Mehr als Überleben

Literatur Donatella Di Cesare schreibt in philosophischen Essays gegen die nach Corona drohende Barberei an
Mehr als Überleben
Der Überlebende zieht seine Stärke aus dem Berg von Toten, auf dem er steht – das wusste schon Elias Canetti

Foto: Alex Majoli/Magnum Photos/Agentur Focus

Es ist erst wenige Wochen her, da befand sich Italien im dunkelsten Frühjahr seit Langem. Roms Stadtkörper ausgebleicht, vom matten Blau der Polizisten abgesehen, aus dem Norden Bilder von Särgen, die die Armee auf Friedhöfen ablud. Dazwischen immer wieder Menschen mit blauen und weißen Stoffmasken, die in ordentlichen Abständen Schlange vor Apotheken und Supermärkten standen. War das noch Italien oder schon Nordkorea?

Die Folgen des Corona-Ausnahmezustands mit einem der härtesten Lockdowns Europas werden in Italien erst allmählich sichtbar. Der Schock sitzt tief – und zwar in mehrfacher Hinsicht. Darauf hingewiesen haben auch zwei Philosophen, die einander recht ambivalent gegenüberstehen. Sie übernehmen die Aufgabe, zu vermitteln, was noch vermittelt werden kann, sie agieren als Anwälte und als Therapeuten.

Keine Idee vom Guten

Giorgio Agambens Ausführungen über einen neuerlich totalitären Staat, der das Virus als Gelegenheit nutzt, um seine Bürger zu entmündigen, hat gegensätzliche Reaktionen hervorgerufen. Der Denker eines nicht nur totalitäre, sondern auch demokratische Gemeinwesen legitimierenden „Ausnahmezustandes“ ist unlängst zum Schirmherrn von Anticorona-Demonstrationen sowie zum Gottseibeiuns linksliberaler Leitartikler avanciert. Dabei sind einige Grundannahmen durchaus diskutabel. Etwa die, dass das Virus unserer – und speziell der italienischen – Gesellschaft vor Augen geführt habe, dass Politik „Biopolitik“ ist, weil der Staat nur mehr das „nackte Leben“ verteidigt. Er muss es gar nicht erst darauf reduzieren. Denn es scheint tatsächlich nichts anderes übrig geblieben als der kollektive Überlebenswunsch, wenn sogar religiöse Zusammenkünfte gegen die eigenen Bischöfe verteidigt werden müssen. Wenn Alte und Sieche ohne jahrhundertealte Worte und Gesten des Abschieds sterben und jedes Ritual zur Gestaltung des Lebens im vorauseilenden Gehorsam eingestellt wird. Wenn jeder brav zu Hause bleibt, so lange wenigstens der Nachschub im Supermarkt gesichert ist. Der Schock sitzt tief, nicht nur darüber, dass der Katholizismus praktisch abgedankt hat. Die enigmatischen Bilder des Papstes allein auf dem leeren Petersplatz – mehr ein Farewell denn eine Einladung an das göttliche Erbarmen.

Aber auch die säkulare Gemeinschaft hatte dem Virus keine Idee des guten Lebens entgegenzusetzen. Vielleicht freute sie sich über eine geringfügige Verzögerung des Klimawandels – darüber also, dass Weltzeit und Lebenszeit für’s Erste doch noch einmal auseinanderklaffen. Der Überlebende zieht seine Stärke aus dem Berg von Toten, auf dem er steht, das wusste schon Elias Canetti.

Dass die Idee eines Lebens, das mehr wäre als Überleben, gänzlich verloren zu gehen droht, dies treibt die in Rom lehrende Denkerin Donatella Di Cesare um. Bis vor einigen Jahren saß sie der Heidegger-Gesellschaft vor, aus der sie sich zurückzog, als der Antisemitismus des Meisters als esoterischer Kern seiner Schwarzen Hefte entborgen wurde. Im Mai fügte die Repubblica, Italiens zweitgrößte Tageszeitung, einer Samstagsausgabe ihren Essay Souveränes Virus? Die Atemnot des Kapitalismus bei, der nun in Daniel Creutz’ umsichtig interpretierender Übersetzung auf Deutsch vorliegt. Ähnlich wie Giorgio Agamben geht es ihr um eine Kritik demokratischer Selbsttäuschungen. Doch während Giorgio Agamben vor allem als Kritik am modernen Wohlfahrtsstaat rezipiert wird, sucht Donatella Di Cesare die wunden Punkte des Liberalismus auf. Unter dem Stichwort der „immunitären Demokratie“ versammelt sie die Vorstellung vom Gemeinwesen, das seinen Mitgliedern Freiheit von Lebensrisiken verspricht. Die Immunitätsansprüche sind sozialer, sicherheitspolitischer und moralischer Natur, sie basieren auf dem wissend-verschwiegenen Ausschluss sowohl der Realität als auch der Fremderfahrung des Selbst. Das bedrohe schließlich die Voraussetzungen von Sozialität: „Im lateinischen Wort immunitas ist die Wurzel munus präsent, ein nur schwer zu übersetzender Terminus, der Tribut, Gabe und Obliegenheit bedeutet, das jedoch im Sinn einer untilgbaren Schuld, einer gegenseitigen Verpflichtung, die unentrinnbar bindend ist. Befreit, entbunden und entpflichtet zu sein, heißt demnach, immun zu sein. Das Gegenteil von immun ist kommun, gemeinsam.”

Corona in Italien

Italien war früh und sehr stark von der Covid-19-Pandemie betroffen. Schon am 19. März 2020 überschritt die Zahl der an Sars-CoV-2 Verstorbenen mit über 3400 die der Opfer in China. Die Regierung antwortete mit strikten Maßnahmen. Eine Ausgangssperre wurde erst im Mai gelockert. Bis heute gibt es fast 35.000 Todesopfer in Italien. Nachrichten darüber, dass Ärzte zeitweise die „Triage“ anwenden mussten, also nach Einschätzung der Überlebenschance Erkrankter über deren Behandlung oder Nichtbehandlung entschieden, gingen um die Welt.

Freilich sind etymologische Argumente nicht die stärksten. Dennoch trifft die Denkfigur der „immunitären Demokratie“ auf eine näher gerückte „brave new world“ der digitalen Arbeit mit ihrer verschwiegenen Selbstausbeutung und der gesellschaftlichen Teilhabe durch gelegentliches Dazuschalten. Wer sich in den neuen Medienzusammenhang nicht einreiht, wird unsichtbar und stimmlos – und keine Kette der Verpflichtung führt mehr zu ihr oder ihm. Wenn das Mitleid zu sozialen Randgruppen noch durch Begegnungen im Nahbereich ausgelöst wurde, so könnte es sein, dass wir uns ihrer ebenso entledigen wie der Abertausend Schiffbrüchigen auf dem Mittelmeer.

Angst vor Säften

Die Immunität ist, das suggeriert Donatella Di Cesare, nicht a-, sondern antipolitisch. An die Stelle der Parlamente treten Experten, Staatsepidemiologen etwa, die Vorschläge unterbreiten, denen man zu folgen habe. Je weniger medizinisches Wissen als Indizienwissenschaft und je mehr es als Einladung zur systematischen Planung genommen wird, je mehr der Körper die Staatsbevölkerung meint und nicht mehr den Einzelnen, desto deutlicher zeichnen sich die Konturen von Hobbes’ Leviathan ab. Aus der einstigen Angst vor dem Bürgerkrieg wird wieder die Angst vor den Seuchen. Beide attackieren ein Gemeinwesen von innen, indem sie Affekte oder Körpersäfte infizieren. Ihre Gleichbehandlung führt schließlich dazu, dass Gesellschaft und Natur auf ihre wechselseitigen Spiegelungen reduziert werden. Sie erscheinen also im Krisenmodus, der auf Dauer gestellt Politik auf das bloße Prozessieren von Entscheidungen verpflichtet. Andererseits mag die Rede von der Krise auch eine verdruckste Hoffnung auf das große Andere enthalten, so verzweifelt man es auch auszuschließen bemüht ist.

Ein ähnlicher Gedanke liegt Donatella Di Cesares vor zwei Jahren verfasstem Band Von der politischen Berufung der Philosophie zugrunde. Das verneinte Andere ist hier nicht das Virus, sondern die Bedingung des Kapitalismus, der das Andere als das je wieder konsumierbare Selbe vorstellen muss. Das Schicksal des Kapitalismus, das sei die „gesättigte Immanenz des Globus“, der tote Weltinnenraum. Anschaulich werde dies an der Nivellierung des Erfahrungshintergrunds, der Einschmelzung von Tag und Nacht in ein unterschiedsloses Halbwachen von 24/7, das „Nonstop der Betriebsamkeit“. Dagegen mobilisiert Donatella Di Cesare die Philosophie als Kunst des Aufwachens aus der individuellen Versenkung ins Geteilte. „Ohne die geteilte Welt – koinon – des logos gibt es keine polis.“ Die Krise bringt dies je wieder zum Vorschein.

Beide Bücher Donatella Di Cesares sind Einführungen in die Philosophie, indem sie für ihre geschichtliche und existenzielle Notwendigkeit plädieren. Deshalb ist ihnen der Gestus der Sonntagsrede nicht fremd. Und natürlich wimmelt es von hehren Substanzialisierungen (à la: „Welcher Spielraum bleibt dem Denken noch …“), die die eigene Krise seit hundert Jahren als Legitimationsgrund in Szene setzen.

Dass sich die Lektüre dennoch lohnt, hat vielleicht mit der Sehnsucht tun, den Zeitzustand zu transzendieren. Diese Sehnsucht geht dem geschriebenen Text voraus, sie bindet den Wunsch nach dem Verstehen, Bannen, vordringlich aber der Vergemeinschaftung einer höchst verstörenden Erfahrung. Denn abgesehen von Fernsehnachrichten war der (italienische wie der gesamte südeuropäische) Lockdown bilder-, geräusch- und geruchlos, die Erfahrung eines Nichts. Eines Nichts an Überleben. Damit dieser Zustand nicht zu neuer Barbarei führt, braucht es unter anderem die Philosophie.

Info

Von der politischen Berufung der Philosophie Donatella Di Cesare Daniel Creutz (Übers.), Matthes & Seitz 2020, 175 S., 22 €

Souveränes Virus? Die Atemnot des Kapitalismus Donatella Di Cesare Daniel Creutz (Übers.), Konstanz University Press 2020, 114 S., 18 €

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06:00 29.07.2020

Ausgabe 33/2020

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