Georg Seeßlen
Ausgabe 0614 | 06.02.2014 | 06:00 2

Mehr als die Verhältnisse

Aufrichtig Ken Loach ist in diesem Jahr die Hommage der Berlinale gewidmet. Wohl kaum ein Regisseur hat das so sehr verdient wie er

Mehr als die Verhältnisse

Die frühen Jahre: Ken Loach bei den Dreharbeiten zu "Kes" im Jahre 1969

Foto: Cinetext

Jetzt ist es also so weit. Ken Loach ist ein Klassiker. Mit Retrospektiven und den dazugehörigen Zeitungsartikeln geehrt. Das ist einerseits wunderbar, denn kaum einer hat es so verdient, einmal ins Zentrum der cineastischen Aufmerksamkeit gerückt zu werden. Seine Methode, sein Projekt, seine kinematographische Mitmenschlichkeit. Aber andererseits macht es ein bisschen traurig. Denn sein Kino ist eines der Lebendigkeit und der Gegenwärtigkeit. Man sähe es am liebsten in der Welt. Oder dem, was von ihr noch übrig ist.

Ken Loach, Jahrgang 1936, Sohn eines Fabrikarbeiters, ehemaliger Jura-Student, hat nach einer kurzen Zeit beim Theater zwei liegen gebliebene cineastische Projekte wieder aufgenommen und miteinander verbunden. Da ist auf der einen Seite der britische Dokumentarismus mit seiner Neugier auf Prozesse der Industrialisierung und das, was sie mit den Menschen anstellen. Und da ist auf der anderen Seite der italienische Neorealismus mit seinem Gespür für das Leiden und die Würde der „kleinen Leute“.

Beide Kino-Bewegungen wurden politisch abgewürgt, und auch in der Arbeit von Loach hat es Zeiten gegeben, in denen es politischen Interessen zu verdanken war, dass er keines seiner Projekte verwirklichen konnte. Dass er dennoch eine so beachtliche Filmographie zusammengebracht hat, spricht für seine Beharrlichkeit. Und dafür, wie notwendig seine Filme waren und sind. „Hast du nie Depressionen?“, fragt die mehr oder weniger hoffnungsfrohe Sängerin den „vorübergehenden“ Bauarbeiter in Riff-Raff, und der antwortet: „Depressionen sind was für die Mittelschicht. Die anderen müssen früh aufstehen.“ Ken Loach macht ein Kino ohne Depressionen, mit und für die Menschen, die wissen, was es heißt, früh aufzustehen.

Man nannte es Arbeiterklasse

Früher nannte man das: Arbeiterklasse. Und wenn sie es gut mit ihm meinen, dann nennen die Mittelklasse-Kritiker Ken Loach einen „Chronisten des Niedergangs der britischen Arbeiterklasse“. Für Loach aber geht es immer noch um die Leute, die „das produzieren, was wir unsere Welt nennen“. Es gehört zu den größten Propagandalügen des Neoliberalismus, dass es keine Arbeiterklasse mehr gebe. Es ist, genauer gesagt, eine selbst erfüllende Prophezeiung. In The Navigators verfolgt Loach die Brüche im Leben einer Gruppe von Arbeitern während und nach der Privatisierung der British Rail. Am Beginn sind sie eine kleine solidarische Gemeinschaft, die sich und ihre Jobs ernst nimmt. Am Ende ist einer von ihnen tot, und von den anderen trägt jeder das Logo einer anderen Privatfirma.

Loach begann seine Arbeit beim Fernsehen. Bekannt wurde er mit seiner dokumentarischen Erzählung Cathy Come Home (1966), die eigentlich schon den Nukleus der großen Filme enthält: Ein junges Paar gerät unverschuldet in die soziale Abwärtsspirale, verliert zuerst die Arbeit, dann das Zuhause, am Ende werden ihnen von den Sozialbehörden auch die Kinder weggenommen. Damals führte der Film zuerst zu einer Parlamentsdebatte über die Obdachlosigkeit und ihre Ursachen, und dann sogar zu einer moderaten Gesetzesänderung. Ein paar Jahre später führte er dazu, dass Loach seinen Job bei der BBC verlor.

In den sechziger Jahren erzielte Loach mit seinen Filmen wie Poor Cow, Kes oder Family Life aber Erfolge bei den kritischen Cineasten. Immer wieder erzählt er die Geschichte von Menschen in bedrückenden Verhältnissen, die beim Versuch, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen, an eben diesen Verhältnissen scheitern müssen. Er bringt dies in die einfachsten wie konkretesten Bilder. Es geht nicht allein darum, den Menschen aus seinen Verhältnissen oder gar die Verhältnisse aus den Menschen zu erklären. Zuerst geht es darum zu sehen, dass ein Mensch mehr ist als seine Verhältnisse. Auch dann, wenn diese ihn töten.

Das Kino für die Menschen nutzen

Seinen frühen Filmen steht Loach heute ein wenig skeptisch gegenüber. Zu viel Form noch, zu wenig Leben. Statt wie die anderen Vertreter des „Free Cinema“ aus dem Realismus dieser Jahre in Selbstreflexion, Geschichte oder gar nach Hollywood auszuweichen, blieb Loach in seinen cineastischen Gesten gegen die postindustrielle Transformation und die Restauration der englischen Klassengesellschaft standhaft. Sein Kollege Stephen Frears kritisierte ihn dafür als „konservativ“ in seinem proletarischen Realismus. Und in der Tat geht es in der Methode Loach nicht darum, die Semantik des Kinos zu erweitern. Es geht darum, das Kino nutzbar zu machen für die Menschen.

Technisch gesehen ist die Methode Loach ziemlich einfach: Er dreht immer mit Schauspielern und mit Laien, die mehr oder weniger ihre eigenen Lebenssituationen reflektieren. In den magischen Augenblicken seiner Filme verschmelzen Rolle und Darstellung vollkommen. Sprache und Sprechweise entsprechen dem Drehort, oft die heruntergekommenen postindustriellen Städte des Nordens. Daraus entsteht eine Überlebenspoesie.

Loach dreht immer chronologisch, und er gibt seinen Darstellern immer nur die aktuellen Teile des Drehbuchs. Wie im richtigen Leben wissen sie vorher nicht, wie eine Situation ausgeht und welche Folgen sie haben wird. Überdies lässt der Regisseur den Darstellern Raum zur Improvisation, immer sind sie Mitgestalter ihrer Rolle, immer hört der Regisseur auf sie. Viele seiner Filme, von Raining Stones über Ladybird, Ladybird bis My Name is Joe, gehen auf reale Fälle zurück.

Bei den Drehbüchern arbeitet er mit Menschen zusammen, die die Verhältnisse sehr genau kennen – immer wieder auch mit dem Menschenrechtsaktivisten Paul Laverty. Die Kamera sucht sich den Platz, an dem sie nicht stört und zugleich so nahe wie möglich ist. Sie ist kein Aufnahmegerät, sie ist Teil des Geschehens, und das ist auch der Zuschauer. Die Zuschauer, sagt Loach, sollen an einem Leben teilhaben, das nicht zu Ende ist, wenn die Kamera ausgeschaltet wird. In seinem Kino der Mitmenschlichkeit begegnen sich Bild und Blick respektvoll und demokratisch.

Illusionsloser Humor

Und außerdem mit einer illusionslosen Art von Humor, der auch die Protagonisten des immerwährenden sozialen Abstiegs in den absurdesten und schrecklichsten Situationen nicht verlässt. Das Lachen ist eine Waffe im Klassenkampf. Und in Loachs Filmen lachen wir immer mit den Charakteren, nie über sie.

Daneben hat Ken Loach immer wieder nach den globalen und historischen Ursachen der Situation gesucht, in der die Helden seiner komisch-zornigen Arbeiterklassenfilme stecken. Er hat in Clara’s Song den Streik der ausgebeuteten Reinigungskräfte in Kalifornien beschrieben. Er hat versucht, herauszufinden, wie die falschen Entscheidungen im Spanischen Bürgerkrieg fielen (Land and Freedom), und er untersuchte Loyalitätskonflikte im irischen Befreiungskrieg (The Wind That Shakes The Barley).

Diese Filme konnten gewiss nicht so nah und unmittelbar sein wie seine Gegenwartsgeschichten, die selbst Vertretern des depressiven Mittelstands komische und emotionale Wiedererkennungsmomente bieten. Und doch arbeitete er auch hier mit dokumentarischen Elementen. In Land and Freedom setzt er in einer Szene, in der die Bauern über die Kollektivierung diskutieren, die Kinder der Beteiligten ein. Und in Carla’s Song gibt es eine Szene, bei der die Darstellerin bei der Erzählung von ihrer nicaraguanischen Heimat unvermutet in Tränen ausbricht. Es sind nicht die Tränen der Figur, sondern die der Darstellerin. Im Kino des Ken Loach kommen Geschichte und Politik immer als konkrete menschliche Erfahrungen zu sich. Er will nichts demonstrieren, er will etwas sichtbar machen.

Seine Gegner wussten, besser vielleicht als sein Verbündeten, was sie an einem wie Loach hatten. Zwischen 1972 und 1979 hatte er faktisch Sendeverbot bei der BBC und konnte kein Filmprojekt realisieren. Sein Comeback kam erst mit der Verfilmung eines historischen Kinderbuchs, Black Jack (1979). Aber auch in den Achtzigern gab es Zwangspausen für den Regisseur. Channel 4, für den er vier Filme drehte, verweigerte unter Regierungsdruck die Ausstrahlung.

Die große Zeit von Loach kam in den Neunzigern. Das hat wohl mit einer Gelassenheit zu tun, die man sich in solchen Kämpfen aneignet. Aber auch damit, dass er einiges nachzuholen hatte. Die Geschichte vom Vernichtungskrieg von Staat und Wirtschaft gegen die britische Arbeiterklasse und die Geschichten vom Widerstand mussten erzählt werden. Für wen? Das fragen Kritiker gelegentlich, während sie eine Spur von Sozialromantik oder allzu rhetorische Zwischenspiele in seinen Filmen bemängeln.

Wütende Analyse

Loach kommt, wie etliche andere linke britische Künstler, aus einer Tradition des Trotzkismus. Und es war Trotzki, der gesagt hat: „Der Marxismus ist vor allem eine Methode der Analyse – nicht der Analyse von Texten, sondern der Analyse sozialer Beziehungen.“ Und so analysiert Loach, mittendrin und als einer, der Wut hat und der Mut machen will, die sozialen Beziehungen: die Familien, die unter dem Druck der verlorenen Arbeit und der verlorenen Ordnungen zusammenzubrechen drohen, die verheerenden Folgen der Drogen, das Wirken der zuständigen Behörden zwischen bürokratischer Brutalität und menschlicher Hilflosigkeit, den Kriminalitätsdruck, die Verachtung der Mittelklasse, das Zerbrechen der Arbeiterorganisationen und die Korruption.

Und doch sind es am Ende keine politischen Lehrstücke, die Loach filmt. Manchmal kommt auf die komischste Weise sogar das Wunder daher. Und sei es in Form eines besonderen Geschmacks für Whisky wie in Angels’s Share. Die Frage, für wen Ken Loach seine Filme macht, ist daher sehr leicht zu beantworten: für Menschen.


AUSGABE

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 06/14.

Kommentare (2)

Kulturwissenschaft 07.02.2014 | 23:50

So hemmungslos wie bei "Land and Freedom" habe ich weder davor noch danach jemals wieder im Kino geheult.

Es ist gut, dass Ken Loach geehrt wird. Bei jedem neuen Film von ihm, denke ich, gut, dass es dieses Kino noch gibt - und - schade, dass diese Erzähltradition sich vor allem im "Mutterland der Arbeiterklasse" erhalten hat.

Der deutsche Regisseur Hans Christian Schmid hat, wie ich finde, eine ähnlich kluge und einfühlsame Sicht auf die Menschen und die Ereignisse. Seine Filme laufen zwar wenigstens zur Berlinale, aber danach gehen sie (in Deutschland zumindest) irgendwie unter. (Aber vieleicht bekommt ja auch irgendwann einen Ehrenpreis)