Mehr als der Tod

Hitlerjunge Quex Vor 75 Jahren begann mit dem Tod von Herbert Norkus die Geschichte eines nationalsozialistischen Mythos

Jeder vierte arbeitslos, 35 Prozent Ausländer, nirgendwo in Deutschland gibt es mehr Sozialhilfeempfänger als hier, nirgends werden so viele Gewalttaten an Schulen gemeldet. Die evangelische Reformationsgemeinde wird ihre denkmalgeschützte Kirche in der Beusselstraße wohl aufgeben müssen, geschlossen ist sie schon, es fehlt am Geld für die Sanierung und an gläubigen Christen, die zu den Andachten kämen. Man überlegt, das Gebäude an die muslimische Gemeinde abzutreten.

Wir befinden uns in Berlins Beusselkiez im Stadtteil Moabit. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden hier Mietskasernen. Im II. Weltkrieg stark zerstört, baute man in den fünfziger Jahren neue Wohnhäuser in die Lücken. Das Gebiet war nie eine feine Adresse im nie so feinen Berlin. Ein Arbeiterbezirk. Heute zunehmend ein Arbeitslosenbezirk.

Jüngster Blutzeuge der Bewegung.

Das Knabenopfer

Am 26. Januar 1932 macht der Völkische Beobachter, das "Kampfblatt der national-sozialistischen Bewegung Großdeutschlands", mit einer Art Todesanzeige auf. Rote Schrift in schwarzem Rahmen: "S.A.-Mann Schramm von Kommunisten erschlagen. Hitlerjunge Norkus von Kommunisten erstochen."

Solche Meldungen liest man damals täglich. Es ist die "Kampfzeit der Bewegung", das Jahr vor der Machtergreifung. Während Hitler auf Kundgebungsmarathon per Flugzeug kreuz und quer durch Deutschland tourt, toben allerorts Saalschlachten und Straßenterror. Es vergeht kein Tag, an dem nicht Kommunisten von SA-Schlägertrupps verprügelt und getötet werden - und umgekehrt. Der Rotfrontkämpferbund ist zwar nach Barrikadenkämpfen am 1. Mai 1929 verboten worden, aber "Sturmabteilungen", die offiziell keine Verbindung zur KPD halten, führen den Kampf weiter: "Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft!" Verkehrslokale des Reichsbanners wiederum sind bevorzugte Ziele von Überfällen sowohl der Nazis als auch der Kommunisten. Hauen und Stechen also, Schlägereien und Schießereien allüberall.

Vom Parteigenossen Schramm aus Schlesien liest man im Völkischen Beobachter schon am nächsten Tag nichts mehr. Der 16-jährige Hitlerjunge aus Berlin indes wird die Gemüter noch lange bewegen. Eine mediale Verwertungsmaschine läuft an, deren Geschwindigkeit und Erfolg noch heute ihresgleichen suchen. Schon zu Weihnachten ist das Buch zum Tod des Knaben auf dem Markt, bereits im September 1933 feiert der Film im Phoebuspalast in München Premiere. Aus dem Oberschüler Herbert Norkus ist der Lehrling Heini Völker geworden - den seine Freunde "Quex" nennen, weil er so quicklebendig und schnell wie Quecksilber sei - aus dem Jungen ein Märtyrer. "Als jüngster Blutzeuge für die Idee Adolf Hitlers ist er gefallen." Der Jüngste! Darauf kommt es an. Das prädestiniert ihn für die Heldenrolle.

Was war eigentlich geschehen?

An einem dunklen Berliner Sonntagmorgen, dem 24. Januar 1932, hatten Hitlerjungen der Kameradschaft Beusselkietz bereits um 6 Uhr früh Flugblätter verteilt, die zu einer Versammlung riefen. "Während vier Mann", berichtet der Völkische Beobachter, "in den Häusern Flugzettel verteilten, blieben immer zwei Mann auf der Straße stehen, um aufzupassen, ob sich die Kommunisten irgendwo zeigten. - Da erschien plötzlich ein Trupp von etwa 30 Rotmordbanditen." Norkus, der mit seinem älteren Bruder beim Vater wohnte, rannte zu einem Hauseingang in der Zwinglistraße, "wurde aber von der vertierten Unterwelthorde eingeholt und durch fünf tiefe Stiche in den Rücken getötet." Er starb noch am Tatort. Sein Gesicht, heißt es, sei bis zur Unkenntlichkeit zerschlagen oder zertreten gewesen, die Oberlippe fehlte. Beamte des zuständigen Polizeireviers machten sich auf die Suche nach den Mördern und fanden auch bald einen Verdächtigen. "Das anständige Deutschland" forderte indessen "Schutz vor dem Blutrausch des roten Untermenschen" und tags darauf "Standrecht gegen die roten Mörder!" Goebbels ordnete für den Gau Großberlin eine Woche "Parteitrauer" an. Am 29. Januar wurde Herbert Norkus auf dem Neuen Johannisfriedhof in Berlin Plötzensee beigesetzt. Im Juli kam es zum Prozess gegen die Täter.

Auf Anhieb erkannten die NS-Ideologen das Propagandapotenzial des Stoffs. "Du deutscher Knabe! Du tapferes Kind! Du fielst wie ein Held in tosender Schlacht, vom Geiste der Freiheit besessen! Und wenn lange vergessen die deutsche Nacht - Dich werden wir nie vergessen!", reimte zum Beispiel auf die Schnelle ein "Pidder Lüng". Karl Aloys Schenzinger, damals Mitte 40 und schon vor der Machtergreifung zum NS-Autor avanciert, schrieb in wenigen Monaten seinen Roman vom Hitlerjungen Quex. Reichsjugendführer Baldur von Schirach lobte in einer Rezension, hier werde eine Jugend geschildert, "in der das Wort Pflicht über allem steht. Hier ist nicht die sorglose Beschwingtheit bürgerlicher Kindheit, hier ist Kampf, Elend, Hunger, Blut und Tod. Das sind keine Kinder, das sind Soldaten." In Schenzingers Roman werde "nichts besser gemacht, als es ist. Es ist als wie (!) die Wirklichkeit: der kleine Norkus, der Beusselkiez, die Kameradschaft, die Not, das Heldentum."

Fairerweise muss man sagen, das Buch ist besser als von Schirachs Beschreibung vermuten lässt. Der Arzt Schenzinger kannte sich aus im Arbeitermilieu, er wusste von pubertärer Unsicherheit und der Sehnsucht der Familien, das Chaos auf den Straßen und die soziale Not mögen endlich enden.

Der Quex wurde das erfolgreichste nationalsozialistische Jugendbuch überhaupt. Ein Klassiker bis Kriegsende. 500.000-fach gedruckt, gehörte es zur Standardausrüstung jeder Schul- und Leihbücherei und erreichte auf diesem Weg ein Vielfaches an Lesern. In dem Exemplar, das mir vorliegt, klebt noch der Leihzettel der Gemeindebücherei Heiden, darin sind Rückgabetermine eingestempelt: Der letzte Leser sollte das Buch bis zum 11. März 1945 zurückbringen. Ob er je dazu kam?

Konstruktion eines Märtyrers. Durch Nacht zum Licht

Der Rotfrontkämpferbund verehrt das "lustige Rotgardistenblut" Fritz Weineck, den "Kleinen Trompeter" aus Halle. Die SA hat seit Februar 1930 ihren eigenen teuren Toten, Horst Wessel. Über beide singt man zum Schalmeienspiel populäre Lieder. Als der 14-jährige Russe Pawel Morosow von "reaktionären Kulaken" seines Dorfs im September 1932 ermordet wird, bekommt auch der sowjetische Komsomol seinen strahlenden, tragischen, jugendlichen Helden. Und die HJ hat - Herbert Norkus. Nach ihm werden ein Segelschulschiff der Kriegsmarine, Schulen, Straßen und Plätze im Dritten Reich benannt, auch in Berlin: Ottostraße und Ottoplatz, wenige Meter vom Tatort entfernt, ändern ihre Namen.

Der tote Junge wird in die Schlacht geworfen. Rein, unschuldig, asexuell soll er andere Kinder für die große Sache mobilisieren.

Quex - erzählt der Roman - nachdem er seinen ersten Kuss bekam, aber nur auf einer Theaterprobe und fast gegen seinen Willen, "freute sich, er spürte nichts als Freude. ›Es war schön heute‹, sagte er und hatte plötzlich einen merkwürdigen Klang in der Stimme, ›es war eigentlich so mein schönster Tag heute.‹" Natürlich wird er nun gleich, und zwar schon auf der nächsten Seite des Buches, niedergeschlagen und stirbt, anders als Norkus, einige Tage später im Krankenhaus.

Zuvor kommt es noch zu einer Szene, die seine Wiedergeburt als Märtyrer, die Überhöhung zum "Heiligen" vorbereitet. Kameradenbesuch im Krankenzimmer. Plötzlich ein Schrei. "Mit aufgerissenen Augen sitzt Heini im Bett. Der Blick flackert, sieht keinen an ... Sein Mund spricht. Deutlich hören es die Kameraden, aber es ist nichts, was man verstehen könnte. Dann aber packt sie das graue Entsetzen. Heini singt. Sie stehen wie versteinert da. Sie verstehen nicht die Worte, aber die Melodie kennen sie, sie singen sie ja fast täglich, auf jedem Abend, auf jedem Marsch, auf jeder Fahrt. Es ist furchtbar, ihn so singen zu hören ... Jeder weiß es: hier singt der Tod." - Dieses Lied, es kann nur das eine sein: Unsre Fahne flattert uns voran.

Und damit sind wir beim letzten und erfolgreichsten Kapitel der medialen Verarbeitung des toten Knaben, dem Film vom Hitlerjungen Quex (Regie: Hans Steinhoff). Gedreht wurde im UFA-Atelier Neubabelsberg, die Außenaufnahmen entstanden am Berliner Müggelsee. Der Tischlerlehrling des Buches ist jetzt zum Druckerlehrling geworden; die Flugblätter, die er verteilt und wegen derer er zu Tode kommt, hat er selbst gedruckt - eine geschickte dramaturgische Verbesserung. Wie überhaupt Suggestion und Verführung nahezu perfekt funktionieren. Würde der Streifen heute im Kino laufen, ich glaube, jedem könnte es passieren, dass er nach dem Abspann, beim Hinausgehen aus dem Saal, leise summt oder pfeift oder singt: "Wir marschieren für Hitler, durch Nacht und durch Not ... " - zu schön ist das Lied, zu raffiniert wird es im Film entwickelt - "...ja, die Fahne ist mehr als der Tod."

Dramaturgie als Gehirnwäsche. Medialer Faschismus

Was im Buch schon in vielen Formulierungen angelegt ist, Metaphern von Dunkel und Licht, wird im Film visuell umgesetzt. Quex´ Abkehr von den Kommunisten, die Alkohol trinken, frivol und gewöhnlich sind, seine Hinwendung zur adretten und mutigen Hitlerjugend wird an einem Seeufer inszeniert, es ist ein Überlaufen vom Chaos zur Ordnung, aus dem Wald an den Strand, vom Dunkeln ins Helle.

Lange kann er dann das fesche Kampflied, das er am abendlichen Lagerfeuer gehört hat, nicht vergessen. Sein Vater (Heinrich George) will ihm stattdessen den Text der "Internationale" einprügeln. Die Peitsche ist also beim Vater, das Zuckerbrot kommt von anderswo.

Wo ist mein Platz, wie finde ich Freunde, wem kann ich vertrauen? Bei dieser Frage holt der Film die jungen (männlichen) Zuschauer ab. Scheint sie ernst zu nehmen. Und antwortet ihnen pathetisch. Zum Beispiel so:

Heini (mutlos): Wo soll ich´ n hin?

Vater Völker: Och Frage! Zu deinem Vater natürlich, wo du hingehörst!

Bannführer: DAS eben ist die Frage! - Ich habe sehr gute Eltern gehabt, aber wie ich Fünfzehn war, da bin ich ausgerückt. Wollte zur See, wollte Schiffsjunge werden. Irgendwo da lagen Inseln, waren Palmen, Afrika. (begeistert:) Zu Tausenden sind die Jungs schon ausgerückt!

Vater Völker: Das waren eben Lausejungs!

Bannführer: Sie! - Jungens sind etwas Wunderbares! JUNGS sind ein großes Geheimnis, zu allen Zeiten schon. Sind zu den Pelzjägern, zu den Zigeunern sind ´se gefloh´n. Immer hat sie eines Tags der große Zug gepackt. Da begannen sie zu wandern ...

Ein "kommunistisches Rollkommando" ermordet Quex schließlich auf einem Rummelplatz. Da, am Ende des Films, erklingt das vielfach intonierte, so oft versprochene Lied in kräftigem Gesang, wie die Erfüllung eines lang gehegten Wunschs. Das Finale eines Abenteuers, Tod des Helden, seine Wiedergeburt im Transzendenten. "Das Schlussbild ist kein Bild, es ist eine Summe aus Überblendungen vieler Bilder. Die Masse des entfesselten Materials marschiert, um an alle Sinne des Zuschauers zu appellieren." (Karsten Witte)

In diesem Sinne ist der Hitlerjunge Quex ein ausgesprochen moderner Film. Seine "Durch Nacht zum Licht"-Dramaturgie ist Bauprinzip und Erfolgsrezept noch jedes heutigen Mainstream-Films. Hollywood huldigt seit Jahren ungebrochen The Hero´s Journey, der mythischen Reise des Helden. Es gibt Heerscharen von Dramaturgen, die sich mit nichts anderem als der Verbreitung dieser Lehre befassen. Peter Hant, einer von ihnen, hat die Absicht, die dahinter steht, sehr offen beschrieben: "Wir wollen nicht vergessen, unser Ziel ist, die ungeteilte Aufmerksamkeit des Zuschauers zu erlangen. Wir wollen erreichen, dass der Zuschauer einfach nur die Geschichte in sich aufnimmt, ohne sich von ihr durch analytische Gedanken zu distanzieren ... Irgendwann sind die Hoffnungen und Wünsche des Zuschauers mit denen des Protagonisten identisch. Von da an ist der Zuschauer auf dessen Seite, egal was er tut. Jetzt verlässt der Zuschauer den Protagonisten auch dann nicht, wenn dessen Handlungen seinen eigenen moralischen und ethischen Überzeugungen grundsätzlich widersprechen. Der Protagonist mag sich als Verräter oder als Mörder entpuppen - das alles spielt dann keine Rolle mehr." (Das Drehbuch, 1992)

Das ist Dramaturgie als Gehirnwäsche. Medialer Faschismus.

Schade, dass wir den kommunistischen Gegenentwurf zum Quex, Sergej Eisensteins Beshinwiese über den Pionier Morosow, nie werden sehen können. Von 1935 bis 37 arbeitete Eisenstein daran, drehte, schnitt, schnitt um, drehte neu. Dann beschloss die Mosfilm-Direktion, die Arbeit an dem Film abbrechen zu lassen. Es heißt, Stalin habe einen Rohschnitt gesehen und ihn abgelehnt. Inzwischen sind die Negative und Kopien des Films verloren. Der Schriftsteller Wsewolod Wischnewski, Autor der Optimistischen Tragödie, der im März 1936 die erste Fassung des Films sah, schrieb an Eisenstein, dass der Film von Schönheit überquelle ... - Wer weiß.

Jürgen Ohlsen, den Darsteller des Quex, nannte die UFA übrigens im Abspann nicht, da stand nur: ein Hitlerjunge. Es sollte wohl kein Name gleichauf neben dem des jungen Helden stehen. Zwei Jahre später jedoch spielte der junge Darsteller wieder in einem Film mit. Diesmal einen Flugschüler der Luftwaffe. So wurde aus dem Hitlerjungen doch noch ein Bomberpilot.


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00:00 05.01.2007

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