Mehr Alternativen zu „Hager“ als Bloch

Debatte Die Dialektik der Aufklärung wurde in der DDR nicht zur Kenntnis genommen
Günter Wirth | Ausgabe 45/2015
Mehr Alternativen zu „Hager“ als Bloch

Bild: Archiv/der Freitag

Im Prozess der Selbstverständigung über die geistige Situation nach dem Scheitern des „realen Sozialismus“, wie er sich in den publizistischen Auseinandersetzungen und in öffentlichen Diskussionen ereignet, fällt auf, dass zwischen den realen gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen und ihrer intellektuellen Verarbeitung eine tiefe Kluft vorherrscht, und man hat den Eindruck, dass diese angesichts der Akzeleration der objektiven Entwicklung eher tiefer als überbrückbar wird. Wenn man fragt, worin das Wesen dieser Kluft besteht, wird man – skizzenhaft – wohl dies festhalten müssen:

Tatsächlich spielt sich politisch und erst recht ökonomisch ein Prozess ab, der von der Ablösung einer Gesellschaftsordnung gekennzeichnet ist, eben von der, die als realer Sozialismus bezeichnet wurde, die wir als solche bezeichnet haben. lm Grunde ist jetzt das Ereignis, was von Bataillonen von Gesellschaftswissenschaftlern früher als selbstverständliche Voraussetzung für die gesellschaftliche Entwicklung und ihre „Überbau-Verarbeitung angesehen wurde: die „ökonomische Basis“, und die meldet sich allerdings sehr kräftig zu Wort. ln der intellektuellen Verarbeitung dieses Prozesses ist oft genug die Wirkweise eines Schemas zu beobachten, das von Niederlage und Sieg, von der Niederlage der „Sieger der Geschichte“ von gestern und dem Sieg ihrer Gegner bestimmt ist: Im Sinne der schon vor fast einem Jahr getroffenen lapidaren Aussagen des amerikanischen Politologen Fukuyama, der eine hohe Funktion in der Administration innehat, ist mit dem Scheitern des Sozialismus „die Universalisierung der liberalen Demokratie ... als endgültige Form der Regierung der Menschen“ gegeben – und damit sei das „Ende der Geschichte“ erreicht.

Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, Subsidiarität usw., wie sie etwa die katholische Soziallehre aufwirft, sind in solcher Sicht offenbar gegenstandslos, die „Dritte Welt“ ohnehin nicht in Sicht.

Im Versuch, die geistigen Auseinandersetzungen philosophisch zu durchdringen, wird es niemanden geben, der die bisherige „Staatsphilosophie“ à la Kurt Hager verteidigen wird. Gegen diese „Staatsphilosophie“ wird – und das wäre der Paradigmenwechsel, der auf einen bloßen Modellwechsel hinausliefe – auf Ernst Bloch, Leo Kofler, Rudolf Bahro und andere rekurriert, deren Auffassungen im Sinne der „Staatsphilosophie“ unter Verdikt und die selbst unter Verfolgung geraten waren.

Dabei wird – unabhängig davon, dass die geistige Welt und ihre philosophische Verarbeitung nicht länger eindimensional erfasst werden kann – vor allem dies außer acht gelassen: Zu dem Gesamten jenes Prozesses des realen Sozialismus und seines Scheiterns gehört ja auch das, was unmittelbar nach dem Kriege – noch dazu in gesamtdeutscher Perspektive – im geistigen Leben konstitutiv war.

Oskar Negt hat kürzlich (Volkszeitung 23/90) mit Recht darauf hingewiesen, dass der Sprengstoff zur Zerstörung der real sozialistischen Ordnung „bereits in den Grundstrukturen dieser Staats- und Gesellschaftsordnungen“ vorhanden war. „Der bürgerliche Entwicklungsanteil dieser Gesellschaftsordnungen, der vorher ja bestanden hatte, wurde zerstört oder seiner Eigenständigkeit, wie das System der Blockparteien in der DDR mit dem Blick auf die Bereiche der zeigt, beraubt und in den Stand jederzeit mobilisierbarer Akklamationen versetzt.“

Was Negt an den Blockparteien exemplifiziert hat, kann ebenso stringent an den geisteswissenschaftlichen Disziplinen nachgewiesen werden. Es gibt zu „Hager“ die Alternative Bloch, Leo Kofler, Wolfgang Harich, sondern es gibt hinter 1949/50 zurück und allerdings über 1989 hinaus, Philosophen – wie denn auch Historiker, Germanisten, Sozialwissenschaftler, die für mehr als „Modellwechsel“ stehen, die signalisieren, wie die Ablösung einer gescheiterten Gesellschaftsordnung aus seinen Alternativen heraus möglich war, die in deren Anfängen vorhanden waren, aber alsbald, und zwar nicht (jedenfalls nicht nur) geistig, zerstört standen.

Nun waren die philosophischen Auffassungen und geistigen Positionen wie die von Gadamer, Litt und anderen nicht nur der „bürgerliche Entwicklungsanteil“ in der Frühphase einer Gesellschaft, die sich dann zur realsozialistischen entwickelte. So bietet es sich ja erst – und das wäre gegen Negt einzuwenden – aus der Rückschau von heute dar. In der damaligen intellektuellen Reflexion schien ja noch eine ofene Zukunft vorhanden zu sein. Daher wird man hinzufügen müssen, dass die Alternative der Gadamer, Litt, Spranger und der anderen „bürgerlichen“ Philosophen ja auch eine Alternative hinsichtlich der Bewältigung Nationalsozialismus war, und konnte dies sein, da diese Philosophen in der Zeit des NS-Regimes keine „Staatsphilosophie“ geboten hatten. Analoge Überlegungen könnten mit dem Blick auf die Bereiche der Literatur und Kunst angestellt werden.

Auch hier wird m.E. Nach allzu sehr übersehen, dass gegen den „sozialistischen Realismus“ nicht nur das Werk jener Dichter/innen und Schriftsteller/innen steht, die aus ihrem Verständnis des Sozialismus andere Akzente setzten und gesellschaftskritische Dimensionen in ihren literarischen Arbeiten und ihrer (kultur)politischen Haltung zur Wirkung brachten.

Auch hier wird daran erinnert werden müssen, dass es unmittelbar nach dem Kriege andere literarische Programme gab, die – in bedeutenden literarischen Werken realisiert – sowohl hinsichtlich des Menschen- und Weltbildes als auch hinsichtlich der Gestaltungsprozesse alternativ gegen die „Ingenieure der menschlichen Seele“ standen. Ich verweise hier nur auf eine literarische Strömung, die mit einem von Gerhard Pohl geprägten Stichwort als „magischer Realismus“ bezeichnet worden ist und damit auf das literarische Werk von Elisabeth Langgässer und Hermann Kasack. Kasacks 1947 in Potsdam vollendeter Roman „Die Stadt hinter dem Strom“ zeigte allerdings andere Ufer als die, an die erst die SMAD-Repräsentanten und dann die DDR-Kulturpolitiker die literarischen Strömungen in unserem Lande wiesen. Eine Diskussion zwischen Major Dymschitz und Kasack in Potsdam im Dezember 1948 markierte diesen Frontverlauf und man wird aus der heutigen Rückschau geradezu darauf gestoßen, wie damals offensichtlich eine historische Chance vergeben worden ist. Schon in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre wurde die ideologische Indoktrination durch entsprechende politisch-juristische, durch Gewaltakte ergänzt, vertieft und verfestigt. Andererseits gab es damals, nicht zuletzt auch angesichts noch vorhandener eigenständiger Persönlichkeiten und programmatischer Forderungen in den „Blockparteien“ und, wie eingangs angedeutet, analoger Verhältnisse an den Universitäten, weiträumige geistige Auseinandersetzungen, in denen der “bürgerliche Entwicklungsanteil“, um noch einmal Negt zu zitieren, deutlich profiliert in Erscheinung trat. Ob man da an die Kulturbund-Diskussion über die Frage, ob es eine besondere geistige Krise in Deutschland gäbe, denkt oder an die Mehring-Debatte im Thüringer Landtag.

Die zweite Hälfte der vierziger Jahre, vor allem die Jahre 1945 bis 1947/48 können also bei der Erhellung der heutigen Situation nicht ausgeblendet werden. Ja, wenn es so scheint, dass manche der 1945/46 gewonnenen Alternativen heute eine Frische aufweisen, als abih'e aus der gegenwärtigen Lage heraus entwickelt worden seien, dann hängt dies offenbar damit zusammen, dass wir neuerlich die Folgen autoritärer Strukturen zu bewältigen haben und dass wir Impulse hierzu aus der Zeit von vor über 40 Jahren bekommen.

Hier sei eine Beobachtung bzw. Erinnerung eingefügt. Nachdem bei Reclam in Leipzig die Analysen über das Exil erschienen waren habe ich an anderer Stelle bemerkt, dass nunmehr eine analoge Großforschung mit Blick auf die zweite Hälfte der vierziger Jahre beginnen sollte, denn Exil und antifaschistische Reformen nach 1945 hingen dann ja wohl zusammen. Ich hatte überdies nach dem Herbst 1977 an akademische Einrichtungen, Hochschulen und Einzelpersönlichkeiten der DDR eine Art Memorandum zu dieser Problematik geschickt, dabei viel prinzipielle Zustimmung erhalten, ohne dass das Anliegen konkret aufgenommen worden wäre. Das meiste Verständnis fand ich bei Wolfgang Heise, der mir am 27, März 1987 einen Brief hierzu schrieb und bemerkte, aus dieser Zeit (also 1945 bis 1948) sei am schwächsten bearbeitet: „ ... a) die heute kaum vorstellbare außerordentliche Intensität des geistigen Lebens in Abrechnungs- und Orientierungsdiskussionen – aber auch die nachhallende Wirklichkeit der Hitlerzeit, vor deren tatsächlich praktizierter Haltungs-, Gesinnungs- und Geisteslandschaft m.E. noch kein realistisches Bild besteht. b) Damit zusammenhängend: es fehlt eine Rekonstruktion der tatsächlichen Massenerfahrungen, -haltungen und praktizierten Werte, c) die außerordentliche Differenziertheit der ideologischen Positionen entsprechend der soziologischen Differenzierungen...“

Der Schriftsteller und bisherige Volkskammerabgeordnete Uwe Grüning hat in der „Neuen Zeit“ vom 3. Februar 1990 unter der Überschrift „Wir Pfahlbürger oder der Verzicht auf die Zukunft“ geschrieben: „Noch Mitte der achtziger Jahre wurden Schriften von Dilthey und Schopenhauer verboten. Max Weber erschien – in Auswahl – erst im vergangenen Jahr. Sombart, Georg Simmel. Bergson und Croce, William James und Whitehead – wer kennt sie schon? Das Heidegger- und Wittgenstein-Jahr ist vorübergegangen, ohne eine Spur in unserem Kulturkarzer zu hinterlassen. Die Frankfurter Schule im Lichte des Marxismus-Leninismus hieß ein dünnes Heft aus den sechziger Jahren. Dieser christologische Titel hat sich mir eingeprägt. Er verkündete: Außerhalb der marxistischen Staatskirche ist keinerlei Heil. Die Dialektik der Aufklärung – als Buch und als Problem – wurde nicht zur Kenntnis genommen, der Existentialismus, als er blühte, geschmäht. Wo blieben die Essays Octavio Paz', eines der wichtigsten Denker und Poetologen der Gegenwart? Wer hätte auch nur wagen können, einem Verlag die Publikation Ciorans vorzuschlagen?“

Dass auch er „zeitlich“ zurückgreift (und dabei nicht zufällig Gadamer einbezieht), erweist allerdings: Eine Würdigung der aufgrund objektiver historischer Prozesse entstandenen „Befindlichkeit“ der Menschen in ehemaligen DDR, auch der intellektuellen Befindlichkeit, kann m. E. schöpferisch nur gelingen, wenn denn eben die „Vorgeschichte“ dieser 40 Jahre, die auch die „Nachgeschichte“ der „tausend Jahre“ war, die nötige Beachtung und Bewertung fände. Hierbei könnten dann auch jene Elemente des geistigen Lebens und der Kultur entdeckt werden, die in diesen 40 Jahren nicht beschädigt worden sind – nicht beschädigt werden konnten. Hinsichtlich des Literarischen denke ich an das Werk eines Dichters, der in den Gesprächen der letzten Monate viel genannt worden ist: an das Johannes Bobrowskis.

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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06:00 09.11.1990

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