbewusst, auch er kommt nicht ohne die Besserwisser-Attitüde aus, vermutlich gefällt er sich sogar darin, wenn er polemisch den „Lauterbock zum Gärtner“ macht: „Ich bin a) respektlos und b) kompetent. Man kann mich nicht als dummen Impfleugner casten. In den jeweiligen Sendungen wurde die Position, die kompetent und kritisch ist, dann gar nicht besetzt.“ Also hat er seinen Blog mit etlichen hundert Einträgen zu einer Art Gegenöffentlichkeit in Sachen Corona ausgebaut. Die öffentliche Meinung und den wissenschaftlichen Diskurs hat er damit nicht beeinflussen können. Heute gehe es ihm vor allem darum, den Menschen, die wie er hadern, etwas an die Hand zu geben, ihre Resilienz zu stärken. Die psychosoziale Verzweiflung der Menschen, die zu ihm in die Praxis kommen, sei gewaltig. Einige seiner Patienten seien schon ausgewandert, erklärt der Arzt. Dass er spätestens seit der Aktion mit dem Titel #allesaufdentisch (der Freitag 41/2021), für die er sich hat interviewen lassen, als Corona-Leugner und Impfgegner abgestempelt wird, ist für ihn das Ergebnis einer verfehlten Panikpolitik. „Der Trend geht zum betreuten Denken. Der Mechanismus, Menschen mit Angst gefügig zu machen, funktioniert überall auf der Welt, hierzulande offensichtlich besonders gut.“

Rabe selbst sieht sich politisch in der linksliberalen, ökologischen Ecke beheimatet, er habe immer die Grünen gewählt, gegen das Freihandelsabkommen TTIP und für Black Lives Matter sowie Fridays for Future demonstriert, er sei mitnichten ein Impfgegner. Die Masernimpfung etwa sei eine sehr gute Impfung, nur darf eben nicht der Staat darüber entscheiden – diesen Entscheidungskonflikt dürfe man den Eltern nicht abnehmen.

Seit Wochen und Monaten impft er auch Jugendliche ab 14 Jahren gegen Covid, eine halbstündige Beratung über Risiken und Nebenwirkungen sei Pflicht. Die Jugendlichen, die zu ihm kommen, seien total verzweifelt. Die „2G“-Regelung habe ihnen alles genommen, so Rabe: Freunde treffen, Kneipe, Kino, „jetzt werden sie zur Impfung erpresst, damit sie scheibchenweise ihre Freiheit zurückerhalten“. Eine Corona-Impfung für Kinder hält er „für einen so schlimmen medizinischen Fehler, dass ich mich daran nicht mitschuldig machen will“. Rabe spricht von einer Zäsur, es sei das erste Mal in 30 Jahren Kinderheilkunde, dass er sich gegen den Willen der Patienten stelle.

Kinder gegen Covid impfen?

Fragt man die großen Ärzteverbände in Deutschland konkret nach ihrer Einschätzung zu Steffen Rabe und seinem Verein, ob dieser sich um die wissenschaftlichen Fakten bemühe oder doch dem Querdenkerlager zuzuordnen sei, ist die Kritik eine rein politische. So beklagt die Kassenärztliche Vereinigung nur, dass sich der Verein nicht an der Impfkampagne gegen Covid-19 beteilige. Für die Landesärztekammer Berlin, wo der Verein registriert ist, scheint er „an wissenschaftlichen Ergebnissen orientiert“, allerdings schließe der Verein schon mit seinem Namen eine Impfpflicht a priori aus. Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) und die Ständige Impfkommission möchten auf Anfrage keine fachliche Kritik an Rabe und seinem Verein vornehmen.

Anders als Lauterbachs Twitterperlen zu den Coronastudien, über die sich die deutsche Wissenschaftscommunity etwa auf brainpainblog.org lustig macht, besteht Rabe darauf, dass „unsere Positionspapiere wissenschaftlich wasserdicht“ sind. Klagen gibt es keine gegen den Verein, der Querdenkervorwurf greift auch deshalb zu kurz, weil ihm jegliche wissenschaftliche Begründung fehlt.

Die Thesenpapiere der mehr als 700 im Verein organisierten Ärztinnen und Ärzte, etwa die gegen die Impfpflicht oder die Diskriminierung von Kindern und Jugendlichen, werden mit der aktuellen Studienlage begründet – Primärliteratur also: die schwedische Kohortenstudie zur schnell schwindenden Impfeffektivität, die gematchte Kohortenstudie aus Israel zum geringen absoluten Risiko für Ungeimpfte, hospitalisiert zu werden, die englische Bevölkerungsstudie zur identischen Infektiosität von Geimpften und Ungeimpften, die US-amerikanische Myokarditis-Studie von Kaiser Permanente, die die Gefahr einer Herzmuskelentzündung nach einer Covid-Impfung für junge Männer bei 1:1.860 dokumentierte – für sie wäre die Impfung damit eine größere Gefahr als eine Corona-Erkrankung –, oder die jüngste Studie aus Kalifornien und New York, mit der die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC ein weiteres Mal belegt, dass Genesene über ihre auf natürlichem Weg erworbenen Antikörper eine deutlich bessere Immunität besitzen als Geimpfte. Im Gegensatz dazu hat das RKI die Gültigkeit des Genesenenstatus‘ in Deutschland halbiert. Das sei schon deswegen skandalös, so Rabe, da „der Titer der infektiologische Goldstandard“ sei, möchte man herausfinden, ob jemand gegen ein Virus immun ist oder nicht; der Titer misst die Höhe des Antikörperspiegels im Blut. Oder der Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts, der bis Ende Dezember 2021 knapp 245.000 Impfkomplikationen dokumentiert, rund 30.000 davon „schwerwiegend“ und 2.255 Todesfälle in den zeitlichen Zusammenhang mit einer Coronaimpfung stellt.

Eine vom RKI in Auftrag gegebene deutsche Kohortenstudie, die seit Beginn der Pandemie gefordert wurde und die authentische Inzidenz- und Prävalenzzahlen hätte liefern können – darüber, wo sich die Menschen anstecken, wie viele schon infiziert sind, wie viele davon tatsächlich erkranken, welche Rolle das Impfen spielt oder welchen Schutz ein Genesener hat –, die gibt es bis heute nicht. „Eine eklatante, systematische Forschungsverweigerung“, schimpft Rabe. „Wir fahren blind im Nebel durch die Pandemie, und das RKI hält uns von hinten die Augen zu.“ Lieber modelliere man Daten für politische Maßnahmen wie Lockdown, Schulschließungen oder Impfpflicht, mit „wissenschaftlicher Neutralität“ habe das nichts zu tun.

Am Vorabend des Hausbesuches bei Rabe malt die Virologin Melanie Brinkmann bei Maybrit Illner wieder mal den Corona-Teufel an die „Wand“. Gleich mehrfach wiederholt sie den Begriff der „Wand“ und meint damit „die nächste Omikron-Welle“. Welle und Wand, alle Diskutanten sind sich einig. Apokalypse-TV. Keine zwölf Stunden später sagt Steffen Rabe in seiner Münchner Praxis: „Die Pandemie ist vorbei, wir sind in der Endemie angekommen.“ Wenn man heute aufhören würde zu testen, so erklärt er, würde man an den Kennzahlen gar nicht mehr merken, dass irgendetwas anders ist als in den Grippephasen in den Jahren vor Corona. Dass die Politik deshalb schon bald alle Maßnahmen fallen lassen werde, darauf würde er lieber nicht setzen. Mit Blick auf die Öffnungen in Dänemark, Norwegen, Schweden, Spanien und in der Schweiz sagt Rabe: „Dafür reicht der regierende epidemiologische Sachverstand in diesem Land leider nicht aus.“

Thilo Komma-Pöllath, freier Journalist, Blogger und Buchautor (Die Notwendige Revolution) schreibt u.a. auch für SZ Magazin, FAS und Welt

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