Mehr als ein paar Schürfwunden

Strauss-Kahn Die Festnahme des IWF-Direktors in New York sorgt für wildeste Gerüchte. Wurde er Opfer eines Komplotts, um ihn als Präsidentschaftsbewerber kaltzustellen?

Frankreichs Parteien befinden sich mitten im Nahkampf um die Wahl des aussichtsreichsten Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2012. Besonders undurchsichtig ist die Lage bei den Sozialisten, wo außer der Ersten Sekretärin Martine Aubry, auch die 2007 unterlegene Ségolène Royal, ihr ehemaliger Lebensgefährte François Hollande und Dominique Strauss-Kahn, Direktor des Internationalen Weltwährungsfonds (IWF), in den Ring steigen möchten. In diese heikle Situation platzt nun wie ein „Donnerschlag“ (Martine Aubry) Strauss-Kahns Festnahme in New York. Der Untersuchungsrichter ermittelt gegen den Verhafteten wegen des Verdachts „der sexuellen Belästigung und versuchten Vergewaltigung einer Hotelangestellten in Verbindung mit Freiheitsberaubung“. Wie fast immer bei solchen Delikten gibt es keine Zeugen, aber jede Menge Gerüchte und Spekulationen.

Gerüchte werden auch deshalb schnell und keiensfalls aussichtslos kolportiert, weil sich der IWF-Chef bereits ein Jahr nach seinem Amtsantritt im November 2007 gegen den Vorwurf wehren musste, er habe seine Stellung als Direktor genutzt, um einer ungarischen Angestellten des Währungsfonds eine sexuelle Beziehungen aufzudrängen. Die Untersuchungen im puritanischen amerikanischen Klima wurden dann aber eingestellt – Strauss-Kahns Ehefrau Anne Sinclair stellte sich demonstrativ hinter ihren Mann. Der überstand die Affäre mit ein paar Schürfwunden und blieb im Amt.

Die Firma

Dass alles glimpflich ausging, lag an Strauss-Kahns Beratungsquartett – und das hat es in sich. Dazu gehören Ramzi Khirou, Gilles Finchelstein, Stephan Fouks und Anne Hommel, die von dem zweifelhaften Ruhm leben, der Trupp für alle Fälle und fürs Grobe zu sein. Unter politischen Beobachtern firmiert das Quartett als „die Firma“, die keine Grenzen kennt zwischen Politik, Geschäft und Intrige. Pikanterweise berieten die vier vor 2007 auch Cécilia Sarkozy, eine der Ex-Frauen des heutigen Präsidenten. Sie kooperierten außerdem mit 40 börsennotierten französischen Unternehmen, ebenso mit einem afrikanischen Autokraten wie Ali Bongo, der Gabun von 1967 bis 2009 regierte und wirtschaftlich ruinierte, oder Laurent Gbabgo, bis vor kurzem Staatschef der Elfenbeinküste. Skrupel kennt „die Firma“ so wenig wie Interessenkonflikte.
Eine Schlüsselfigur des Quartetts ist der 1971 geborene Ramzi Khiroun, der seinen beruflichen Aufstieg in Sarcelles machte, wo Strauss-Kahn seit 1995 Bürgermeister war. Khiroun warnte Strauss-Kahn 1998 vor finanziellen Unregelmäßigkeiten bei der staatlichen Krankenversicherung für Studenten. Strauss-Kahn ignorierte das und geriet selbst in den Strudel der trüben Geschäfte, bei denen er als Anwalt rund 600.000 Francs verdient hatte. Die Konsequenz: Er musste Ende 1999 als Wirtschaftsminister im Kabinett von Linoel Jospin abdanken.

Doch honorierte Strauss-Kahn den Warner Khiroun für seine Signale und engagierte ihn als Prozessberater. Als solcher verhinderte Khiroun, dass Fotos vom Angeklagten Strauss-Kahn kursierten, als der 2007 gegen Ségolène Royal um die Präsidentschaftskandidatur 2007 kämpfte. In dieser Situation hätten solche Bilder für einen großen Imageschaden gesorgt. Wenn es darauf ankam, organisierte Khiroun auch Pfeifkonzerte bei Wahlmeetings von Ségolène Royal.

Mit seinem jüngsten Hilfsdienst freilich brachte Khiroun seinen Mäzen Strauss-Kahn schon zwei Wochen vor der jetzigen Sex-Affäre in Schwierigkeiten. In einem sündhaft teuren Porsche Panamera holte er den IWF-Chef und Anne Sinclair vor der noblen Wohnung an der Place des Vosges in Paris ab. Tage später kursierte das Foto im Internet – Frankreich hatte einen seiner boulevardesk-medialen Pseudoskandale. Es wurde die an Schwachsinn grenzende Allerweltsfrage gestellt, ob ein sozialistischer Kandidat im Porsche herumfahren dürfe.

Ins Gerede gebracht

Noch bevor darauf eine Antwort verbereitet war, kam das Gerücht auf, der Porsche gehöre Khiroun selbst. Das wiederum bestritt das Internetportal atlantico.fr, indem es darauf hinwies, der Porsche gehöre nicht Khiroun, sondern sei der Dienstwagen, den ihm sein zweiter Arbeitgeber, der Verleger Arnaud Lagardère, zur Verfügung stelle. Khiroun konterte, nur mit Hilfe der Polizei hätte der Besitzer des Dienstwagens ausgemacht werden können. Und da das Internetportal atlantico.fr, dessen Mitbesitzer Arnaud Dassier ist, das Foto zuerst veröffentlich habe, sei erwiesen: Strauss-Kahn wurde mit Hilfe der Polizei und wohl auch Sarkozys ins Gerede gebracht. Denn dieser Arnaud Dassier habe 2007 Sarkozys Wahlkampf im Internet organisiert. Damit waren die Zugänge zu allen Gerüchteküchen und Stammtischen ganz weit offen. So ist jetzt in den Medien auch die Frage erlaubt, ob Nicolas Sarkozy persönlich eine New Yorker Hotelangestellte auf Strauss-Kahn angesetzt hat, um den aussichtsreichen Konkurrenten zu erledigen. Oder war es die CIA oder eine US-Filiale von al Qaida?

Man muss sich mit derlei Schwachsinn nicht herumschlagen. Es gilt vorerst die Unschuldsvermutung, so dass Strauss-Kahn doch noch Präsidentschaftsbewerber werden könnte. Doch nach Lage der Dinge hat sich der Verdächtige wohl selbst und ultimativ erledigt – falls der „Firma“ nicht noch ein genialer Mediendreh einfällt.

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11:05 16.05.2011

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