Mehr als nur Voodoo

Geheimwissen David Aaronovitch untersucht Verschwörungstheorien – und macht es sich dabei zu einfach: Nicht nur die Dummen und Schwachen glauben gerne an das ganz große Komplott

Die Iran-Contra-Affäre ist die einzige Verschwörung der US-Regierung im 20. Jahrhundert. Diese Meinung vertritt der englische Journalist David Aaronovitch, für den Komplotttheorien allesamt „Voodoo-Geschichten“ sind. Sein Buch Voodoo Histories verspricht zu erklären, wie Verschwörungstheorien die Zeitgeschichte geprägt haben – und enttäuscht. „Ich möchte außerdem zeigen, dass diese Theorien destruktiv sind“, verlautbart der ehemalige Mitarbeiter des Guardian zudem. Doch zum Mahner und Warner fehlen dem Autor Ernst und Fachwissen. Wissenschaftlichen Studien zu dem Thema widmet er sich nur oberflächlich. Wichtige Fragen, wie sie Franz Neumann und Max Horkheimer umrissen haben, lässt er links liegen. Wie etwa: Rührt der Glaube an Konspirationen aus politischer Entfremdung? Was Aaronovitch dagegen gelingt, ist die gut recherchierte Diskussion neuester wie älterer Argumente, die Ereignisse wie das Attentat auf John F. Kennedy aus der Grauzone der dekadenlangen Verschwörungstheorien heraushebeln wollen.

Die Leser werden auch die meisten der anderen Fälle kennen, die Aaronovitch anspricht: Neben dem Dallas-Attentat auf JFK und dem ebenfalls kontroversen Hergang des Todes seines Bruders Robert finden die Ermordung von Martin Luther King sowie die angeblichen 9/11-Verschwörungen Erwähnung. Darüber hinaus wendet sich Aaronovitch einigen englischen „X-Files“ zu, wie dem Selbstmord des Biowaffen-Experten David Kelly und dem tödlichen Autounfall von Prinzessin Diana.

Auch du, Winston Churchill

Neben den angloamerikanschen Fällen bespricht Aaronovitch die Protokolle der Weisen von Zion. „Die Judenbewegung ist nichts Neues“, zitiert er eine britische Stimme von 1920: „Diese Verschwörung, um die Zivilisation zu stürzen, ist stetig angewachsen.“ Der Kommentar stammt von dem damaligen Kriegsministers und heutigen Nationalhelden Winston Churchill. Mit diesem und anderen pointierten Zitaten rekonstruiert Aaronovitch die Atmosphäre nach dem Ersten Weltkrieg, als die Europäer erneut dem antisemitischen Stereotyp des nach Weltmacht strebenden Juden verfielen. Die vermeintlichen Protokolle galten ihnen als Beweis für die jüdische Schuld.

Der Titel Voodoo Histories erscheint hier als bizarre Simplifikation, die die Bedeutung der Protokolle für den Antisemitismus zu verkennen droht. Doch so leichtfertig er an dieser Stelle wirken mag, so sorgfältig führt Aaronovitch die historische Untersuchung der angeblichen Protokolle durch. Die knappe Seitenzahl hindert ihn nicht daran, weit auszuholen. Womit er den Leser überrascht, sind weniger die historischen als die gegenwärtigen Geschehnisse: „Im Mai und Juni 2008 strahlte der iranische Nachrichtensender IRINN Berichte aus, in denen Akademiker und ‚Forscher‘ die Authentizität der Protokolle untermauerten.“

Im starken Kontrast zu diesem Kapitel stehen die anschließenden. So kann Aaronovitch sich eines bissigen Sarkasmus nicht erwehren, wenn er die Verschwörungstheorie um das Christentum aufs Korn nimmt. War Jesus mit Maria Magdalena verheiratet? Hatte das Paar Nachkommen? Den Fragen, aus denen Dan Brown seinen Bestseller Sakrileg bastelte, sind Richard Leigh und Michael Baigent vor fast 30 Jahren auf die Spur gegangen. In ihrem 1982 erschienenen Buch The Holy Blood and the Holy Grail behaupteten sie, eine Jahrtausende dauernde Konspiration der katholischen Kirche aufzudecken. Über die pseudowissenschaftliche Veröffentlichung schreibt, nein: amüsiert sich Aaronovitch in dem Kapitel Holy Blood, holy Grail, holy Shit.

Der bissige Spott des Autors tut seinem Buch keinen Gefallen. Der Leser fragt sich: Müssen Verschwörungstheorien generell ernst genommen werden oder nicht? Zurecht schert Aaronovitch die Komplotttheorien nicht über einen Kamm und setzt die Protokolle der Weisen von Zion nicht mit The Holy Blood and the Holy Grail gleich. Aber er versäumt eine Hierarchisierung der vermeintlichen Verschwörungen, basierend beispielsweise auf ihren Ursprüngen, ihrer Folgenschwere oder Untermauerung durch Fakten. Für ihn scheint es lediglich zwei Etiketten für Konspirationstheorien zu geben: gefährlich oder absurd. Dem Thema wird er damit nicht gerecht.

Zu schnell abgeurteilt

So scheint für viele der Gedanke grotesk, dass das HIV-Virus in einem US-Labor entwickelt wurde, um die afroamerikanische Bevölkerung zu dezimieren. Dennoch halten heute laut Umfrage über ein Drittel aller Afroamerikaner die Theorie für einen Fakt. Dies mag angesichts des Tuskegee-Experiments weniger überraschend wirken: Zwischen 1932 und 1972 studierte die US-Regierung Auswirkungen unbehandelter Syphilis an Afroamerikanern, obgleich die Krankheit spätestens ab 1947 mit Penicilin behandelbar war. In diesem wie anderen Fällen scheint der Glaube an Verschwörungen eher eine komplexe Reaktion auf die soziokulturellen Umstände und keine banale „Voodoo-Geschichte“ zu sein.

Doch Aaronovitch, der bequeme Skeptiker, begnügt sich mit oberflächlichen Erklärungen – so auch im Fall Hilda Murrells: Die englische Anti-Atomkraft-Aktivistin arbeitete im Frühjahr 1984 an einem Aufsatz über die Entsorgung radioaktiven Materials, der Teil einer öffentlichen Befragung werden sollte; bevor sie das Dokument fertigstellen konnte, wurde die damals 78-Jährige vergewaltigt und ermordert. Im Jahr 2005 überführte die Polizei einen Andrew George als Mörder. Doch Augenzeugen äußern bis heute ihre Zweifel an Georges Schuld. Für Aaronovitch ist der Grund, wieso sie kein Gehör finden, simpel: „Die Dämonen der achtziger Jahre – die Atomkraftlobby und ihre aggressiven Lakaien – sind mittlerweile anderen gewichen.“

Ähnlich dürftig der Epilog, den Aaronovitch als „Gute-Nacht-Geschichten“ betitelt: „Komplotttheorien sind besonders für die Verlierer von sozialen und politischen Veränderungen attraktiv“, schreibt er. Wieso sprechen dann Politiker – wie in den Fünfzigern etwa Joseph McCarthy – von Verschwörungen, die es zu entlarven gilt? Verschwörungstheorien scheinen mithin mehr als ein Instrument der Schwachen.

Darauf geht Aaronovitch jedoch nicht ein und lässt auch an anderen Stellen Diskussionsbedarf zurück: Waren die Eingriffe der USA im Iran 1953 und Guatemala 1954 keine Verschwörungen? Oder die vereitelten Attentate auf Fidel Castro und der ominöse Tod Patrice Lumumbas? Und was war Watergate? So weckt dieses Buch den Eindruck, der Autor könne nicht weniger unbefangen mit Verschwörungen umgehen als die Komplotttheoretiker, die er durch den Kakao zieht.

Voodoo HistoriesDavid Aaronovitch Random House UK, London 2010, 400 Seiten, ca. 11

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10:00 15.08.2010

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