Mehr Störche als Einwohner

Russland Dubrava ist ein sterbendes Dorf in der Region Kaliningrad. Doch es klammert sich zäh und hoffnungsvoll ans Leben, auch wenn es so gut wie keine Bauern mehr gibt

Der Kiosk öffnet, und der Tag beginnt. Vor diesem Laden hatte mich mein russischer Nachbar in Kaliningrad gewarnt. „Dort nicht einkaufen, der Laden ist nicht gut“, hatte er gesagt und finster in Richtung dieses Kiosks geschaut. Die Kundschaft sieht ganz normal aus, russisch eben. Rentner mit fast leeren Plastiktüten, ein Mann in Bademantel und Latschen, eine Flasche Wodka in der Hand. Vor dem Eingang hocken junge Männer mit schwarzen Lederjacken und kahlen Köpfen. Sie rauchen und unterhalten sich.

Was ist schlecht an diesem Kiosk? Nichts, aber mein Nachbar hat etwas gegen Kaukasier. Das Geschäft, das auf 20 Quadratmetern das Sortiment eines Supermarktes bietet, wird von einer Familie aus Aserbaid­schan geführt. Es gibt Regale mit russischem Cognac, Wurst aus Polen, Käse aus Deutschland, Kefir aus Weißrussland und Eiern aus dem Kaliningrader Gebiet, sechs Stück für umgerechnet einen Euro, verpackt in zarte, durchsichtige Plastiktüten. Die Stimmung im Laden ist familiär. Mal werde ich fürsorglich bedient, mal muss ich warten, bis die Verkäuferin aufhört, ins Telefon zu schreien.

Meine Wohnung, die ich übergangsweise gemietet habe, ist gleich gegenüber. Kaliningrader Peripherie, Plattenbau, Erdgeschoss, zwei Zimmer, Küche, Bad. Im Gegensatz zu fast allen anderen Appartements im Block ist sie nicht renoviert. Es gibt im Wohnzimmer braune Möbel und ein Klappsofa vor einem Wandteppich, und wenn ich in der Küche den Wasserkocher benutze, springt die Sicherung raus. In den Schränken hängen Kittelschürzen, ein Pelzmantel und dunkle Anzüge mit Sowjetorden.

Die Schubladen sind mit Zeitungen des Jahrgangs 1980 ausgelegt. Es sieht hier aus, als wären die Bewohner mal eben einkaufen gegangen. Sie starben vor zwei Jahren, aber ihre Fotos sind noch da – Vater, Mutter und Kind. Die Frau hat das Sommerkleid an, das noch im Schrank hängt. Das Kind sieht meinem Vermieter auffallend ähnlich, immer noch der gleiche missmutige Blick. Missmutig ist auch seine Wohnungseinweisung. „Fenster immer geschlossen lassen, die Tür dreimal akkurat abschließen, das sind alles Banditen hier“, schärft er mir ein. „Und immer Licht ausmachen, Strom ist teuer!“ An dieser Wohnung habe ich keine Freude. Ständig ruft die Frau des Vermieters an und will wissen, was ich so treibe den ganzen Tag, was ich arbeite, und wen ich treffe.

Ich haue ab und fahre zu Valentina Dawidowitsch, die 150 Kilometer von Kaliningrad entfernt in der Nähe von Gusev lebt. Sie ist 53 Jahre und bekommt eine Pension, die nicht zum Leben reicht. Deshalb hat sie einen Job, der sie einsam macht, aber ihr Überleben sichert. Sie hütet ein etwas abseits liegendes Haus – die ehemalige Dorfschule von Dubrava mit Fremdenzimmern und frisch bezogenen Betten für Feriengäste. Aber die deutschen Erinnerungs-Touristen kommen nicht mehr. Viele von denen, die sonst oft schon im Frühjahr anreisten, sind gestorben, die anderen wollen nicht mehr. Es gibt kaum noch etwas, das an „früher“ erinnert, die „alte Heimat“.

Haus ohne Hüter

In diesem Haus hat seit den neunziger Jahren der deutsche Landwirt Wilfried Stahl gelebt. Er züchtete Pferde und bestellte das Land. Doch kaum etwas klappte so, wie er sich das bei seinem Umzug in die russische Enklave Kaliningrad vorgestellt hatte. Der Dünger war teurer als in Deutschland, der Weizenpreis niedrig, und das Unkraut wuchs in den Himmel. Die Behörden verweigerten ihm eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis, er vertraute den falschen Menschen und wurde mehrmals nachts überfallen. Bewegungsmelder, Alarmanlagen und Wachhunde, nichts half.

Abendmahl mit Keksen

Aufgeben und als Rentner in Deutschland sitzen? Das kam nicht in Frage. „Ich bin glücklich hier, besser kann ich es nicht haben“, ließ er sich nicht beirren und starb vor zwei Jahren auf seinem Sofa an einer Lungenkrankheit. Stahl ist auf dem Dorffriedhof begraben, sein Hut hängt noch im Flur. Und noch etwas hat er hinterlassen: Kultur. „Stahl wollte Kultur“, sagt Valentina Dawidowitsch, wenn sie eine Tischdecke oder Servietten auf den Tisch legt. Das sagt sie mehrmals am Tag, lässt aber offen, ob sie eine Tischdecke wirklich für Kultur hält. Für Stahl hat sie 15 Jahre gearbeitet, den Traktor gefahren und das Haus renoviert. Heute kommt der Sohn ein paarmal im Jahr und sieht nach dem Rechten.

Im Winter muss die Haushüterin nur heizen und die Wachhunde füttern, die aus Langeweile an der Kette toben und sich über jedes gute Wort freuen. Valentina Dawidowitsch sitzt Tag und Nacht mit zugezogenen Gardinen im Wohnzimmer am Computer und chattet mit ihren Bekannten in Sibirien, dem Ural und in Moskau. Alle zehn Minuten das Pling für eine neue Nachricht. Daneben bedient sie drei Handys. Wieso drei? „Ich habe drei Anbieter“, sagt sie und lacht, „das ist dann insgesamt billiger.“ Zwischendurch heizt sie gefrorene Hähnchenteile in der Mikrowelle auf. „Mein Magen“, sagt sie, „der verträgt nichts anderes.“ Es klingelt, vor der Tür stehen zwei Mädchen aus der Nachbarschaft, sie betteln. „Geht in die Stadt“, sagt Valentina und schließt die Tür. Der Blick, den die beiden mir noch zuwerfen, ist verächtlich und enttäuscht zugleich.

Dubrava ist ein Dorf, das sich zäh und voller Hoffnung ans Leben klammert. Hier wohnen mehr Störche als Einwohner. Die Gegend um den Ort herum ist versumpft. Es fehlen die Bauern, die Entwässerungsgräben anlegen und frei halten. Im Dorfteich nagt ein Biber die umliegenden Büsche ab und baut große Dämme für seine Burg. Dahinter, an einer Wegkreuzung, stehen etwa zehn bewohnte Häuser und dazwischen einige, bei denen Birken aus der Dachrinne ragen und der Trampelpfad zur Haustür zugewachsen ist.

Ansonsten gibt es noch einen kleinen Laden und einen Raum, der für evangelische Gottesdienste genutzt wird. „Ich glaube ja nicht an Gott, aber dann treffe ich mal die anderen“, sagt Valentina und schmeißt einen alten roten Golf an, der enorme Qualmwolken ausstößt und zum Inventar des Hauses Stahl gehört.

Der Kirchenraum ist warm und kuschelig. Auf einem Tisch an der Wand liegt eine weiße Decke, und Kerzen brennen. Etwa zwanzig Kinder, Frauen und Alte sitzen auf Stühlen eng zusammen und hören auf einen Pastor, der Zettel mit dem genauen Ablauf des Gottesdienstes verteilt. Singen, beten, aufstehen, hinsetzen und wieder singen. Nach einer halben Stunde haben einige keine Lust mehr und gehen zur Tür.

Mit „Na, na“ und einem vorwurfsvollen Blick über seine Brille hinweg, die unten auf der Nasenspitze sitzt, holt der Pfarrer sie wieder an ihren Platz zurück. Eine junge, schwangere Frau steht auf und liest Namen vor, die man zu Beginn des Gottesdienstes auf einen Zettel schreiben konnte. Ein Gedenken an Kranke, Tote und vom Weg Abgekommene. Draußen vor den Kirchenfenstern grölen Jugendliche und lassen Mopeds knattern. Drinnen stellen sich alle für das Abendmahl in einen Kreis. Nun will ich zur Tür, werde aber von Valentina zurückgeholt. Rotwein, Oblaten und gemurmelte russische Worte, die ich nicht verstehe. Sie meint wohl, jetzt zu bleiben, das sei besser, als draußen im Dunkeln herum zu stehen. Danach rücken die Frauen einen Tisch und Stühle in die Mitte, und es gibt Tee und Kekse, jeder Teebeutel wird mindestens zweimal benutzt. Ich soll erzählen, wer ich bin. Eine Russlanddeutsche übersetzt. Sie stammt aus Kasachstan und hat in Dubrava zehn Kinder bekommen. Sie sagt das mit Stolz. Die Frauen machen Scherze über den Kirchenmann, der auch in der Runde sitzt. Er nimmt das locker und lacht mit ihnen.

Abends schaltet Valentina den Computer endlich aus, wir spielen Karten. Russki Psychiater heißt ihr Lieblingsspiel. „Wer verliert, muss zum Psychiater“, erklärt sie mir. Sie gewinnt ein Spiel nach dem anderen und freut sich. Sie hat im Raum einige Familienfotos zwischen die Ölgemälde des einstigen Besitzers gehängt. Sie zeigen Valentinas früheres Leben, eine ernste, junge Frau mit glatten, braunen Haaren und nachkolorierten Lippen. Das war die Zeit, als sie als Radiomechanikerin in Archangelsk arbeitete. Der Raum sieht aus, als könne sie in fünf Minuten ihre Sachen packen und verschwinden.

Dann gehen wir schlafen, ich auf das Sofa und Valentina auf ein schmales Klappbett, das auch im Wohnzimmer steht. Es sei zu gruselig im einstigen Schlafzimmer von Stahl, sagt sie.

Am nächsten Tag sind keine Hähnchenteile mehr da, und ich brauche Brot. Wir fahren die 500 Meter mit dem Golf zum Laden. „Bloß kein Sport“, sagt Valentina, die einen Hüftschaden hat und für jeden Schritt ihr rechtes Bein mit Schwung nach vorn wirft. Fast alle, die gestern in der Kirche waren, stehen jetzt hier und unterhalten sich. Als ich mir für das Brot die passenden Rubel aus dem Portemonnaie zusammen suche, geht ein leises Seufzen durch den Raum. Die Frau mit den zehn Kindern sieht angestrengt aus dem Fenster. Valentina zeigt mir noch ihr altes Haus in Dubrava, in dem sie bis zu Stahls Tod gelebt hat. „Das macht krank“, sagt sie über die feuchten und leeren Räume, die mehr an einen Stall als an ein Zuhause erinnern. Und dann noch: „Ich bin allein, habe kein Haus, kein Auto, kein nichts.“ Sie sagt das mit einem schnellen Lächeln. Und es klingt nicht hoffnungslos.

Aber ich fühle mich langsam so und fahre zur Kurischen Nehrung nach Morskoje, damit sich meine Stimmung ändert. Ein Spaziergang am Haff hat bisher noch immer geholfen. Auf dem Rückweg zum Auto kommen mir zwei alte Frauen, die Handtasche über dem Arm, auf einem Waldpfad entgegen. Die eine im Mantel mit Hut und passenden Handschuhen, die andere in Trainingshose und Kopftuch. Die im Mantel geht gebückt und sieht aus, als wäre sie nicht ganz da.

Wären wir Kinder

Sie sind auf dem Weg zum Friedhof, und ich darf sie begleiten. Der stille Ort liegt schräg am Hang auf einer Düne und unter Kiefern. Fünfzig Gräber, schief und krumm und gewöhnungsbedürftig mit Plastikblumen geschmückt. Die mit der Turnhose holt zwei Äpfel aus der Jackentasche und steckt sie mir zu. Als wir hinter der Frau mit dem Mantel stehen, kann ich dem Grabstein entnehmen, dass ihr Mann seit sechs Monaten tot ist. Sein Bild ist in den Stein gemeißelt. Sie wischt einige Male mit dem Handballen den Staub von der Aufschrift und fängt an, den Stein zu küssen. Ganz viele schnelle Küsse. Sie weint und redet.

Ich gehe weiter zu der anderen Frau, die jetzt auch ihr Grab erreicht hat und anfängt, den Stein zu putzen. Ihr Toter ist seit fünf Jahren beerdigt. Auch sie fängt an zu küssen und zu weinen, aber nicht so leidenschaftlich. Die erste Frau baut inzwischen aus roten Ziegeln einen Wall gegen den Sand, der von den Dünen herüber weht und schon bei der Grabumrandung angekommen ist.

Dann öffnet sie ihre Handtasche und streut Weißbrot rund um den Stein. Die Frau mit der Turnhose wirft noch einige Walnüsse dazu. Ich habe die Äpfel und lege die auch hin. Beide Frauen sagen noch einen Abschiedsgruß zu ihrem Toten. Mir fällt auf russisch nur Gute Nacht ein, aber das gefällt ihnen. Sie nicken anerkennend. „Nun reicht es aber“, sagt die mit der Turnhose zu der anderen, die nicht aufhören will, das Weißbrot zu streuen. Die klappt ihre Handtasche zu, richtet sich auf und sieht plötzlich ganz wach aus. Dann gehen wir über den Waldweg ins Dorf zurück. Und wären wir Kinder, würden wir jetzt hüpfen.

Astrid Thomsen ist regelmäßig als Reisekorrespondentin in Russland, besonders in Kaliningrad unterwegs

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11:00 07.04.2012

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