Mehr Spaß beim Hass

Rechtspopulismus Im aktuellen Wahlkampf versucht sich die AfD in der Inszenierung eines fröhlichen Populismus. Eine Analyse des Wahlkampfkonzepts
Mehr Spaß beim Hass
Fröhlicher Populismus als Wahlkampfkonzept?

Foto: imago/Emmanuele Contini

Die AfD reüssierte lange mit einem bunten Strauß von Feindbildern. Wahlweise nahm sie schwarze Fußballnationalspieler, Verkehrspolizisten, Flüchtlinge, Migranten, Schwule, Lesben, „Genderemanzen“ oder Eliten in Politik und Medien ins Visier – Feinde allenthalben! Solche Ausdeutungen waren ein erfolgreiches Mittel der populistischen Mobilisierung, auch dort, wo Medien kritisch berichteten. Denn auch bad news sind good news, wenn sie den Rahmen der eigenen Weltsicht transportieren.

Doch die Strategie scheint an ihre Grenze zu stoßen. Der Partei gelingt es in den letzten Wochen des Wahlkampfs weniger als noch vor einigen Monaten, mit Provokationen die Tagesdebatten zu bestimmen. Es sei denn, sie wendet das Prinzip der Feindausdeutung in selbstzerstörerischer Weise gegen sich selbst, so wie sie es im Dauerstreit ihrer Führung tut. Gleichzeitig sorgt Donald Trump auch in Europa für ein gehöriges Wählerabschreckungspotenzial. Er zeigt das hässliche Gesicht eines Populismus an der Macht, dem es nicht gelingt, Hoffnungen, die er weckte, zu erfüllen. Offensichtlich sind Hass und Skandalisierung alleine keine dauerhaften Erfolgsrezepte. Dringend gesucht ist deshalb eine Positivanmutung, die das Politikangebot ergänzt, eine Zweitsprache des Populismus, die auf entspanntere und konziliantere Weise Wähler und vor allem auch Wählerinnen bindet.

Das rhetorische Grundkonstrukt

Ein kurzer Blick auf die populistische Erst- und Muttersprache zeigt, dass es sich bei einem solchen Zweitsprachenerwerb um ein nicht ganz einfaches Unterfangen handelt. Denn die Erstsprache lebt ja gerade von ihrem eskalatorischen Sprengstoff, einer Logik der Konfliktzuspitzung und -ausweitung, in der die Feindkonstruktion und -bekämpfung dann tatsächlich Feinde schafft. Das Spiel funktioniert dort am besten, wo ein ausgedeuteter Feind in gleicher Weise mitspielt. Zum Beispiel wenn Pegidisten auf Salafisten treffen und beide Gruppen sich gegenseitig hochjazzen – gesucht, gefunden!

Das Feindbild wird zum Fluchtpunkt der ganzen populistischen Weltkonstruktion. Auch die fundamentalen Post-Fakten des Populismus nehmen davon ihren Ausgang. Das Feindbild hilft, „eherne“ soziale, kulturelle und geschichtliche Gegebenheiten einer Eigenwelt zu konstruieren. So entstehen identitäre Bilder: Ich bin Ich und Wir sind Wir. Das Bild einer solchen, scheinbar fest ausgeprägten Welt ist der Konstruktion nach ein Zweites, vom Feind abgeleitetes. In der Narration des Populismus soll es jedoch als Erstes und Vorbestehendes gelten, als fixe und überdauernde Rassen-, Volks- oder Kulturgegebenheit.

Das Eigenweltkonstrukt ist allein deshalb schon spannungsvoll auf das Feindbild bezogen, weil der, der nach einem Feind sucht, ja zwangsläufig eine Eigenwelt beanspruchen muss – damit er überhaupt etwas hat, das er gegen seinen Feind verteidigen kann. Wer F wie Feind sagt, muss auch E wie Ego und Eigenwelt sagen! Der Populismus schreibt das E übergroß. Er beansprucht seine Eigenwelt als Ort der Ego-Expansion, an dem seine Adepten sich groß und souverän fühlen können und aus dem die Feinde zu verbannen sind. Tatsächlich sind es wohl Mängel und Defizienzen an Sein und Haben, gekränkte und verunsicherte Identitäten sowie Sorgen und Ängste materieller Art, die im populus des Populisten große Nachfrage für entsprechende Feindbildangebote schaffen. Bilder, aus denen die Eigenwelt als ein Ort entsteht, an dem das Ego sich zumindest rhetorisch wieder aufrichten kann.

Der Feind ist also das Erste. Aber er steht im Visier als ein Zweites, als jemand, der von außen in ein vorbestehendes Herzland eindrang, um das unversehrte Selbstsein seiner Bewohner zu zersetzen und zu zerstören. Im Kontext einer solchen dualen Konstruktion erscheinen die populistischen Wortführer als drittes Moment. Sie übernehmen die Sprecherrolle und komplettieren eben jenes rhetorische Dreieck, das schon Aristoteles beschrieben hat: „Es basiert nämlich die Rede auf dreierlei: dem Redner, dem Gegenstand, über den er redet, sowie jemandem, zu dem er redet, und seine Absicht zielt auf diesen – ich meine den Zuhörer.“

Genau in einer solchen rhetorischen Dreieckskonstellation verortet sich auch der populistische Redner. Er will der Schlangentöter sein, der Akteur im Zentrum des Weltendramas, der sich mit Wort und Tat dem Niedergang des Eigenvolks entgegen stemmt. Und sei es in nibelungisch-spartanischer Manier, mit Untergangstreue und Thermopylenschlacht, in der er dem Feind sein „Molon labe“ entgegenschleudert: Komm´ und hol´ Dir meine Waffe, die ich nicht strecken und stolz bis in den Tod tragen werde, gegen den übermächtigen Feind- und Zeitgeist!

Die Positivanmutung

Den Wahlspruch der Spartaner hat auch Thor Kunkel seinem Konzept für den AfD-Bundestagswahlkampf vorangestellt. Die markige Widmung ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass dieses Konzept vielleicht doch nicht so „entspannt“ ist, wie es über weite Strecken scheinen mag. Denn vordergründig rät der Werbemann, der vor allem als rechtslastiger Romanautor bekannt geworden ist, der AfD zu einer neuen und veränderten Sprache. Er will nicht, dass verkniffene Mienen älterer Männer das Image der Partei weiter prägen. Er setzt auf coole Jugendlichkeit und einen lässigen und zeitgemäß aufgepoppten Populismus. Und auf einen fröhlichen und scheinbar ironischen Rassismus. Menschenverachtung mit Augenzwinkern – das soll die neue AfD-Anmutung sein.

Faktisch handelt es sich hier um eine – wenn auch in sich widersprüchliche – Blaupause für die zweite Ausbaustufe eines Populismus, der sich auf lange Sicht konsolidieren will. Kunkel modifiziert die übliche rhetorische Strategie der Feindbildkonstruktion. Bei ihm steht der Feind nicht mehr selbst im Mittelpunkt der bildrhetorischen Darbietung, sondern eben die popkulturell aufgehübschte Eigenwelt. Die populistische Positivanmutung soll zum stabilen identitären Halt der ganzen Unternehmung werden.

Eine solche Anmutung ist es jedenfalls, die in den meisten seiner Entwürfe ins Auge fällt. Manchmal bis zu einem Grad, an dem unklar wird, wie Inhalt und Verpackung eigentlich zueinander stehen und ob hier nicht eine junge Welt als traditionell verkauft werden soll. Die Kritik aus Teilen der AfD gegen den Kampagnenentwurf dürfte auch von dieser Doppeldeutigkeit herrühren. Man hätte wohl gerne eine eindeutigere und klarere Feindbesetzung. Nicht zuletzt deshalb soll parallel eine zweite Plakatserie zum Einsatz kommen, die aus dem bayerischen AfD-Landesverband stammt. Aber auch Frauke Petry tritt mit einem eigenen Plakatentwurf hervor. Sie sucht nach neuer Aufmerksamkeit, allerdings deutlich im Fahrwasser von Kunkel.

Zwischen den Kunkelschen Plakatentwürfen lassen sich auch einige bezeichnende Unterschiede ausmachen. Herkömmliche Feindbezeigungen sind immerhin noch zu sehen. Die Grundstrategie wird also nicht in Reinform durchgehalten. Das wird deutlich bei einem Plakat, das fünf schwarze Raben auf einer Stange zeigt, dazu der Text: „Sozialstaat? Braucht Grenzen!“ Diese Bildstrategie könnte von dem schwarzen Schaf inspiriert sein, mit dem die populistische Schweizer Volkspartei ihre „Volksinitiative für die Ausschaffung krimineller Ausländer“ bewarb.

Foto: AfD (links)/FABRICE COFFRINI/AFP/Getty Images (rechts)

Auch einige eher altertümliche Identitätsanrufungen mit einer nur leicht ironisierten Röhrenden-Hirsch-Ästhetik sind zu sehen, etwa bei einem Plakat mit drei Knaben, die jauchzend um die Wette laufen. Wobei der jugendliche Überschwang wohl auch auf die Lederhosen und Gamsbart-Hüte überspringen soll, die sie tragen, und auch auf das 50er-Jahre-Heimatfilmambiente, in dem der Wettlauf stattfindet. Dazu der Plakattext: „Mindestens Drei! Denn Kinder sind Zukunft.“

Ein anderes Plakat scheint in seiner Positivbeliebigkeit einer Werbeästhetik entsprungen zu sein, die für Produkte der Versicherungswirtschaft wirbt. Es zeigt das beschützenswerte Glück einer jungen vierköpfigen Familie, die am Strand herumtollt und einen Drachen steigen lässt. Dazu der arg gewollte Bildtext: „Traditionell? Uns gefällt's.“

Die „mittlere Strategie“ und Feminisierung

Die Hauptstrategie liegt jedoch zwischen den hier aufgemachten Polen, zwischen der strikt negativen, an der scharfen Feindausdeutung orientierten und der relativ beliebigen Positivgeste. Durchgängig bestimmend ist der Versuch einer optischen Verjüngung und Auffrischung der AfD-Anmutung, eine Vitalisierungsästhetik, die vor allem auf Bilder von jungen Frauen setzt. Dabei wird auch stark an Identität und Authentizität appelliert – auch dadurch, dass die abgebildeten Akteurinnen „echt“ sein sollen, also tatsächlich aus der AfD-Anhängerschaft stammen und sich an einem Fotoshooting für die Plakatserie beteiligt haben.

In der Rhetorik der Serie übernehmen Frauen die Sprecherrolle, was mit Personalpronomen der ersten Person Singular und Plural in den Plakatslogans verdeutlicht wird. Die Abgebildeten wenden sich als „Ich“ und „Wir“ ans Publikum und verknüpfen Bestandteile ihrer eigenen Identität mit diesen Pronomen. Dabei kommt zwar auch das populistische Feindkonstrukt zum Tragen, doch in abgemilderter Weise. Gegenüber den Plakaten mit den drei Jungen und der Familie am Strand die ja einfache, positiv-thetische Aussagen transportierten, aus denen eine Logik des Feindkonstrukts sich allenfalls indirekt erschließen ließ, geht es in den Frauenplakaten etwas antithetischer zu. Allerdings nicht im Sinne so schroff und heftig wie beim Plakat mit den fünf Raben. Wie sieht diese mittlere Strategie näher aus?

Die Eigenwelt soll eine Welt sein, die eigentlich selbstgenügsam und für sich besteht, so wird insinuiert. Der Feind selbst ist darin bildlich nicht sichtbar. Es wird auch nicht eine Geschichte des zerrissenen Herzens erzählt, in dem die Eigenwelt als eine heftig bedrohte, der Negativität des Feindes ausgesetzte Positivität erscheint. Ins Spiel kommt er über die Plakattexte, die über die reine Selbstgenügsamkeit hinausgehen und den Anspruch auf eine Reinerhaltung des im Bildinhalt Gezeigten erheben.

So etwa in einem Plakat mit drei jungen Frauen im bunten Trachtenoutfit, die die Aktualität althergebrachter deutscher Sitten und Lebensart verdeutlichen sollen. Mit der schrillen Girls-Group-Mimik und -Gestik, die sie dabei zeigen, könnten sie eigentlich auf jeder Multikulti-Party bestehen. Doch sie versichern ganz selbstgenügsam: „Bunte Vielfalt? Haben wir schon.“ Die Buntheit und Vielfalt des von der AfD heftig bekämpften Multikulturalismus – so darf der Betrachter ergänzen – ist unnötig und überflüssig. Die Fülle und der Reichtum der abgebildeten „Haben-wir-schon“-Trachtenwelt reicht für das Glück in unserer Zeit.

Besonders auffällig im Bild ist die riesige Kopfhaube der Frau im Zentrum. Sie trägt die traditionelle Tracht der Sorben, der slawischen Minderheit in Brandenburg und Sachsen. Ist die Anwesenheit von Slawen in dieser „Wir“-Welt ein Versehen? Oder ist Trennbotschaft zur „Sie“-Welt subtiler: Sorben sind ok, Serben eher nicht? Ein offizieller Sprecher der Sorben hat sich jedenfalls gegen die Vereinnahmung seiner nationalen Minderheit für diese Wahlwerbung verwahrt. Er will seine Gruppe nicht „gegen andere Bevölkerungsgruppen und Völker instrumentalisieren lassen.“

Eine ähnliche Strategie verfolgt ein Plakat mit drei jungen Frauen, die, wiederum in trachtenartiger Kleidung, zwischen Weinranken drapiert sind und sich – kleiner Agenturfehler – mit Weißwein in großen Rotweinschwenkern zuprosten: „Burka? Ich steh' mehr auf Burgunder!“ lautet die Botschaft aus dieser Weinköniginnenwelt. Und weil Alliterationen mit Burka die Abgrenzung zum Islam anscheinend gut transportieren, gibt es noch eine weitere, die sich auf die Rückansicht von zwei leichtbekleideten jungen Frauen bezieht, die sich dem Strandleben hingeben: „Burkas? Wir steh´n auf Bikinis.“

Und nach Wein, Burka und Bikini wird schließlich auch das Thema Schweinefleisch als Differenzmarker für ein sich eigentlich selbst genügendes Deutschtum bemüht – mit einem lustigen Glücksferkel, das sich seinen Platz im deutschen Kochtopf offensichtlich nicht streitig machen lassen will. Der Plakattext verkündet jedenfalls, dass der Islam nicht zu unserer Küche passe. Die Entgegensetzung zum Islam ist so präsent, soll aber eher nur eine Würzfunktion haben, die den deutschen Eigengeschmack nur deutlicher hervortreten lässt. Die Eigenwelt erscheint nicht als überrollte, sondern als lustig lebbare – und im Sinne des Glücksferkels wohl auch schlachtbare. So zumindest Eindruck, der vermittelt wird.

Matrifizierung – die Deutschmacher

Besonders gut lässt sich diese Strategie an dem Plakat aufzeigen, das eine schwangere blonde Frau zeigt, die fröhlich im Gras liegt, dem Publikum zulächelt und werdendes deutsches Mutterglück darstellt. Der Satz, der ihr in den Mund gelegt wird, lautet: "Neue Deutsche? Machen wir selber." Der Abbildung geht es also nicht nur um Mutterglück, sondern auch um den Zugang zum Deutschsein, darum, wie Menschen ins Deutschsein neu hineintreten. Was das genauer heißt, zeigt sich, wenn man den in der scheinbar einfachen Aussage angelegten Ausschließungsoperationen nachgeht.

Das Deutschwerden soll offensichtlich kein Akt sein, der von den neu Hinzutretenden selbst abhängt, also zum Beispiel von der Entscheidung, einen Einbürgerungsantrag zu stellen. Ein Nicht-Deutscher soll sich nicht einfach qua Antrag zum Deutschen machen können. Nötig sei vielmehr ein äußerliches, von anderen ins Werk gesetztes Machen, das Menschen der Deutschgruppe innerlich werden lässt, nämlich ein Fabrikationsvorgang durch Angehörige der Deutschgruppe selbst.

Das Deutschmachen soll auch nicht so funktionieren wie im Film „Die Schweizermacher“, der skurrile staatliche Aufnahmeprozeduren zeigt, die ein Einbürgerungsantrag in Gang setzen kann. Die Deutschmacher sollen keine Bürokraten sein, sondern Menschen wie die Schwangere auf dem Plakat, glückliche und fröhliche Naturen, die Kinder „machen“. Das Deutschmachen hängt mithin an geschlechtlicher Zeugung und Schwangerschaft. Es fällt zusammen mit dem Entstehen neuen Lebens.

Und natürlich geht es auch nicht um Zeugung und Schwangerschaft schlechthin. Nicht jedes Kind, das gezeugt und geboren wird, ist ein deutsches. Es gibt ein „Wir“, aus dem heraus gezeugt und ausgetragen werden muss: “'Neue' Deutsche? Machen wir selber.“ Einzig Angehörige der deutschen In-Group sind berufen, neue Deutsche hervorzubringen. Auf den juristischen Sinn gebracht meint das das Abstammungsprinzip, das jus sanguinis, die „Blutszugehörigkeit“ der Eltern. Ihr Blut soll über die Staatsangehörigkeit des Kindes entscheiden. Das ist es, was der flockige Spruch der sympathieheischenden Bebilderung hinzufügt.

In die von Kunkel damit vorgegebene Grundrichtung der Feminisierung und Matrifizierung stößt auch Frauke Petry mit einem eigenen Wahlkampfplakat. Es zeigt die AfD-Vorsitzende zusammen mit ihrem neugeborenen Kind, das sie in fürsorglicher Mütterlichkeit stützt, um es im Bildtext dann sogleich zu germanifizieren: „Und was ist Ihr Grund für Deutschland zu kämpfen?“ Der Hass auf das Fremde wird weich gezeichnet. Der Akzent wird auf die Verantwortung für das Eigene verlagert. Der populistische Kampf soll in der Liebe zum eigenen Kind in seiner kreatürlichen Hilflosigkeit gründen. Die Eigenwelt soll auch hier nichts Relatives mehr sein – nicht etwas, das sich letztlich in einer identitären Geiselhaft von der Feindeswelt befindet –, sondern als etwas Positives für sich bestehen.

Während das klinisch reine Petry-Plakat aber eine Mutterrolle propagiert, bei der die Hauptkampflinie der Frau noch durch den Kreißsaal verlaufen soll, wird bei Kunkel das blutsmäßig Deutschtümelnde mindestens doppelt verbrämt und scheinbar ironisiert. So spielt sein Entwurf mit dem Ausdruck des Kinder machens, der viel stärker als der Ausdruck des Kinder zeugens den sexuellen Vorgang evoziert – und mehr oder weniger augenzwinkernd auch die sexuelle Lust, die damit verbunden ist. Kunkels Deutschmacher sollen lust- und lebensbejahende Menschen sein, für die das Kinder Zeugen mehr ist als nur die Erfüllung jener völkischen und reaktionär-familialen Pflichtenethik. Sie sollen nicht verstaubt und vorgestrig daher kommen, sondern wie selbstverständlich mithalten in einer Welt, die das Sexuelle viel offener angeht als früher.

Und sie setzen zweitens auch ganz lässig auf Selbstsein und Autonomie. Auch dadurch, dass sie irgendwie Teil einer trendigen Do-it-Yourself-Bewegung sind, stolz auf ihre eigenen Künste und Hervorbringungen, Leute, die „selber machen“ und sich nicht von anderen ins Handwerk pfuschen lassen, also etwa von Kindermachern und „Produkten“ aus anderen als den „Wir-selber“-Blutszusammenhängen. Und schon gar nicht aus jenen Zusammenhängen, die nach Thilo Sarrazin „ständig neue kleine Kopftuchmädchen produzieren.“ Das Deutschmachen ist so nicht nur Lust, es ist auch Freiheit, Teil einer quasi handwerklichen Autonomie und Selbstbestimmung einer fröhlichen, völkisch-deutschen Blutsgruppe!

Den Spaßfaktor des Kinder machens stellt übrigens auch ein Plakat der mit Kunkel konkurrierenden und eigentlich konfrontativeren Plakatserie aus der bayerischen AfD dar. Dort wird die Familienpolitik der AfD mit dem Slogan „Kinder! Machen! Spaß!“ beworben, wobei ein auf einer Matratze liegendes, halbnacktes Pärchen gezeigt wird, das dem Trailer eines Erotikfilms entstammen könnte. Es ist schon erstaunlich, wie ein Populismus, der einerseits die reaktionäre Version der sogenannten „family values“ und ihres weitgehend entsexualisierten Familialismus vertritt, andererseits dann mit einem quasi-industriellen Erotismus Wahlwerbung betreibt. Doch man erinnere sich: Der bible belt in den USA unterstützte ja auch den locker-room-talker Trump und verhalf ihm zur Präsidentschaft. Sexismus und reaktionärer Familialismus sind offensichtlich einfacher miteinander zu verbinden als gemeinhin angenommen. Frauen erscheinen entweder als Sexualobjekt oder als Gebärmaschine. In beiden Fällen verbleiben sie auf der Objektseite des populistischen Blicks.

Und wenn das bayerische Plakat an dieser Stelle ohne weitere Ausdeutung eines Antipoden auskommt, dann erinnert das sehr an die erste PR-Weisheit: „Sex sells anything“. Auf das für den Populismus hauptsächliche Verkaufsargument, die Warnung vor dem Feinde, kann an dieser Stelle ganz verzichtet werden. Die Evokation des Erotischen erledigt, was sonst der Feindbildkonstruktivismus tut. Offensichtlich stellt man zwei Grundkräfte in Rechnung – Attraktion und Repulsion, Anziehung und Abstoßung – deren man sich fallweise bedient. Dort, wo der Populismus das identitäre, eigenweltliche Moment stärker für sich nutzen möchte, mobilisiert er auch die Werbesprache der erotischen Anziehung stärker für sich.

Das Substantielle als Kick für den Augenblick

Dort, wo der Akzent in der populistischen Aussage vom Kampf gegen das Fremde auf die Freude am Eigenen verlagert wird, bietet sich zudem der vermeintliche „Ethnopluralismus“ als philosophischer Standpunkt an, der ja viele getrennt für sich bestehende Kulturen veranschlagt und sich darauf kapriziert, sie in ihrer vermeintlichen Reinheit und Getrenntheit zu erhalten. Feindschaft erscheint nicht mehr als das primäre Bauprinzip, aus dem sich der populistische Weltendualismus herstellt, sondern als etwas Sekundäres, das sich allenfalls aus der prekären Vermischung des vermeintlich substantiell vorbestehenden Eigenen mit dem Fremden ergibt. Letztlich sollen es die vom Populismus ausgedeuteten Feindgruppen der „Gutmenschen“ und „Multikulti“-Apostel sein, die mit ihrem friedlichen Händchenhalten und naiven Vermischen erst die Feindschaft der Kulturen in die Welt trügen. Denn sie vermischen das, was unvermischt für sich bestehen soll!

Wenn das Eigenweltkonstrukt des Populismus insgesamt weniger brüchig und weniger relational erscheinen und der Umstand, dass die Konstruktion der Eigenwelt im Populismus eigentlich vom Feind herkommt, überdeckt werden soll, dann geht es natürlich nicht um einen irgendwie pazifizierten Populismus, sondern um einen, der die populistische Entgegensetzung umso zuverlässiger und selbstgewisser tragen soll. Die Eigenwelt soll eben nichts Relatives sein, sondern etwas Positives, für sich Bestehendes. Letztlich geht es um nachgeahmte Substantialität, um das Wiedererlangen einer unhinterfragten und deshalb substantiell anmutenden Festigkeit von traditionellen Lebensformen, die wohl für immer verloren ist.

Genau das ist es auch, was Björn Höcke in seinen völkischen Kyffhäuserinszenierungen oder mit seinen Appellen an eine scheinbar die Jahrtausende durchwesende Sozialorganik versucht. Doch im Unterschied zu Höcke, der dabei im Erhabenheitskitsch landet – „3000 Jahre Europa, 1000 Jahre Deutschland, ich gebe euch nicht her!“ – ist bei Kunkel der Pop das Mittel der Wahl. Pop soll die Pol-Umkehr vom Feind auf das als hip substantialisierte Eigene bewirken.

Damit umgeht er zwar teilweise den Kitsch und das hohle Pathos von Björn Höcke, handelt sich jedoch noch vertracktere Probleme ein. Denn das scheinbar so gediegene Eigene soll gerade nicht durch eine trotzig behauptete und deshalb umso hohler tönende Festigkeit gerettet werden, sondern im Medium des Pop, das ja alles Gediegene verflüchtigt, um es auf die Ebene bloß modischer Aktualität zu heben. Das Alte und Traditionelle soll hip und zeitgemäß erscheinen, seine Attraktivität soll eine popkulturelle sein – und damit das genaue Gegenteil von der eigentlich angestrebten festen, überdauernden, nach der gesucht wird.

Genau hier liegt der tiefste Widerspruch der ganzen Konstruktion. Pop als das Flüchtige und Verflüchtigende soll das substantiell Feste hervorbringen. Und natürlich liefert Kunkel nicht dieses unmögliche Substantielle – wie könnte er auch –, sondern allenfalls ein sich Berauschen an dessen Idee. In diesem Widerspruch dürfte dann auch der tiefste Grund für die Skepsis liegen, die seinen Plakaten aus den Reihen der AfD selbst entgegenschlagen. Denn: Der modische Kick für den Augenblick hält nicht tausend Jahr´!

Souveräner Pop-Populismus – Die zweite Ausbaustufe

Doch es wäre falsch und gefährlich, einfach auf die Selbstverflüchtigung dieser hoch paradoxen Strategie zu setzen. Der Versuch, die populistische Eigenwelt als poppig-positive, dauerhaft für sich bestehende und lustvoll lebbare Fülle zu konstruieren, kann durchaus zur Verfestigung und Normalisierung menschenfeindlich-populistischer Haltungen beitragen. Er kann Ergebnisse zeitigen, die für einige potenzielle Anhänger des Populismus tatsächlich attraktiver sind als der armselige und hölzerne Negativismus einer feindbildgenerierten „deutschen Leitkultur“. Zumal dann, wenn es sich um eine als souverän und selbstsicher auftretende Version eines Populismus handelt, dem nicht mehr ohne Weiteres anzusehen ist, wo er herkommt, nämlich letztlich aus materieller Sorge und der vielfältigen Verunsicherung von sozialer Identität. Ziel des Pop-Populismus ist eine Selbstgenügsamkeit, die mit einer quasi aristokratischen Selbstsicherheit einhergeht und sich deshalb nicht ständig mit einer so „tief“ unter dem eigenen Niveau liegenden Sache wie einer Feindgruppe abgibt. Die Kunkel-Identitären sollen sich ihrer Eigenwelt so sicher sein, dass sie die Feindwelt eher nur am Rande wahrnehmen – und nicht etwa mit Wut und Schaum vor dem Mund. Sie sollen in all ihrer Poppigkeit cool und abgeklärt wirken. Sie haben die Inititiationsphase längst durchlaufen. Sie sind keine verunsicherten und in ihrem Hass auch irgendwie mickrige Gestalten, sondern befinden sich auf dem Weg zu einem identitär in sich ruhenden Pop-Herrenmenschentum – selbstsichere Persönlichkeiten, die nicht mehr bloß Gift und Galle sprühen, sondern sich meist nur noch leicht ironisch auf das beziehen, was ihrer Ansicht nach völkisch-rassisch-kulturell so tief unter ihnen steht. Und vielleicht auch leicht mitleidig auf all jene, die nicht so wie sie das Glück haben, von deutscher Art zu sein.

Pop und Ironie

Pop ist ganz wesentlich ironische Brechung eines Traditionellen, Verflüchtigung all der Schwere und Ernsthaftigkeit des substantiellen Anspruchs. Bei Kunkel wird die Ironie des Pops zu einem weiteren Mittel in einer Trickkiste, mit dem er Rassismus normalisieren und die Grenzen des Sagbaren verschieben will. Er folgt letztlich Sarrazins scheinbar pluralistischem Appell: "Man wird doch wohl noch sagen dürfen", den er mit Ironie garniert. Denn das, was in diesem Pop-Medium zum Gegenstand wird, kann vorderhand ja nicht so ernst gemeint sein. Pop macht das Gesagte zu einer Art Lifestyle-Statement, so als ginge es tatsächlich nur um eine Frage peripherer Vorlieben oder Abneigungen auf Kochrezeptniveau, also etwa darum, ob der Islam zu „unserer“ Küche passe oder nicht. Die eigentliche Aussage wird dabei im ironischen Ambivalenzspiel camoufliert. Das rassistische und kulturalistische Vorurteil, das alles trägt, wird nur scheinbar gebrochen und in dieser Brechung gerade sagbar gemacht: Man wird ja wohl noch sagen dürfen – vor allem auch im scheinbar doppeldeutigen Modus der Scheinironie! Die Ironie des Pop wird zum Gleitmittel populistischer Ideologie. Denn natürlich ist und bleibt klar, was eigentlich gemeint ist. Es geht nicht um akzidentelle Küchenfragen, sondern um substantiellen Kulturkampf, um die Frage kultureller Unvereinbarkeit, um einen Feind, dessen weiteres Einsickern unterbunden werden soll, um das eigene Volk und dessen Reinheit zu bewahren, um das Blutskriterium des Deutschseins, das als Auswahlkriterium der sexuellen Progeneration zu setzen ist. Es gilt, den Volkszusammenhang artenrein zu reproduzieren!

Im Einsatz von Pop, Herz und Ironie liegt dann auch die besondere Perfidie an der ganzen Unternehmung. Wenn die Kunkel-Identitären sich von ihrem ersten und innersten Antrieb der Feindausdeutung ein Stück weit emanzipieren, könnte es so scheinen, als wären sie nicht Hetzer und Hasser, sondern ironisch-lustige und liebenswürdige Zeitgenossen. Um nichts anderes als diesen Schein ging es ja auch dem FPÖ-Präsidentschaftskandidaten Hofer, der „Für Österreich mit Herz und Seele“ Wahlkampf führte – sozusagen als good cop und Menschenfreund, neben dem Einpeitscher Strache, der arbeitsteilig für die niederen Affekte zuständig blieb. Der entsprechende Herzpopulismus und lässige Rassismus hat in Österreich nach vielen Jahren populistischer Präsenz wohl schon weiter um sich gegriffen als in Deutschland. Mit Zeitverzögerung könnte er nun aber auch uns erreichen, mit „Avantgardisten“ wie Kunkel an der Spitze, die sich schon lange in das dazugehörige Lebensgefühl einüben. Das Feindkonstrukt hat sich in dieser zweiten, stärker auf das Identitäre zielenden Phase so verfestigt, dass es für die Anhänger des Populismus eine Alltagsevidenz erlangt – so wie ein Glaube, dem man schon lange anhängt, nicht stündlich neu beschworen werden muss. Die Muster eines solchen Populismus sind tief eingelebt, man weiß, was man weiß, wer man ist und was man hat. Man ist Man!

Die AfD-Plakate zeigen letztlich das Traumbild einer erfolgreichen sozialpsychologischen Haushaltskonsolidierung, einer gelungenen Persönlichkeitsstabilisierung durch das populistische Konstrukt. Sie zeigen Menschen, die das Feindbild sozusagen als objektive Neurose verinnerlicht hab– mehr mit ironischen Verweisen denn mit offenen Hassausbrüchen. Der kollektive Sündenbock ist gefunden und wird periodisch neu beschworen, zur Bereinigung der Konten im sozialen Gefühlshaushalt. Und auf diesem Weg kommt der Populismus dann auch eigentlich erst „in der Mitte“ an, bei einem Publikum, das auch auf gute Umgangsformen hält, und es auch einmal fertig bringt, das eigene Ressentiment höflich in Zaum zu halten.

Reinhard Olschanski ist Publizist und Philosoph. Zuletzt erschienen von ihm:

Der Wille zum Feind. Über populistische Rhetorik, Wilhelm Fink, 2017.

Ressentiment. Über die Vergiftung des europäischen Geistes, Wilhelm Fink, 2015.

10:51 15.09.2017

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