Mehr Business als Kunst

Im Gespräch Anil Sahin, Geschäftsführer des auf türkische Mainstream-Filme spezialisierten Maxximum-Verleihs, über Markt, Politik und Filmkunst

Vom "deutschstämmigen" Kinopublikum bisher weithin unbeachtet, hat sich hierzulande ein lukrativer Markt für kommerzielle Filme aus der Türkei entwickelt. Aufgebaut wurde das Geschäft mit dem türkischen Mainstream von Nermin Tutal und Anil Sahin, die vor fünf Jahren den Maxximum-Filmverleih gründeten. Der Betrieb hat sich inzwischen zu einem internationalen Firmenmodell entwickelt und ist in acht europäischen Ländern aktiv. In die Schlagzeilen geriet der im nordhessischen Poppenhausen angesiedelte Verleih im Februar, als der Blockbuster Tal der Wölfe - Irak mit seinen antisemitischen Untertönen unter Antiamerikanismus-Verdacht fiel und Verbotsforderungen die Runde machten.

Geschäftsführer Anil S¸ahin geht es jedoch nicht um Politik, sondern um Unterhaltung. Die chaotische Armee, der siebte und bislang letzte Teil der populären Komödie Die chaotische Klasse, erreichte europaweit 450.000 Zuschauer. Vom Branchenmagazin Blickpunkt Kino konnte Maxximum inzwischen fünf "Box Office Germany"-Awards entgegennehmen. Der so genannte "Bogey" wird für Kinofilme vergeben, die am Startwochenende einen Schnitt von 1.000 Zuschauern pro Kopie erreichen.

24 Filme hat Maxximum inzwischen herausgebracht, vor kurzem startete mit Ice Cream, I scream ein außergewöhnlicher Autorenfilm: Regisseur Yüksel Aksu verpflichtete für seinen "Volksfilm" die Bewohner des Küstenstädtchens Mugla. Die David-gegen-Goliath-Geschichte über einen kleinen Eisverkäufer, der sich gegen die übermächtige Konkurrrenz der Fertigeisketten zur Wehr setzen muss, changiert zwischen Klamauk und Provinzportrait. Mitte Dezember startet Türken im Weltall, die Fortsetzung der vor 25 Jahren erschienenen Kult-Trash-Komödie Der Mann, der die Welt rettete. Die im Jahre 2055 angesiedelte Geschichte entstand unter Regie des Chaotische Klasse-Regisseurs Kartal Tibet. Sie beschreibt chaotische Zustände im Weltall, wo sich nicht nur schwache Könige, Schmuggler und Döner-Händler tummeln, sondern auch ein türkisches Space-Team unter Führung von Kapitän Kartai, der dem Chaos ein Ende setzen soll. Bezüge zur Gegenwart sind beabsichtigt: die Mitgliedschaft der Türkei in der interplanetarischen Orion-Union ist zwar beantragt, von den anderen Mitgliedern aber noch nicht entschieden.

Die Pressemitteilung von Maxximum sieht Ice Cream, I Scream in der Tradition des italienischen Neorealismus, Der Mann, der die Welt rettete wird mit des Werken des amerikanischen Trash-Klassikers Ed Wood verglichen. Das türkische Mainstream-Kino zielt deutlicher als je zuvor auf ein internationales Publikum, das bisher vor allem mit Yilmaz Güney-Klassikern, Arthouse-Filmen wie dem Berlinale-Friedensfilmpreisträger Reise zur Sonne oder, zuletzt, Kutlug Atamans urbanem Teenagerinnen-Drama Zwei Mädchen aus Istanbul mit dem Filmland Türkei Bekanntschaft machte.

Bernd Buder


FREITAG: Wie entstand die Idee, einen Verleih für populäres türkisches Kino zu gründen?
Alin Sahin: Als ich zum Geschäftsführer der Cinemaxx-Türkei berufen wurde, lernte ich viele türkische Produzenten kennen zu und stellte fest, dass ein professioneller Verleih in Europa gebraucht wurde, jemand, der das kommerzielle Interesse türkischer Filme in Europa vertreten und deren Marktanteil "in Anspruch nehmen" sollte. Es gab zwar ein paar Versuche von Warner Brothers und Konstantin mit einigen Filmen. Da die Vermarktungsstrategien jedoch falsch waren, waren die finanziellen Ergebnisse dieser Filme für deren Produzenten eine bittere Enttäuschung.

Maxximum startete mit Filmkunst ... ?
Wir haben am 18. Oktober 2001 mit Balalayka angefangen. Wir merkten damals, dass türkische Filme in Europa erfolgreich sein könnten. Der Bandit (Eskiya) und Propaganda hatten es an der Kinokasse bereits bewiesen. Balalayka jedoch war ein Arthouse-Film und eine bittere Lehre für uns, aber wir lernten damit den Geschmack unseres Publikums besser kennen. Schon unser zweiter Film Wild Heart (Deliyürek) erreichte mit knapp 30 Kopien 200.000 Zuschauer. Die deutsch-türkische Presse hat unseren Erfolg bejubelt. Die Kinos dagegen waren am Anfang alle ein wenig skeptisch, nur Cinemaxx und die Ufa-Palast-Gruppe haben uns vertraut. Balalayka wurde in nur 22 Kinos gestartet; mit dem Erfolg von Wild Heart dann hat sich die Zahl in kurzer Zeit auf 100 erhöht, heute arbeiten wir mit mehr als 500 Kinos eng zusammen.

An welchen Zuschauerkreis wendet sich Ihr Programm heute und wie erreichen Sie Ihr Publikum?
Bisher haben wir unser Publikum grundsätzlich durch europäisch-türkische Medien informiert, da unsere Titel rein türkische Eigenschaften hatten. Die Filme werden jedoch immer besser und internationaler. Daher planen wir, in Zukunft regelmäßig mit deutschen PR-Agenturen zu arbeiten, um auch dem europäischen Publikum näher zu kommen. Unser Publikum ist sehr jung, dynamisch und ein wenig schüchtern. Deren Geschmack und Lebensphilosophien können wir genau ansprechen. Ein wirklich populärer Film von uns muss in der Regel an die 300.000 Zuschauer erreichen. Da wir unser Publikum jedoch gut kennen, können wir auch mit viel niedrigeren Besucherzahlen profitabel arbeiten. Wir können unsere Strategien dementsprechend anpassen.

Gibt es bestimmte Charakteristika des türkischen populären Kinos, von denen Ihr Publikum besonders angesprochen wird?
Einen Film zu verleihen ist mehr "Business" als "Kunst". Deshalb wählen wir unsere Filme nach dem Geschmack unseres Publikums aus, egal, ob sie zu unserem eigenen Geschmack passen oder nicht. Anschließend entscheiden wir über bestimmte Marketing-Strategien, um diese Titel mit dem dazugehörigen Publikum zusammen zu bringen. Dabei verwenden wir viele so genannte "Guerilla-Strategien", die für jeden Film einzeln konzipiert werden, die wir aber niemandem verraten.

Türkisches Populärkino ist in der deutschsprachigen Fachpresse, auch in den Tageszeitungen, nahezu unbekannt. Aufgegriffen wird das Thema erst, wenn ein Film wie "Tal der Wölfe" läuft. Waren Sie selber von den Reaktionen auf diesen Film überrascht?
Leider muss ich diese Frage eher "politisch" beantworten als "künstlerisch". Die deutsche Presse neigt dazu, die 2,5 Millionen Türken Deutschlands innerhalb bestimmter Klischees wahrzunehmen. Dabei ignoriert man die Tatsache, dass diese Menschen ihre eigenen Kulturmuster und Lebensarten haben. Um es mit einem banalen Beispiel zu erklären: Die Nachricht, dass "ein Dönerfresser seinen Bruder geschlachtet hat", wäre sofort eine Schlagzeile, aber die Tatsache, dass "die türkischen Klavierspielerinnen Güher und Süher Pekinel alle Klavier-Werke Mozarts mit EMI-Records aufgenommen und weltweit mehrere Preise erhalten haben" fände nicht mal auf Seite 20 Platz.

Das türkische Kino ist 92 Jahre alt. In diesen Jahren erhielten türkische Filme unzählige Preise auf Filmfestivals. Unsere Verleihtitel generierten in knapp vier Jahren einen wirtschaftlichen Wert von mehr als 3,4 Millionen Zuschauern und 20 Millionen Euro. Dennoch werden unsere Filme in der deutschen Presse kaum beachtet, da solche "guten" Nachrichten nicht zu den Klischees über Deutschland-Türken passen. Mit Tal der Wölfe bekam die europäische Presse ein Spielzeug in die Hand, mit dem sie künstliche Skandale generieren konnte. Da sie weder "die Sicht der Türken über den Irak-Krieg" noch die Leinwand-Helden des türkischen Kinos kannten, war es für die europäischen Reporter sehr einfach zu schreiben, dass "die Barbaren im Anmarsch" sind. Für uns war es sehr traurig zu sehen, dass keiner der Journalisten unsere Einladung zur Pressevorführung unseres nächsten Films, des Familien-Melodramas Mein Vater und mein Sohn (Babam ve Oglum) wahrgenommen hat, obwohl sie sechs Wochen lang täglich etwas über Tal der Wölfe geschrieben haben.

Im Gegensatz zum populären türkischen Kino ist Arthouse-Kino aus der Türkei hierzulande nicht ganz unbekannt. Sprechen die beiden Genres vollkommen unterschiedliche Zielgruppen an?
Das türkische Arthouse-Kino versucht, seine Botschaft durch sehr intellektuelle, symbolische Methoden zu erzählen. Das türkische Volk hat jedoch eine sehr schlichte und offene Kultur. Die Symbole oder die Metaphern des Arthouse-Kinos sind für dieses Publikum sehr "fremd". Deshalb hat das kommerzielle Kino bei unserem Publikum bessere Chancen, da die Gefühle und Geschehnisse in solchen Filmen ohne "intellektuelle Filter" erzählt werden.

Damit zeigt das türkische Publikum ähnliche Vorlieben wie die Mehrzahl der Zuschauer in anderen Ländern.
Es kommt darauf an, was für eine Realität der Regisseur zeigen möchte. Im Film Weit (Uzak), der in Cannes ausgezeichnet wurde, verwendete der Regisseur Nuri Bilge Ceylan traumhafte Bilder von Istanbul, jede Szene ist ein fotografisches Meisterwerk, aber eben etwas langatmig. Krumme Dinger am Bosporus (Organize Isler) von Yilmaz Erdogan dagegen war ein mittelmäßiger kommerzieller Film, auch mit traumhaften Bildern Istanbuls, jedoch mit rasantem Tempo und Humor. Weit wurde in der Türkei von circa 30.000 Besuchern genossen, Krumme Dinger erreichte mehr als 2,5 Millionen Zuschauer. Da lautet doch die Frage: Muss ein Regisseur unbedingt die filmische Sprache von Tarkowski oder Bergman benutzen, um authentische und exotische Bilder zu präsentieren? Gibt es keinen anderen Weg dafür?

Das Gespräch führte Bernd Buder


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00:00 15.12.2006

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