Mehr Möglichkeiten, weniger Freiheiten

Schöne neue Medienwelt in China Das Internet und die Anzeigenblätter verändern den Informationsmarkt

Als im März in einem Dorf in der Jiangxi-Provinz bei einer Explosion in einer Schule 38 Kinder starben, präsentierte Premier-Minister Zhu Rongji dem chinesischen Volk eine einfache Erklärung. Ein verrückter Dorfbewohner, genannt "Psycho", habe die Schule in die Luft gejagt. Nicht nur internationale, auch chinesische Journalisten zweifelten und recherchierten. So war auch in einheimischen Zeitungen bald die unbequeme Wahrheit zu lesen: Eltern berichteten den Reportern, dass ihre Kinder während der Schulstunden Feuerwerkskörper zusammenbauen mussten. Zhu Rongji trat zwei Tage später vor die Presse und entschuldigte sich - ein unerhörter Vorgang für einen politischen Führer in China.

So wurde die Schulhaus-Explosion zu einem Symbol für die neue Medienwelt in China. Rund 2.000 Zeitungen und 800 lokale TV-Stationen gibt es im Land. Der Zuwachs an Mobil-Telefonen in den Metropolen ist genauso rasant wie die Zunahme der Internet-Nutzer: Von 1998 bis 2000 hat sich die Zahl der Internet-Anschlüsse von einer halben Million auf 6,5 Millionen verdreizehnfacht - obwohl es aufgrund der staatlichen Restriktionen lediglich drei Provider gibt. Schon jetzt hat China mit über 25 Millionen Teilnehmern einen der größten Internet-Märkte der Welt.

Diese Entwicklung ist vom kommunistischen Zentralkomitee gewünscht: Im neuen Fünfjahresplan steht, dass bis zum Jahr 2005 die IT-Branche dreimal so schnell wachsen soll wie die Gesamtwirtschaft. Im Jahr 2010, so der ehrgeizige Plan, will China gar die USA als wichtigstes Informationstechnologie-Land ablösen. Durch eine starke IT-Branche hofft China die Industrialisierung schneller vorantreiben zu können und eine Mittelklasse zu schaffen, die dem Riesenreich Stabilität geben könnte.

Doch das Internet hat für die Partei auch eine Kehrseite: Die politischen Führer haben panische Angst davor, dass Ihnen die Kontrolle über die verbreiteten Informationen entgleitet, anders sind die zahlreichen Verhaftungen von Netz-Dissidenten nicht zu erklären. "Danke an alle, die für die Demokratie Chinas sind", hackte Huang Qi am 3. Juni 2000 um 17.20 Uhr in Chengdu noch schnell in seinen Computer. "Die Polizei ist hier. Auf Wiedersehen!" Es waren die letzten Worte, die der 36jährige auf seiner Homepage veröffentlichte und die letzten, die die Öffentlichkeit überhaupt von ihm vernahm. Seither ist der Familienvater im Gefängnis verschwunden. Lange war Qi von den staatlichen Medien wegen seiner Homepage, auf der er einen Suchdienst für vermisste Menschen betrieb, sogar gelobt worden. Dann aber waren darauf auch politische Aufsätze zu lesen, in denen die Rehabilitierung der Demokratie-Bewegung gefordert wurde, die die Führung am 4. Juni 1989 auf dem Pekinger Tiananmen-Platz so blutig niedergeschlagen hatte. Das ungewisse Schicksal von Qi, dem lebenslange Haft droht, teilen zahlreiche Intellektuelle. So wurde am 22. Mai bekannt, dass vier Gründer der "Neuen Jugend-Gesellschaft", die über E-Mail politisch diskutierten, ebenfalls mit dem Vorwurf der "Subversion" verhaftet wurden.

Die Partei versucht, viele News-Seiten zu sperren. Zensoren säubern die Chaträume rund um die Uhr von unbequemen Beiträgen - der große Bruder ist immer online. Dennoch bleiben Lücken. In Peking informieren sich Ausländer wie einheimische Intellektuelle jetzt vor allem online: Die Seiten von Newsweek lassen sich genauso öffnen wie von der Süddeutschen Zeitung oder dem Spiegel. Seit es E-Mail und mehr Telefone gibt, funktionieren auch "die Nachrichten des kleinen Wegs" (das chinesische Wort für Mund-zu-Mund-Verbreitung) rasend schnell. "Gerüchte über geplante und unpopuläre Maßnahmen der Regierung verbreiten sich so in wenigen Tagen über das gesamte Land", sagt Nicolai Volland, der am Sinologischen Seminar der Universität Heidelberg zur Mediennutzug in China forscht.

Aber auch der Zeitungs-Markt hat sich rasant verändert. Vor etwa 20 Jahren, als die Verlage im Land lediglich Bleiwüsten druckten mit Verlautbarungen, die niemand lesen wollte, begann die Zentrale von ihren Staatsverlagen zu verlangen, schwarze Zahlen zu schreiben. Dies führte zu kleinen Revolutionen im Zeitungs- und Buchwesen. Statt schlechtgedruckter Heftchen auf dünnem Papier lesen Businessfrauen in Shanghai und Peking heute ganz selbstverständlich Hochglanzmagazine. Elle beispielsweise produziert mit einheimischen Journalistinnen eine China-Ausgabe.

An den zahllosen Kiosken, die in den achtziger Jahren aus dem Boden schossen, wird auch der Großteil der täglich 186 Millionen Zeitungen in China verkauft. Vor zwanzig Jahren lag die Gesamtauflage zwar höher, aber der Unterschied zu damals ist, dass die Zeitungen heute auch gelesen werden. Früher wurde ein Großteil der Auflage von Fabriken abgenommen und fand den Weg ungelesen vom Pausensaal zur Toilette. Dagegen schätzen Sinologen die Zahl der Zeitungsleser heute in den chinesischen Städten auf zwei Drittel bis achtzig Prozent der Gesamtbevölkerung. Ausländern in Peking fällt der Hunger der Chinesen nach Gedrucktem ins Auge. An den Zeitungen, die an Straßenecken aushängen, bilden sich Trauben von Lesern. Die Buchhandlungen sind voll von Kunden, die sich auf Treppen sitzend oder stehend in die Bücher vertiefen.

In der Provinz, wo Wohlstand und Bildung geringer sind, ist das Leseverhalten völlig anders als in den Millionenstädten. Auf dem Land sollen es nur zwischen zehn und zwanzig Prozent sein, die regelmäßig Zeitung lesen. Dort ist auch die Zahl der Analphabeten höher, die nach offiziellen Angaben landesweit bei 19 Prozent der Gesamtbevölkerung liegt. Fast alle Chinesen, auch in der hintersten Ecke des Landes, werden durch Radio und vor allem durch Fernsehen erreicht: Die Abdeckungsrate liegt bei rund 90 Prozent der Bevölkerung.

Ob Radio, Fernsehen oder Zeitungen: Sie drucken alle brav die politischen Meldungen der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua nach. Nie käme eine Zeitung auf die verwegene Idee, einen eigenen Mann über eine Sitzung des Zentralkomitees berichten zu lassen. Dass die Zeitungen heute dennoch gerne gekauft werden, liegt daran, dass sie sehr bunte Themen haben: Klatsch und Tratsch, Verbraucherthemen, Human-Touch-Geschichten und viele Anzeigen. Das Werbevolumen in China explodiert: J. Walter Thompson, eine der wichtigsten internationalen Werbeagenturen auf dem chinesischen Markt, machte 1992 gerade mal fünf Millionen Mark Umsatz. Ende der neunziger Jahre waren es rund 120 Millionen Mark im Jahr.

Die bunten Geschichten interessieren die Propaganda-Abteilung des Zentralkomitees nicht. Sie wird nur hellhörig, wenn die Medien Berichte über die "Strategic heights" veröffentlichen: Alles Politische gehört dazu, besonders aber Minderheiten-Probleme und Religion (Falun Gong). Häufig sind die Berichte um so offener, je weiter die Redaktionen von der Pekinger Zentrale entfernt sind. Ein Beispiel war das Südliche Wochenende aus Kanton. Eine Zeitung, die ständig unbequeme Berichte druckte, zum Beispiel über Korruption von Funktionären oder Umweltverschmutzung durch Staatsbetriebe - bis es der Zentrale in Peking dann doch zu dumm wurde und sie im vergangenen Jahr die Chefredaktion des Südlichen Wochenende einfach absetzte. "Bei den ›Strategic heights‹ ist die Zensur in den vergangenen zehn Jahren noch schärfer geworden", urteilt Sinologe Nicolai Volland. Arbeitsverbot, sogar Gefängnis sind mögliche Strafen für Journalisten.

So legte die Regierung im November 2000 schriftlich fest, dass nichtstaatliche Websites eine Genehmigung zur Veröffentlichung von Nachrichten brauchen. Verboten seien unter anderem Inhalte, die Chinas Ehre und Interessen schaden. Für westliche Journalisten ist die Arbeit unter diesen Bedingungen kaum vorstellbar. "Die meisten chinesischen Journalisten, die ich befragt habe, sagen, dass sie das Beste aus der Situation machen und ihren Spielraum ausreizen", sagt Nicolai Volland. So sind Nadelstiche teilweise doch möglich - siehe die Kommentatoren, die die offizielle Version der Explosionsursache in Jiangxi anzweifelten.

Es gibt aber auch viele Medienleute, die unter dem Maulkorb der Partei demoralisiert und korrupt wurden. So gehört der "paid journalism" zu einem weitverbreiteten Phänomen in chinesischen Zeitungen: Ein Fabrikdirektor zahlt einen großen Batzen Geld und der Journalist schreibt dafür einen Jubelartikel über dessen heldenhaften Einsatz in der Produktionsschlacht. Ironischerweise versucht die kommunistische Partei den "paid journalism" zu bekämpfen - ohne Erfolg.

Insgesamt aber verteidigen die meisten Journalisten die Führungsrolle der Partei - auch wenn sie keine strammen Kommunisten sind. Sie fürchten, dass sich das Riesenreich in Anarchie und Bürgerkriegen zerfleischen würde, wenn die Partei nicht mit starker Hand regierte, schreibt Kevin Latham in der in London erscheinenden sinologischen Zeitschrift The China Quarterly. Der Großteil der chinesischen Leser sei zu ungebildet, er könnte durch freie Nachrichten verwirrt und aufgehetzt werden. In diesem Sinne sei für viele Medienleute die Forderung der Partei verständlich, für das Volk nur "gesunde Nachrichten" zu bringen. Die chinesischen Journalisten mögen ihren Maulkorb nicht, aber sie halten ihn für notwendig.

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00:00 15.06.2001

Ausgabe 43/2021

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