Mehr Menschlichkeit wagen

Lebenslauf Das Team Baerbock kann aus einer Anfangsdelle lernen

Am Morgen des 26. September werden die Bürgerinnen und Bürger sich womöglich noch mal fragen, was sie für sich und das Land erwarten. Welcher Partei sie zutrauen, nach überstandener Pandemie ihre Interessen durchzusetzen. Und wer nach Angela Merkel das Kanzleramt besetzen sollte. Wahrscheinlich werden erstaunlich viele an die Grünen und Annalena Baerbock denken. Und eher wenige werden sich daran erinnern, dass diese irgendwann im News-Pleistozän des Wahlkampfsommers „Mist“ bei ihrem Lebenslauf gebaut hat.

Worüber reden wir hier eigentlich? Eine vierzig Jahre alte Politikerin bewirbt sich um das Kanzleramt. Erst sieht es super aus, doch dann zeigen sich Ungenauigkeiten in ihrer Vita – und das war es dann? Momentum gedreht, Chancen verspielt, wie damals beim „Schulz-Zug“? So stellt sich das die Gegenseite vor. Zum Beispiel der Focus, der dieser Tage eine Art Live-Ticker zu Änderungen bereitstellte, die im vergangenen Jahrzehnt in Baerbocks Lebenslauf vorgenommen wurden. Aber so wird es nicht kommen. Sicher haben die Grünen den Wahlkampfstart verpatzt: Da treten sie erstmals ausdrücklich an, bundespolitisch das große Rad zu drehen. Aber welchen Abschluss ihre Kanzlerkandidatin eigentlich hat, wo sie Mitglied ist und ob sie dem Bundestagspräsidium alle ihre Einkünfte gemeldet hat – da guckt dann niemand so genau hin? Doch allein damit, darauf nun endlos herumzuhacken, lässt sich auch keine Wahl gewinnen. Zumindest in gewissem Maße darf eine Kandidatin Schwächen zeigen.

Baerbock hat auf all diese Vorwürfe in der ARD mit dem Satz reagiert, es gehe „hier nicht um meine Person“, sondern darum, „wie wir gemeinsam dieses Land verändern können“. So etwas muss sie sagen, aber es stimmt natürlich nicht ganz. Selbstverständlich geht es auch um ihre Person. Dass ihr zum Beispiel nach ihrer Rede auf dem Grünen-Parteitag ein vernehmliches „Scheiße“ entfuhr, weil sie sich verhaspelt hatte, macht sie vielen eher sympathisch.

Je niveauloser jetzt die Angriffe werden, desto mehr wächst die Solidarität mit dieser Frau und auch das Interesse an ihren politischen Zielen. Die Zeiten, in denen eine Arbeitgeberlobby wie die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ eine Frau einfach als dumme Verbots-Trutsche diffamiert und alle drauf reinfallen, sind vorbei. Wie auch die Zeiten, in denen sich politische Mitbewerber mit gedankenfaulen Benzinpreis-Tweets aus der Klimadebatte stehlen können. Dann zumal, wenn sie – SPD wie Union – eine nahezu identische Beschlusslage zu jenen 16 Cent haben.

Vielleicht kann das Team Baerbock aus dieser Anfangsdelle eine Lehre ziehen: weniger Lebenslauf, mehr Menschlichkeit. Dann würden auch bestimmte Angriffe auf sie als Frau ins Leere laufen. Viel zu jung, keine Erfahrung in einem solchen Spitzenamt? Jacinda Ardern in Neuseeland, Sanna Marin in Finnland oder Wolodymir Selenskyj in Kiew haben es schließlich auch gelernt, jeweils in ihrem eigenen Sinne. Solches Gerede fällt umso eher auf all die sich selbst für unentbehrlich haltenden Mittsechziger zurück, je weniger sich Baerbock auf das Feld der formalen Kompetenzen und Mitgliedschaften ziehen lässt, um die es in der Causa Lebenslauf geht. Kein Alltagsmensch hat doch je von all diesen Organisationen gehört, zu denen sie im Detail eine etwas andere Beziehung hatte, als man ihrer Vita entnehmen konnte.

Wird Baerbock Kanzlerin? Die Ökopartei leidet seit vierzig Jahren darunter, dass zwar viele Menschen ihre Ziele teilen – jedoch pünktlich zum Wahltag die Bereitschaft schlagartig sinkt, ihr auch die Stimme zu geben. Das mag unter anderem daran liegen, dass es die Union bislang noch immer geschafft hat, das süße Märchen zu verbreiten, Fortschritt könne ohne Veränderungen vollzogen werden. Und in einer gemeinsamen Regierung werde sie die Grünen schon glattschleifen. Aber daran, dass im Frühsommer des Wahljahres eine ehrgeizige Frau gepatzt hat – daran wird es sicher nicht gelegen haben.

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06:00 20.06.2021

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