Mehr als ein altes Steckenpferd

Screening Kant Mit dem klassischen Kanon der Philosophie lassen sich neue Medien nicht begreifen. Oder doch? Wie ist Medienphilosophie möglich?

Medien und Philosophie - das schien lange Zeit für viele ein unüberwindbarer Gegensatz zu sein. 1967 formulierte Jacques Derrida, bereits damals mit Blick auf den Computer, die These, dass das Ende der klassischen Metaphysik erreicht sei. Jean-François Lyotard erklärte, in Anbetracht der elektronischen Informationstechnologien würden die Kategorien der klassischen Philosophie nicht mehr zur Analyse taugen und seien deshalb außer Kraft zu setzen. Jean Baudrillard wiederum verabschiedet schon seit 20 Jahren die traditionelle Unterscheidung zwischen Sein und Schein, weil mit dem Fernsehen ebenso wie mit den Simulationen des Computers eine allumfassende Virtualisierung unseres Alltags eingesetzt habe. Norbert Bolz, prominenter Vertreter der deutschsprachigen Medientheorie, behauptete bereits in den 80er Jahren, dass mit dem Zeitalter der elektronischen Medien Philosophie im herkömmlichen Sinn unmöglich geworden sei. Denn ihr traditioneller Ansatzpunkt, das Individuum, habe seine Autonomie in den vernetzten Medien verloren. Dem damals führenden Vertreter der deutschsprachigen Philosophie, Jürgen Habermas, warf er vor, dessen Modell des herrschaftsfreien Diskurses und der idealen Sprechsituation sei schon deshalb überholt, weil es sich ausschließlich am direkten Gespräch orientiere. Im Zeitalter von Handy und Internet könne man ein philosophisches System, das auf der Höhe der Zeit sein will, wohl kaum auf derart veralteten Grundannahmen aufbauen.

Ohne dass die Leserin die Argumentationen der hier kurz vorgestellten Positionen im Einzelnen kennen muss, stechen zwei Punkte ins Auge: Erstens schien es sich bei den elektronischen Medien um ein derart neues Phänomen zu handeln, dass nicht klar war, mit welchen philosophischen Mitteln es überhaupt hätte angegangen werden können. Zweitens leiteten die führenden Vertreter der Debatte aus dieser Diagnose weit reichende Schlussfolgerungen ab, die den Charakter einer neuen theoretischen Programmatik erhielten. Den gemeinsamen Nenner bildete dabei die Annahme, dass die philosophische Tradition und mit ihr der Kanon des Fachs Philosophie insgesamt zur Klärung der anstehenden Fragen nichts beizutragen hätten. In der Folge entwickelte sich deshalb ein eigener Forschungsschwerpunkt Medientheorie, der an der Schnittstelle von Kommunikationswissenschaft, Literatur- und Kunsttheorie seinen Platz erhielt und angereichert wurde durch sozialtheoretische und philosophische Gedankensprengsel.

Betrachtet man diese Entwicklung aus zeitlicher Distanz, so ergibt sich heute ein differenzierteres Bild: Am Beispiel von Bolz lässt sich zeigen, dass er mit der "philosophischen Tradition" die Subjektphilosophie des 19. Jahrhunderts meint. Hat man dies vor Augen, so kann selbstverständlich behauptet werden, dass die Individuen heute in den Kommunikationsnetzen auf- und untergehen und dass deshalb von echter Autonomie keine Rede mehr sein kann. Nur lässt sich dagegen einwenden, dass die westliche Geschichte der Philosophie bekanntlich nicht erst mit dem deutschen Idealismus und seinen Neben- und Gegenströmungen beginnt. Ähnliche Resultate ließen sich auch erzielen, wollte man die Argumente der anderen genannten Autoren überprüfen. Die These von der Unvereinbarkeit von Philosophie und Medientheorie gilt deshalb nicht pauschal, sondern muss sehr genau vor dem jeweiligen theoretischen Hintergrund überprüft werden.

Bedingungen der Erkenntnis

Doch in der Zwischenzeit hat sich das Bild gewandelt, das Medienthema hat in den vergangenen 15 Jahren seine Provokationskraft für die Philosophie verloren. Allerdings lässt sich bis heute keine einheitliche Antwort auf die Frage finden, wo es im Fachkanon systematisch zu verorten wäre. Eine mögliche Antwort ließe sich in Anschluss an die berühmte These Marshall McLuhans formulieren, dass Medien als Verlängerungen, Exteriorisierungen der Wahrnehmungsorgane zu betrachten seien. Sie deutet auf den Bereich der klassischen Erkenntnistheorie hin. Den Medien aber, auf die sich diese These bezieht - Telefon, Radio, Fernsehen - dürfte kaum jemand ernsthaft erkenntnistheoretische Bedeutung zuweisen. Die Frage, inwiefern ein Massenmedium wie das Fernsehen unseren Alltag und unsere Sehgewohnheiten verändert - medienwissenschaftlich durchaus relevant - kann schwerlich mit Kants klassischer Frage nach den "Bedingungen der Möglichkeit unserer Erfahrung" auf eine Stufe gestellt werden.

Eine veränderte Perspektive ergibt sich, wenn die Medienanalyse in die Tradition der philosophischen Betrachtung von "Mitteln" eingeordnet wird, eine Tradition, die auf Aristoteles zurückgeht und von Hegel fortgeführt wurde. Diese Blickrichtung lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass es sich bei Medien nicht nur um Informationsträger handelt, sondern auch um technische Geräte. Unter Mitteln im philosophischen Sinn werden dann nicht nur Werkzeuge, Maschinen und technische Systeme verstanden, sondern eben auch Sprache, Schrift, Buchdruck, Fotografie, Telefon, Radio, Fernsehen und Computer. Nicht nur die Bearbeitung der "äußeren" Natur zählt zu den wesentlichen Merkmalen menschlicher Kultur, auch die Art und Weise der Übermittlung und Speicherung von Informationen gehört dazu. Was folgt aus einer derartigen systematischen Einordnung für die philosophische Mediendiskussion? In Erinnerung gerufen werden kann, dass mit Beginn der Neuzeit Naturerkenntnis nicht mehr als theoria, als Schau, betrieben wurde, sondern technische Instrumente wie Zirkel, Lineal, Laborgeräte vermehrt zum Einsatz kamen. Aber auch graphische Darstellungsverfahren wie mathematische Berechnungen und Diagramme gehören zu den unverzichtbaren Bestandteilen der wissenschaftlichen Praxis. Diese werden zunehmend abgelöst durch computergestützte Berechnungen und Bildgebungsverfahren. Angenommen, jedes dieser zum Einsatz kommenden Mittel nimmt Einfluss nicht nur auf die Art, wie wissenschaftliche Ergebnisse präsentiert, sondern auch, wie sie gewonnen werden, so müsste sich der Wechsel zu den elektronischen Medien in entscheidender Weise auswirken. Es geht in diesem Zusammenhang, mit anderen Worten, um die technisch beziehungsweise medial vermittelten Bedingungen unserer Erkenntnis.

Transformationsprozesse

Die Einordnung der philosophischen Medienanalyse in die allgemeine Mittelreflexion bietet den Vorteil, so meine These, dass sie zunächst erlaubt, eine deutliche Antwort auf die Frage zu formulieren, was Aufgabe oder Thema einer zeitgenössischen Medienphilosophie wäre. Sie gestattet darüber hinaus eine klare Strukturierung im unübersichtlich weiten Feld derjenigen Objekte, die als Medien gelten können. Zunächst zum ersten Punkt: Was könnte zentrale Aufgabe einer Medienphilosophie sein? Darauf lassen sich in der aktuellen Diskussion drei Antworten finden. Die erste zielt darauf ab, Medien vor allem als gegenständliche Objekte, als Zeichensysteme oder technisch-elektronische Artefakte aufzufassen - Ihr Fotoapparat und Ihre Fotos, mein Radio und mein Computer. Inwiefern nehmen derartige Dinge aber Einfluss auf Prozesse der Erkenntnisgewinnung? Bei der Beantwortung dieser Frage hat sich in der Philosophie ein besonderes Augenmerk auf unterschiedliche Arten von Schrift entwickelt. Befragt werden einzelne philosophische Autoren und ihr Werk darauf hin, ob ein bestimmtes Medium, ein bestimmter Typus von Schrift Einfluss hatte auf ihr Denken. Dabei kann es sich dann um Fragen der folgenden Art handeln: Was ist davon zu halten, dass Platon der mündlichen Unterweisung im dialektischen Gespräch den Vorrang einräumte, während er selbst als brillanter Schriftsteller die im fiktiven Gespräch entwickelten philosophischen Gedanken schriftlich hinterlegte? Hat es etwas zu sagen, dass Husserl, der Verfechter einer unvermittelten, anschaulichen Evidenz, seine Gedanken in Stenographie notierte? Welchen Einfluss hat die Einführung des schriftlichen Rechnens zu Beginn der Neuzeit auf die Philosophie von Descartes und Leibniz? Und welche Linie lässt sich ziehen von den ältesten Rechenmitteln, den Zählsteinen der Babylonier und Griechen, zu heutiger Computersoftware? Fragen dieser Art sind alles andere als trivial und bieten im besten Fall neue Perspektiven auf einzelne philosophische Werke.

Eine andere Antwort auf die Frage nach der Aufgabe von Medienphilosophie stammt von Stefan Münker: Nicht Medien sind demzufolge das Thema der Medienphilosophie, sondern die soziokulturellen Transformationsprozesse, die durch die Einführung neuer Medien eingeleitet werden. Da jedes neue Medium auch neue Möglichkeiten eröffnet, müssen die neuen Perspektiven, aber auch neue Gefahrenpotenziale erkannt und bestimmt werden. Es ist diese Dimension, die in den Diskussionen um die neuen Medien im Vordergrund steht.

Der Vollständigkeit halber soll eine dritte, radikale Antwort erwähnt werden, die von Martin Seel und Elena Esposito formuliert wurde: Ihr zufolge sei eine eigenständige Medienphilosophie nicht möglich; es handelt sich lediglich um eine bestimmte Frageperspektive, die in philosophische Kontexte eingeführt wird. Denn der Einsatz der Video- und Computertechnik provoziert neue ästhetische Erfahrungen und tangiert damit selbstverständlich den Bereich der philosophischen Ästhetik.

Für die genannten programmatischen Positionen zur Medienphilosophie lassen sich gute Beispiele finden in einem Sammelband, der im vergangenen Herbst unter dem Titel Systematische Medienphilosophie im Aufbau-Verlag erschien. Die Herausgeber, Mike Sandbothe und Ludwig Nagl, verstehen ihn als eine erste umfassende Bestandsaufnahme der Diskussionen im deutschsprachigen Raum. In dem Band sind allerdings derartig viele Spektren aufgenommen, dass man oft den Eindruck gewinnen kann, Philosophen und Kunstwissenschaftlerinnen wollten ihr altes Steckenpferd unter einem neuen, medientheoretischen, Etikett verkaufen.

Mittel und Medium

Hilfreich in allen Überlegungen zur Medienphilosophie ist meiner Ansicht nach eine Unterscheidung, die die philosophische Mittelreflexion bereithält: nämlich die Aspekte "Mittel" und "Medium" zu differenzieren. Ein Mittel ist ein Gegenstand oder ein Artefakt, das eingesetzt werden kann, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. So bediene ich mich an dieser Stelle der phonetischen Schrift, des Buchdrucks und des Massenmediums Zeitung, um mein Verständnis von Medienphilosophie publizistisch vorzustellen. Ich benutze sie als Mittel, um einen bestimmten Zweck zu verfolgen. Sie darüber hinaus als "Medium" zu betrachten heißt, danach zu fragen, welche unterschiedlichen qualitativen Möglichkeiten und Spielräume diese verschiedenen Mittel bieten. Verhandelt werden über die Unterscheidung zwischen Medien und Mitteln jene Transformationsprozesse, die Stefan Münker als Thema der Medienphilosophie bezeichnet hat.

Ein Beispiel für die Medialität von Mitteln bieten die philosophisch klassischen Begriffe von Raum und Zeit. Wie Götz Großklaus in seinem Beitrag zu dem erwähnten Sammelband betont, gehört der Raum zu den primären Orientierungspunkten des Menschen. Es sind aber Transportmittel wie die Bahn oder das Flugzeug oder das elektronische Gerät Computer, die unsere Raumerfahrungen verändern. Eine Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn lässt uns in beinahe sentimentaler Weise erahnen, wie groß die Entfernung zwischen Moskau und Wladiwostok wäre, wie viele Welten und Wirklichkeiten zwischen beiden Städten lägen, könnten wir die selbe Strecke nicht in wenigen Stunden mit dem Flugzeug überwinden. Auswirkungen haben derartige Schrumpfungs- und Beschleunigungsprozesse aber nicht nur auf unsere subjektive Wahrnehmung, sondern auch auf wirtschaftliche Prozesse. Erinnert sei daran, dass einige der Konkurse von Banken in den neunziger Jahren der Tatsache geschuldet waren, dass dem Effektenhandel via Internet wegen der Schnelligkeit der Prozesse keine realen Werte mehr gegenüber standen. Aber was ist in diesem Zusammenhang ein realer Wert?

Auf der Grenze

Diese Beispiele machen deutlich, dass der philosophische Begriff des Mediums über den der Kommunikationswissenschaftler hinaus geht. Er behandelt Gegenstände und Artefakte aus der Perspektive heraus, dass sie nicht nur Mittel zum Zweck sind, sondern neue Potenziale eröffnen. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Beurteilung des Ausgangspunkts aller Medienphilosophie, den Computer? Was ist das Neue an ihm, das es lohnt, dass sich Philosophen mit ihm beschäftigen? Wie Lutz Ellrich betont, kann er als Universalmedium verstanden werden, das alle bisherigen Medien in sich vereint - Schrift, Bild, Ton - und das Menschen mit einander verbindet. Aber er ist eben auch Medium in der Weise, dass er neue Möglichkeitsräume erschließt, neue Wirklichkeiten. Zu den wichtigsten Resultaten der Medienreflexion zählt in diesem Zusammenhang ein neuer Zugang zu Bildern.

Bereits 1967 hatte der amerikanische Philosoph Nelson Goodman in seinem Klassiker Sprachen der Kunst verdeutlicht, dass ein Bild nicht deswegen Bild ist, weil es Ähnlichkeiten mit einem Abgebildeten aufweist - eine Ansicht, die sich in Anbetracht der nicht-gegenständlichen Malerei geradezu aufdrängte. Als noch dringlicher erweist sie sich in der Konfrontation mit computergenerierten Bildern. Es sind nicht die Oberflächen von Computerspielen, die gesteigerte Aufmerksamkeit erfordern, sondern visuelle Präsentationen im wissenschaftlich-technischen Bereich. So gilt beispielsweise, dass Bilder, die im Zusammenhang mit Nanotechnologien verwendet werden, nicht ein wirklich Vorhandenes abbilden. Bei ihnen handelt es sich vielmehr um Visualisierungen, die als eine Form des technischen Sehens verstanden werden sollten. Unter dieser Voraussetzung muss diskutiert werden, was sie überhaupt zeigen und inwiefern das Gezeigte auch anders dargestellt werden kann. Ins Zentrum rücken hier konkurrierende Möglichkeiten der Darstellung oder der Modellbildung. Ähnliches gilt für Simulationen im großen Sinn - um wissenschaftliche Thesen zur Klimaentwicklung beispielsweise, die nicht nur mit visuellen Präsentationen arbeiten, sondern vor allem auf Berechnungen basieren. In einem solchen Fall werden wir mit konkurrierenden Wahrscheinlichkeiten konfrontiert, deren Berechnungen erst durch die Rechenmaschine Computer möglich wurden. Die eingesetzten Bilder appellieren zwar an unser Gefühl für Evidenz; genau diese dürfen sie aber nicht beanspruchen, weil sie auf höchst komplexen Voraussetzungen beruhen. Der Computer ist in einem solchen Fall nicht nur als Medium zu verstehen, weil er eine Fülle von Daten speichert und bearbeitet; er ist auch Medium insofern er neue Wirklichkeiten generiert, mit denen wir in Wechselwirkung stehen.

Und was heißt das für die Medienphilosophie? Sie ist sicherlich ein akademisches Unternehmen insofern, als sie an den Universitäten angesiedelt ist. Aber sie stellt alles andere als eine verstaubte Disziplin dar. Denn das, was Medien heute sind, lässt sich nicht per Textinterpretation erschließen. Medienphilosophie steht an der Grenze zwischen Philosophie und den einzelnen Fachwissenschaften, die auf Medien spezialisiert sind. Philosophen und Philosophinnen in diesem Bereich sind gefordert, das jeweilige Fachwissen zur Kenntnis zu nehmen. Aber sie haben auch einen eigenen Beitrag zu leisten: Es ist das analytische Handwerkszeug der philosophischen Tradition, das sie zum gesellschaftlichen Diskurs über die Auswirkungen der neuen Medien beitragen können.

Ulrike Ramming arbeitet als Stipendiatin am Institut für Philosophie der Universität Stuttgart. Von ihr ist im April das Buch Mit den Worten rechnen. Ansätze zu einem philosophischen Medienbegriff im transcript-Verlag erschienen.

Hinweis: Dr. phil. Wolfgang Hegener, Autor des Freud-Essays Was haben Sie weggelassen im Freitag 26/2006 war nie Mitglied des Berliner Instituts für Psychotherapie und Psychoanalyse (BIPP) - d. Red.


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00:00 07.07.2006

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