Mehdorn ist kein Nazi

Zug der Erinnerung Nur ein Schlag gegen die Privatisierung der Bahn

Nun auch das noch - ein gefühlloser Administrator hätte nicht anders gehandelt. Hartmut Mehdorn genügt es nicht, dass einer seiner Vorgänger, der (stellvertretende) Generaldirektor der Reichsbahn Albert Ganzenmüller, am 13. August 1942 von dem ihm sehr ergebenen SS-Obergruppenführer Wolff "auch im Namen des Reichsführers SS" ein hochverdientes Dankschreiben für Judentransporte erhielt. Jetzt will Mehdorn auch, dass Juden, die ungebührliche Kritik an ihm üben, von der deutschen Justiz der Mund gestopft wird.

1942, in dem Schreiben an den Vorgänger hieß es: "Mit besonderer Freude habe ich von Ihrer Mitteilung Kenntnis genommen, dass nun schon seit 14 Tagen täglich ein Zug mit je 5.000 Angehörigen des auserwählten Volkes nach Treblinka fährt und wir auf diese Weise in die Lage versetzt sind, diese Bevölkerungsbewegung in einem beschleunigten Tempo durchzuführen."

Mehdorn aber ist kein Präsident der Reichsbahn, er ist oder war nie Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Nachfolgeorganisationen, er hat keine Züge nach Auschwitz oder Treblinka organisiert. Er unterscheidet sich von seinem Vorgänger. Der berechnete der SS nur den halben Fahrpreis Dritter Klasse für die Fahrt der Juden in den Tod. Das funktioniert heute nicht mehr, von den Passagieren ist bestimmungsgemäß kaum noch die Asche geblieben. Mehdorn rechnet anders, er nimmt von den Organisatoren des "Zugs der Erinnerung", der besonders an die jüdischen Kinder erinnern soll, die von der Bahn in die Vernichtungslager transportiert wurden, 100.000 Euro Gleisgebühren.

So tut er alles, damit die Erinnerung wach bleibt. Und darum hat er auch den Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Michael Szentei-Heise, wegen Beleidigung angezeigt. Der habe ihn Anfang März nach Medienberichten unter anderem als "Führer der neuen Reichsbahn" bezeichnet, weil die Bahn Trassengebühren vom "Zug der Erinnerung" verlangt. Vergangenen Donnerstag hat nun die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf das durch Mehdorns Anzeige ausgelöste Ermittlungsverfahren eingestellt und den Bahnführer auf den Weg der Privatklage verwiesen. Aber auch wenn die Staatsanwaltschaft nicht durchgreift und ihn vor jüdischer Verleumdung schützt: Mehdorn ist kein Nazi. Der Burschenschaftler und Reservehauptmann ist in einem gutem Elternhaus aufgewachsen, in dem die Welt noch in Ordnung war: "Da wurde nicht mit vollem Mund gesprochen, da wurde erst mal zugehört", bekannte er in einem Gesprächsbuch (Diplomat wollte ich nie werden, 2007) mit dem Bild-Kolumnisten Hugo Müller-Vogg. Der eilte ihm vergangenen Woche in seinem Blatt zu Hilfe: Die Bahn hätte - behauptet der Bild-Kolumnist - "unter Mehdorns Führung sich stärker mit ihrer Rolle in der Nazi-Zeit auseinandergesetzt (...) als jemals zuvor".

Das kann man sagen. Als die Proteste überhand nahmen, wollte Mehdorn, nein, nicht den Organisatoren des "Zugs der Erinnerung" die 100.000 Euro zurückerstatten, er entschloss sich vielmehr zum Schuldausgleich 100.000 Euro einer jüdischen Organisation anzubieten. Doch die Juden wollen das Geld nicht. Sie sagen, sie handeln nicht mit Ablasszetteln, und sie selbst bräuchten keinen "Zug der Erinnerung". Sie wüssten auch so, wer sie und ihre Kinder in die Vernichtung gefahren hat. Tatsächlich hat Mehdorn den Zug nötig. Doch er hat ja die 100.000 Euro schon.

Auch will er auf gar keinen Fall, dass der "Zug der Erinnerung" im Berliner Regierungsviertel Halt macht, im neuen Hauptbahnhof, der sein ganzer Stolz ist - es ist ein Monstrum, das ihm gleicht. Das Glanzstück darf vom "Zug der Erinnerung" nicht beschmutzt werden. Und sei es, dass man im modernsten Bahnhof Europas einfach kein Gleis für ihn findet.

Mehdorn ist kein Asozialer, er hat Grundsätze, er hat schon lange bekannt: "Obdachlose sind keine bösartigen Leute, aber sie gehören nicht in den Bahnhof." Und gegen Christen hat er genauso wenig wie gegen Juden: "Die Leute von der Bahnhofsmission sind barmherzige und liebe Menschen", erläuterte er Bild am Sonntag. "Aber wir wollen nicht mehr, dass sie eine Warmküche am oder im Bahnhof betreiben."

Da zeigt sich doch, dass die ganze Geschichte mit den schon lange toten Judenkindern nur dazu benutzt wird, die dringend nötige Privatisierung der Bahn zu verhindern. Mehdorns Freund Müll-Vogg in Bild: "Gezielt wird auf den historisch angeblich unsensiblen Bahnchef, getroffen aber werden soll der Befürworter einer modernen, leistungsfähigen und zum Teil privatisierten Bahn."

Da ist es heraus. Wer Mehdorn kritisiert, wer nicht will, dass die Bahn ein zweites Mal für die von ihr in den Tod deportierten Kinder kassiert, der will doch nur die Privatisierung der Bahn verhindern. Wenn das so ist, wenn das Mehdorns letztes Argument für die (Teil-)Privatisierung unserer Bahn bleibt, dann muss man sie tatsächlich verhindern.

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00:00 25.04.2008

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